Zeitung Heute : Zum Helden geschlagen

Wieder war es dunkel, wieder waren es viele gegen einen, wieder war der eine schwarz. Am Ende war er tot, und eine Kamera hatte es festgehalten. Das Verbrechen der Polizisten von Cincinnati gleicht einem anderen schrecklichen Fall, der Legende wurde – dem Fall Rodney King.

Kerstin Kohlenberg

Als es passierte, saß er mal wieder im Gefängnis. Er hat wahrscheinlich geschlafen, als das Video, das so sehr an sein eigenes Leben erinnert, im Fernsehen gesendet wurde. Das Video, das weiße Polizisten zeigt, die einen Schwarzen zusammenschlagen. Es ist dunkel, wie damals bei ihm. Wie bei ihm spielen auch dieses Mal Drogen eine Rolle. Als am Sonntag, dem 30.November, in Cincinnati ein Schwarzer stirbt, sitzt Rodney King hinter Gittern. Und wahrscheinlich ist ihm die Welt da draußen mittlerweile völlig egal.

Vor einem Jahr, da war er schon einmal so weit. Da saß er in dem leuchtend weißen Gebäude der Entzugsklinik von Pamona in den Bergen Kaliforniens, glotzte durch die getönten Scheiben, und wartete, dass sie endlich aufhört, diese Scheißangst vorm Leben. Über ihm sausten die Autos Richtung Los Angeles.

Rodney Glen King ist berühmt geworden in einer Nacht. Am 3.März 1991, ebenfalls durch ein Video. Darauf sieht man einen gekrümmten Haufen, der auf dem Boden liegt, kriecht, immer wieder versucht, auf die Beine zu kommen. Bewegungen in betrunkener Zeitlupe. Vier Polizisten stehen um ihn herum und schlagen mit voller Wucht auf den Körper ein. Sie treten King sechsmal und schlagen 56mal mit Metallstäben zu. Das Video, das ein Mann durch Zufall gemacht hat, wird in ganz Amerika ausgestrahlt. Dann weltweit. Tagelang. Nur das Attentat auf J.F. Kennedy war bis dahin häufiger zu sehen. Das Video macht Rodney King über Nacht zum Symbol des amerikanischen Rassismus. Da war er 25, und das Video das erste seiner Art.

Die große Enttäuschung

Er sei noch zu labil, sagte die Dame an der Rezeption der Klinik in Pamona, außerdem auf Entzug, sagte seine Cousine, vielleicht könne man ihn treffen, wenn er hier entlassen werde, sagte sein ehemaliger Mentor Renford Reese. Rodney King war kurz zuvor festgenommen worden, weil er halb nackt auf einer Kühlbox herumgesprungen war, high. Danach hatte man ihn nach Pamona gebracht.

Der Fall in Cincinnati hat nicht getaugt zur Identifikation. Anders als 1991. In Cincinnati gab es Empörung, aber keine Aufstände. Die Videos verlieren ihre Wirkung, denn sie bringen die Erinnerung an Enttäuschungen mit.

Damals bei Rodney King hoffte die schwarze Bürgerbewegung, er werde eine Rolle wie Martin Luther King spielen. Er sollte Vorfälle wie den in Cincinnati vor zehn Tagen und den 2001, als weiße Polizisten einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, unmöglich machen. Vorfälle wie den in Inglewood 2002, als an einer Tankstelle gefilmt wurde, wie zwei weiße Polizisten den 16-jährigen Donovan Jackson zusammenschlugen. Oder den Vorfall in New York 1999, als vier Polizisten 41 Schüsse auf einen unbewaffneten Schwarzen abgaben. Oder den 1997, als weiße New Yorker Polizisten einem Schwarzen einen Besenstiel in den After stießen.

Und er hat es versucht. Am 29. April 1992 trat Rodney King auf einem überfüllten Parkplatz in Los Angeles an die Mikrofone. Die weißen Polizisten, die ihn ein Jahr zuvor verprügelt hatten, waren am Morgen freigesprochen worden. Freispruch durch eine weiße Jury. In wenigen Stunden brannte South Central, das Schwarzen-Viertel von Los Angeles. Es starben 54 Menschen, Tausende wurden verwundet, 15000 Häuser zerstört. Ein Schaden von 700 Millionen Dollar. Kings Kopf war gesenkt und mit brüchiger, aufgeregt hoher Stimme sprach er seine berühmte Bitte: „Can we all get along?“ „Können wir nicht alle miteinander auskommen? Können wir nicht damit aufhören, es noch schlimmer für die Älteren und die Kinder zu machen? Wir müssen, wir müssen einfach…“

Nach den Aufständen werden die vier Polizisten erneut vor Gericht gestellt. Zwei werden zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die anderen werden erneut freigesprochen. Rodney King erhält 3,8 Millionen Dollar Schadenersatz. Es ist die Chance seines Lebens. Warum hat es nicht geklappt?

