Zeitung Heute : Zum Hausgebrauch

Sechs Wochen lang lebte Carmen Ferrez mit ihren beiden erwachsenen Kindern auf der Straße. Sie hatte ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Dann besetzte sie ein Gebäude. Es stand leer. Doch immer noch zuckt sie, wenn das Wort „Hausbesetzen“ fällt.

Aktivistin in der Not.
Aktivistin in der Not.

Als Carmen Ferrez am Morgen den Kühlschrank öffnet, schlägt ihr ein saurer Geruch entgegen. Sie verzieht das Gesicht. Ihr Verdacht: eine offene, halbvolle Tüte Milch. Sie zieht sie heraus, ein prüfender Blick. „Schon wieder gekippt“, sagt sie. Ihre Tochter Patricia steht im Türrahmen.

Seit Wochen gibt es keinen Strom in dem Wohnhaus, das im Zentrum von Sevilla gelegen ist, und der Sommer im spanischen Süden ist heiß. Auch das Wasser ist abgedreht. „Komm bitte mit“, sagt Carmen Ferrez zu ihrer Tochter. „Wir brauchen auch ein paar Kanister Wasser, die Klospülung ist leer.“ Patricia nickt müde. Die beiden schlüpfen in ihre Sandalen und gehen hinaus in den Vormittag. Schon jetzt, so früh, ist es 35 Grad heiß.

Ein älterer Herr läuft gerade an der Haustür vorbei. Er mustert die beiden Frauen. Er sieht eine Frau, die älter aussieht, als sie mit 56 Jahren ist. Die dunkelbraunen Augen liegen tief, die Schultern sind eingefallen, der Haaransatz in ihrem blond gefärbtem Schopf ist grau. Und er sieht ein 24-jähriges, ein wenig rundliches Mädchen. Die beiden weichen dem Blick des Mannes aus, als dürften sie hier nicht sein, als wüsste er das, als wollte er es sie spüren lassen.

Wenig später schichtet Carmen Ferrez Eiswürfel in ein Fach des Kühlschranks und legt die Einkäufe darauf. Eine Wassermelone und eine Packung Schweinefleisch. Patricia füllt die Espressomaschine mit Kaffee und Wasser aus einer Plastikflasche und stellt die Kanne auf einen Campingkocher, der direkt auf dem Boden steht. Denn die Küche ist nicht möbliert. Dann gießt sie Milch in zwei Tassen, nimmt die Milchtüte und klopft bei der Nachbarin.

„Ihr trinkt Kaffee doch auch mit Milch?“

Ana, die Nachbarin, nickt.

„Lasst uns die Tüte teilen. Dann verbrauchen wir die Milch vielleicht endlich mal, bevor sie wieder schlecht wird.“

Ana lächelt, nimmt die Milch.

Strom und Wasser hat die Stadtverwaltung von Sevilla in dem Wohnhaus, in dem Carmen Ferrez und ihre 35 Nachbarn leben, vor zwei Monaten abgestellt. Denn keiner von ihnen hat einen Mietvertrag, und niemand ist der Eigentümer.

Wer der Eigentümer ist, wissen sie auch nicht so genau. Es könnte eine Bank sein. Sie will das Haus vermutlich nicht haben. Seit die Baufirma, die es errichtet hat, in die Insolvenz ging, ist es wie so viele Häuser in Spanien, ein Wert ohne Wert geworden. Carmen Ferrez und ihre beiden Kinder sind dort eingezogen, weil es auch ihnen eine letzte Sicherheit bietet.

Die Mutter und ihre erwachsenen Kinder lebten auf der Straße, und sie wussten nicht, wie sie das ändern sollten. Der Nachbarin Ana, 67, erging es ähnlich. Sie zog wochenlang von einem Wohnzimmer von Freunden ins nächste, nachdem sie das Reihenhaus räumen musste, in dem sie mit ihrem Mann, den beiden alleinerziehenden Töchtern und den vier Enkeln lebte. Sie konnte die Hypothek nicht mehr zahlen. Die Sozialarbeiterin hatte Ana und ihrem Mann nur einen Platz in einem staatlichen Altenheim angeboten. Die Heime haben in Spanien einen ähnlich schlechten Ruf wie Gefängnisse.

Auch die anderen Bewohner hatten ihr Zuhause entweder schon verloren oder sie standen kurz davor. Zehn von ihnen brachen deshalb vor drei Monaten erst die Haus- und dann die Wohnungstüren auf.

Das Wohnhaus mit der Fassade aus roten Ziegeln war schnell hochgezogen worden, zwei Jahre hatte es leer gestanden. Komplett fertiggestellt, sogar Wasser und Strom waren schon angeschlossen. Eigentlich gehört das Gebäude der Baufirma, die Konkurs angemeldet hat. Doch damit indirekt der Bank. Bisher hat weder die Baufirma noch die Bank die neuen Bewohner angezeigt.

