Zeitung Heute : Zum Honeymooner werden

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Nichts würde ich lieber sein als genügend frech, um auf Kosten anderer leben! Es gibt Menschen, die können das.

Ich hatte eine Freundin, die mit einem verheirateten Mann ein Verhältnis pflegte und die, als er sich für seine Ehefrau entschied, mehrere Abfindungsgeschenke herausschlagen konnte: eines war ein Einkaufsgutschein für eine Nobelmarke, das andere sein Auto. Ein Schulfreund, der nicht viel Geld hatte, eroberte das Herz einer Frau, indem er sie in ein teures Restaurant einlud. Bevor sein Teller leer war, schummelte er ein mitgebrachtes Ungeziefer zwischen das Gemüse und musste deshalb nicht zahlen.

Gern erinnere ich mich an die Tat eines jungen Mannes, die schon Jahre zurück liegt: Zunächst fälschte er Telefonkarten im Wert von 50 Mark, die sich, sobald sie zu Ende gingen, auf wundersame Weise wieder selbst aufluden. Dann meldete er bei der Telekom eine Hotline an, bei der die Anrufer pro Minute ordentlich Geld bezahlen mussten. Werbung hatte er nicht nötig: Er stellte sich selbst in eine Telefonzelle und rief stundenlang seine eigene Nummer an – mit jener Karte, die nie zu Ende ging. Am Ende hatte er viel Geld verdient, landete aber auch schnell im Knast.

Mir fehlt der Mut für sowas. Dachte ich zumindest, bis ich eine Bekannte wieder traf. Sie sah erholt aus und sagte, das liege daran, dass sie geheiratet habe. Das Ereignis ist zwar schon anderthalb Jahre her, aber seither lassen sie und ihr Mann es sich gut gehen. Egal ob sie verreisen oder Essen gehen – stets turteln sie verliebt und flüstern dem Personal zu, sie seinen in den Flitterwochen. Das wirkt: Eine Fluggesellschaft hat ihnen ein Upgrade spendiert, mehrere Hotels Hochzeitsuiten dekoriert, Restaurants geben mindestens den Sekt aus. Bisher hat noch niemand nach einer Heiratsurkunde gefragt. Und selbst wenn: In die Flitterwochen kann man auch Jahre später reisen. Wenn das kein Grund zum Heiraten ist!

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