Rodney King war damals nicht durch Zufall zum Opfer geworden. Die Polizeiakte von Rodney King erzählt auf unzähligen Seiten von einem Leben, das schon ziemlich am Ende angekommen war, bevor es weltweit in die Wohnzimmer übertragen wurde. Rodney Glen King wuchs mit fünf Geschwistern in der Nähe von Los Angeles auf. Dort hieß er Glen, erst die Journalisten haben Rodney aus ihm gemacht. Die Mutter war Zeugin Jehovas, Vergnügen war Teufelszeug. Als Glen sieben wurde, baute der Vater seine Ein-Mann-Reinigung aus. Glen schrubbte nach der Schule nun mit ihm Krankenhausböden. Die Schule hat er nie beendet, Lesen und Schreiben nie richtig gelernt. Dann starb der Vater, und Glen übernahm von ihm das Trinken. Mit 17 wurde er zum ersten Mal Vater, mit 18 zum ersten Mal beim Klauen erwischt, mit 23 kam er zum ersten Mal ins Gefängnis.

An jenem 3.März, der Nacht des Übergriffs, war King erst seit kurzem auf Bewährung draußen. Er war mit einem Freund auf dem Weg in ein Tonstudio. Die Musik in seinem Wagen war laut, sie hatten getrunken. Als King die Polizisten sah, dachte er, benebelt wie er war, er könnte ihnen entkommen.

Nur ein paar Meilen von der Entzugsklinik entfernt liegt die Universität von Pamona. Hier unterrichtet Renford Reese, ein Politik-Professor, der Rodney King 1997 häufig getroffen hat. Reese war 29, durchtrainiert, schwarz und schon Professor. Was die beiden verband, war das Alter, der Sport und Kings Bewunderung. Es trennten sie seine Angst, sich zu blamieren, und der Rest des Lebens.

Reese kommt gerade vom Golfspielen. Er wischt sich über den Kopf. Das Wasser läuft in Bächen von der glatt rasierten Glatze. Er hat mit einem Studenten gespielt. Das macht er öfter, seine Studenten herausfordern. Auch mit Rodney hat er das versucht.

Zum ersten Mal begegneten sie sich auf dem Uniparkplatz. Ontresicia Averette, Rodneys Cousine, studierte bei Reese. King trägt an diesem Tag einen grauen Anzug, und seine Haare sind dicht am Kopf zu kleinen Zöpfen geflochten. Beinahe zwei Meter ist er groß und durchtrainiert, aber seine Krawatte hängt schlabberig an ihm runter. Reese bindet sie ihm erst mal richtig. Er soll vor seinen Studenten sprechen, er soll als Symbol der Rassenunterschiede und der Ungerechtigkeit auftreten. Und so ein Symbol hat nun einmal einen richtigen Krawattenknoten zu tragen.

Reese erzählt Rodney King in den darauffolgenden Monaten von einer Theorie, die sagt, dass schwarze und weiße Menschen die Welt unterschiedlich interpretieren. Drogen zum Beispiel. Bei Crack bekommt man die Mindeststrafe, fünf Jahre Gefängnis, wenn man beim Verkauf von fünf Gramm erwischt wird. Bei Kokain müssen es schon 500 Gramm sein. Obwohl Crack und Kokain chemisch dasselbe sind. Warum die unterschiedliche Strafe? Weil Crack die Droge der Schwarzen ist, erklärt Renford, und Kokain die der Weißen. Und Rodney King erzählt Reese von seinem Leben. Zwei Monate nach dem Übergriff wird er von der Polizei gestoppt, weil seine Windschutzscheibe zu stark getönt ist. 17 Tage später überrascht die Polizei ihn in einer Seitenstraße mit einem Transvestiten. Ein Jahr später wird er betrunken am Steuer erwischt. Kurz darauf kracht er wieder betrunken mit seinem Wagen in eine Disco. Das, sagt Resse, habe wenig mit der Theorie zu tun, und geht mit Rodney erst einmal laufen.

Sie sind viel draußen gewesen, in diesem Jahr 1997. Das Jahr, in dem King mit seiner Cousine die Plattenfirma „Straight Al-Ta-Pazz“ gründete. Das Jahr, in dem Rodney King es noch einmal probieren wollte.