Vielleicht hat das damit zu tun, dass Banken in Spanien gerade ein schlechtes Image haben. Sie gelten als mitverantwortlich für die Krise, weil sie mit billigen Krediten die Immobilienblase zuerst groß gemacht haben und dann platzen ließen. Kaum ein Spanier sagt heute das Wort „banco“, ohne das Gesicht zu verziehen. In dieser Situation könnte es fatale Folgen haben, wenn eine Bank verzweifelte Familien auch aus der letzten Bleibe werfen würde, die diese noch gefunden haben. Polizisten sind deshalb nicht vorbeigekommen, dafür mehr als 40 Familien, die Ferrez und die anderen nach einer Wohnung in dem Haus gefragt haben.

Allein im vergangenen Jahr haben 60 000 Familien in Spanien ihre Wohnungen verloren, weil sie die Hypotheken nicht mehr bedienen konnten. Und viele weitere wurden aus ihren Wohnungen geworfen, weil sie die Miete nicht aufbringen konnten. Gleichzeitig hat der Bauboom im ganzen Land mehr als drei Millionen leer stehende Wohnungen hinterlassen, für die es am Markt keinen Bedarf gibt. Wie nahe liegt der Gedanke, in eine dieser leeren Wohnungen zu ziehen, für Familien, die ihr Dach überm Kopf verloren haben? Irgendwann in diesem Jahr taten es die ersten. Wie viele Familien bisher gefolgt sind, ist nicht bekannt. Die Sprecherin eines Betroffenenbündnisses sagt, es gebe mittlerweile fast in jeder spanischen Stadt Hausbesetzer aus der Not.

Carmen Ferrez zuckt immer noch zusammen, wenn das Wort „Hausbesetzen“ fällt. Sie sagt lieber, „wir bewohnen das Haus“. Wenn sie früher in der Zeitung gelesen hat, dass wieder einmal ein Haus von linken Aktivisten besetzt wurde, lehnte sie das immer ab. Auch Politik hat sie nie interessiert, die Welt wollte sie nie verbessern.

Carmen Ferrez und ihre beiden Kinder hatten die Miete schon elf Monate lang nicht mehr bezahlt, als es eines Morgens Anfang März an ihrer Tür klingelte. Der Gerichtsvollzieher hielt ihr den Räumungsbeschluss vors Gesicht, sagte, sie habe eine Stunde Zeit, um ihre Sachen zu packen, hinter ihm zwei Männer von einer Umzugsfirma. Dann, sagte er weiter, würden sie wieder kommen und den Rest einpacken. Zehn Jahre hatte die Familie in der kleinen Dreizimmerwohnung gelebt. Es gab viele Schubladen mit vielen wichtigen Dingen und keine Verwandten, die sie hätten aufnehmen können.

Ferrez verdient knapp tausend Euro beim Wachdienst im andalusischen Gesundheitsministerium, die Stelle hat sie seit fast 25 Jahren. Für Andalusien sind tausend Euro ein gutes Monatsgehalt. Außerdem lebte die Familie in einer Sozialwohnung. Doch auch deren Miete war in den vergangenen vier Jahren von 190 auf 450 Euro gestiegen. Und als die beiden Kinder Anfang vergangenen Jahres den Job verloren – und keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hatten, weil sie illegal beschäftigt gewesen waren – und die pflegebedürftige 80-jährige Mutter einzog, reichte das Gehalt von Carmen Ferrez nicht mehr. Ferrez hörte auf, die Miete zu bezahlen. Sie wusste, dass das nicht gut gehen würde.

Also weckte Carmen Ferrez an diesem Morgen im März ihre Kinder, packte Wechselwäsche, Zahnbürste, Pasta und Deo in ihre Tasche und stopfte den Inhalt des Kühlschranks in Plastiktüten. Dann half sie ihrer Mutter, die noch im Bett lag, in den Rollstuhl.

Als die vier die Wohnung verließen, drückte ein Umzugshelfer Carmen Ferrez eine Karte in die Hand und sagte, „dort finden Sie Ihre Möbel und die Rechnung für den Umzug.“ Dann fügte er an: „Wenn Sie die Sachen nicht innerhalb von drei Monaten abholen, werfen wir sie weg.“

An diesem Tag meldete Carmen Ferrez sich krank und ging ins Büro einer Sozialarbeiterin der Stadt, mit der sie über die drohende Räumung gesprochen hatte. Als sie sich nun nach einer neuen Wohnung erkundigte, antwortete die Sozialarbeiterin nur, „haben Sie wirklich keine Angehörigen, die Sie aufnehmen können? Oder Freunde?“ Schließlich bot sie an, die Mutter kurzfristig in einem staatlichen Altenheim unterzubringen. Für Carmen Ferrez und die Kinder hatte sie keine Lösung.

Die Nächte verbrachten die drei von da an manchmal im Eingang einer Bank, selten in der Obdachlosenherberge. Frühmorgens wuschen sie sich in den Toiletten von irgendwelchen Bars. Die ersten drei Wochen ging Carmen Ferrez noch jeden Morgen zur Arbeit, nachmittags trafen sie sich auf den Bänken in dem kleinen Park zwischen den Hochhäusern im Viertel Macarena im Norden von Sevilla, keine 500 Meter von ihrer alten Wohnung entfernt.