Ontresicia Averette, Rodneys Cousine, sitzt in einem Café in Pasadena. Im Hintergrund wachsen die kalifornischen Berge in die blaue Luft, davor sehen die Studenten auf der Hauptstraße wie bunte Zwerge aus. Averette ist die einzige Schwarze im Café. Sie trägt einen grauen Jogginganzug und ist gerade aus New York zurückgekommen. Sie arbeitet bei Philip Morris. „Damals“, sagt sie, „habe ich Rodney immer verteidigt. Die Tatsache, dass er häufig verhaftet wurde, aber so gut wie nie verurteilt, ist doch auch ein Beweis dafür, dass die Polizei Schwarze unter besonderer Beobachtung hat.“

Fünf Jahre hat sie mit ihm zusammengewohnt. Um die Plattenfirma aufzubauen. Und Rodney irgendwie mit. Er ist in dieser Zeit oft allein surfen gewesen, unter sein Brett hat er sich seinen Spruch sprühen lassen: „Can we all get along?“. Aber er blieb ängstlich. „In ein solches Café hier wäre er nie gegangen“, sagt Averette. „Einmal hat er ein scharfes Stück Metall in seinem Essen gefunden, ein anderes Mal sah man genau, dass jemand auf das Essen gespuckt hat. Die Leute mochten ihn, oder sie hassten ihn. Etwas dazwischen gab es nicht.“ Die Schwarzen hassten ihn, weil er das weiße Vorurteil des schwarzen Losers bestätigte, die Weißen hassten ihn, weil sie ihm die Schuld für die Aufstände gaben. Da blieb Rodney King lieber daheim.

Er schenkte seinem Bruder ein Apartment, seiner Sekretärin eine Reise nach Mexiko, und sich das eine oder andere Mädchen. Dann kam die erste CD raus, „Stranded“. Interviewtermine mussten eingehalten werden. Und plötzlich war Rodney für Tage verschwunden. Er saß mit seiner Freundin zugedröhnt vorm Fernseher, während die Radiosender auf ihn warteten.

Dazu kam noch, dass er sich in einem unendlichen Dickicht von Anwälten verheddert hatte. Der erste Anwalt nahm ihn noch im Krankenhaus, direkt nach dem Übergriff, unter Vertrag. Der zweite erstritt ihm die 3,8 Millionen Dollar Schmerzensgeld plus 1,5 Millionen für das Anwaltshonorar. Und damit ging der ganze Streit los. Denn die Mitarbeiter des Anwalts verlangten die ganzen 1,5 Millionen. Also verklagte der Anwalt King zusätzlich auf sein eigenes Honorar, 1,192 Millionen Dollar. Und gewinnt. King wechselt erneut die Anwälte, verliert wieder Geld, wechselt erneut.

Angst vor dem Versagen

Wenn er mal wieder zu Hause auftauchte, lag er in den Armen seiner Cousine und heulte. Und fragte sie, warum ihn die Menschen nicht mögen? Sie mögen dich nicht, weil du sie im Stich lässt, sagte die Cousine. Und wusste, dass er sie im Stich ließ, weil er Angst vorm Versagen hatte. Deshalb suchte er sich immer Leute von der Straße, Leute mit Drogenproblemen. Leute, denen er imponieren konnte. „Er wird von Losern magnetisch angezogen“, sagt Averette. Sie kann Rodney sein Aufgeben nicht verzeihen. Sein Leben muss man schon irgendwie selber leben.

Auch wenn es nicht leicht ist. Wenn elf Prozent, also doppelt so viel Schwarze arbeitslos sind wie Weiße, und umgekehrt nur halb so viel Schwarze einen Uni-Abschluss haben. Und gerade weil die Situation so schwierig ist, hätte man so gerne Helden. Rodney King aber war dieser Held nicht.

Letzter Stand bei Rodney King: Nach seiner Entlassung Anfang des Jahres aus Pamona hat er nicht lange gewartet. Am 20.August stand in der Zeitung: „Rodney King ist wegen Fahrens unter Drogeneinfluss verurteilt worden. King war im April mit mehr als 160 Kilometern pro Stunde in der Stadt Rialto mit seinem Wagen verunglückt. Er muss 1454 Dollar Strafe zahlen und für vier Monate ins Gefängnis.“

Letzter Stand in Cincinnati: Der Gerichtsmediziner sagt, dass Nathaniel Jones in erster Linie durch den Kampf mit den Polizisten gestorben ist. Es liege ein Tötungsdelikt vor. Damit sei aber nicht gesagt, dass die Polizei „exzessive Gewalt“ angewandt oder in „böser Absicht“ gehandelt habe.

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