Was diese Situation mit einem Menschen macht? Carmen Ferrez nestelt am Saum ihres T-Shirts, als sie erzählt, und sie blickt starr auf die Tischplatte. Wie viel Energie es kostet, normal zu bleiben.

Eines Morgens schaffte Carmen Ferrez es nicht, sich von der Parkbank zu erheben. Der Arzt diagnostizierte eine schwere Depression, schrieb sie krank und verordnete Antidepressiva. Wenige Tage später erhielt die Tochter dieselbe Diagnose, kurz darauf der Sohn. Heute stapeln sich die Medikamentenpackungen auf dem Wohnzimmertisch.

Irgendwann, mittlerweile war es Mitte April, sah Carmen Ferrez in einer der Bars, in der sie sich morgens wusch, einen Aushang, dort stand: „Sind Sie von Wohnungsnot bedroht? Betroffene treffen sich jeden Mittwochabend im Sozialzentrum von Macarena.“

Dort traf Ferrez auf eine Gruppe junger und alter Menschen, die allesamt keine Wohnung mehr hatten oder kurz davor standen, ihr Heim zu verlieren. Sie diskutierten darüber, wie sie am besten ein leer stehendes Wohnhaus besetzen könnten. Carmen Ferrez fühlte sich geborgen zwischen Menschen mit einem ähnlichen Schicksal, die nach Lösungen suchten. Und unwohl bei dem Gedanken, ein Haus zu erobern und etwas Illegales zu tun. Doch das Gefühl schrumpfte im Laufe des Abends. Und irgendwann schrieb Carmen Ferrez ihren Namen und ihre Telefonnummer auf ein Blatt Papier, auf dem ganz oben stand: „Familien, die bei der Besetzung mitmachen“.

Ende April dann der Anruf. „Es ist so weit“, sagte die Stimme. „Wir sind in dem Haus in der Avenida de las Juventudes. Komm vorbei.“

Carmen Ferrez erinnert sich, dass sie sofort eine Gänsehaut bekam. „In dem Moment fing ich an, wieder an Gott zu glauben“, sagt sie heute im Wohnzimmer der neuen, 50 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung. Gott, das ist der Mut zu nehmen, was man braucht. Eine Matratze liegt auf dem Boden, ein Glastischchen steht davor, an der Wand stapeln sich große Umzugskisten. An der Wohnungstür sind noch immer die Spuren der Besetzung zu sehen. Das Schloss ist nachträglich in die Tür gesetzt.

Am frühen Abend klopft Ana, die Nachbarin, bei Carmen Ferrez. Ferrez hat ein grauweiß gestreiftes Kleid angezogen, Ohrringe angelegt. „Es ist so weit. Lass uns gehen“, sagt sie hastig. Sie haben einen Termin. Auf der monatlichen Versammlung der Bezirkspolitiker wollen sie fordern, dass Wasser und Strom wieder angeschlossen werden.

Vor dem Haus wartet ein Grüppchen von zehn Leuten, sie wollen gemeinsam losziehen. Eine peruanische Familie mit zwei kleinen Kindern kommt aus einem der Hauseingänge und stellt sich stumm dazu. Aus einem anderen tritt eine schwarzhaarige Frau, Mitte 60, gefolgt von einer jungen alleinerziehenden Mutter und ihrem kleinen Sohn. Auch die beiden Töchter von Ana mit den zwei pubertierenden Söhnen sind da. Erst als zehn Minuten lang niemand Neues hinzukommt, brechen sie auf.

Auf dem Weg erzählt Carmen Ferrez der peruanischen Familie, dass sie sich von jetzt die Milch mit Ana teilt. Da kommt die Gruppe an einer Sparkasse vorbei. Carmen Ferrez verstummt, wendet den Blick ab.

Sie könnte jetzt erzählen, dass sie oft im Eingang dieser Bank geschlafen hat. Dass sie morgens immer um sechs Uhr aufgestanden sind, um dem Wachmann nicht zu begegnen.

Im Bezirksamt heißt es, nur ein Vertreter der Gruppe dürfe in die Versammlung. Der Vater der peruanischen Familie deutet auf Carmen Ferrez. Sie schüttelt erst den Kopf, denkt dann kurz nach, strafft ihre Schultern und geht hinein.

Im Saal spricht ein Politiker der sozialistischen Partei PSOE die Probleme in dem besetzten Haus an, aber die konservative Bezirksvorsitzende, eine große, blonde Frau im Hosenanzug, Mitte 30, stöhnt: „Da kann man nichts machen.“ Sie will zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen. Da steht Carmen Ferrez auf. Es ist vielleicht das erste Mal in ihrem Leben, das sie sich vor anderen Menschen, die zu ihr aufblicken müssen, erhebt. Sie blickt die Vorsteherin an und sagt mit fester Stimme: „Da kann man nichts machen?“ Und dann: „Da muss man etwas machen.“

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