Zeitung Heute : Zum Küssen braucht man ein Auto

Eine Eisdiele, ein Fitness-Studio, ein Kulturzentrum – in die afghanische Stadt Herat ist das Leben zurückgekehrt. Heute vor einem Jahr begannen die USA mit ihren Bombardements. Und jetzt sagt der 23-jährige Naim Maleki: „Wir haben hier viel nachzuholen.“

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Von Jan Heidtmann, Herat

Es ist Dienstagabend, und wie an jedem Dienstagabend seit einem Monat beginnt Naim Maleki sein wöchentliches Ritual: Sorgfältig umwickelt er Handgelenke und -ballen mit roten Bandagen, dann steckt er kleine und große Gewichte auf eine Eisenstange und reibt sich schließlich die Hände mit dem unförmigen Magnesia-Klotz ein. Neben uns keuchen und stöhnen kräftige Kerle mit ernsten Gesichtern. Es riecht nach Schweiß. An der Wand hängt ein Poster von Arnold Schwarzenegger. Das Fitness–Studio hat vor einem Monat aufgemacht, ein düsterer, stickiger Raum im Keller eines heruntergekommenen Baus am Bazar von Herat.

Inmitten der Symbole kraftstrotzender Männlichkeit wirkt Naim noch schmächtiger, als er schon ist: Sein Gesicht ist fein geschnitten, die Beine sind dünn wie Spazierstöcke. 23 ist er, mit seinen spärlichen schwarzen Haaren und dem dünnen Bart könnte er auch 30 oder älter sein. Naim spielt lachend mit den wenigen Muskeln an seinen Armen und sagt: „Wir haben hier viel nachzuholen.“

Die Viertelmillionenstadt Herat wirkt wie ein gerade genesener Patient: Noch sind nicht alle Wunden verheilt, trotzdem ist es höchste Zeit, sich wieder ans Leben heranzutasten. In der Innenstadt gibt es seit gut zwei Monaten eine Eisdiele, in der die Männer bei indischen Musikvideos Softeis mit Mangomus essen, ein paar Häuser weiter kann man Schach und Ping Pong spielen. An jeder zweiten Ecke haben Kinder selbstgebastelte Tischkicker aufgebaut, kurze Hölzer an den Stangen ersetzen die Spielerfiguren und Holzkisten das Spielfeld. Im Stadtpark kann man schon am frühen Morgen den Jungen beim Spielen zusehen. Sie haben kurze Hosen und T-Shirts an, früher wären sie dafür noch mit Prügeln bestraft worden. Im Stadion, in dem die Taliban Männer erschossen und Frauen gesteinigt haben, war im Sommer wieder ein Fußballspiel zu sehen: Herat gegen die iranische Nachbarstadt Maschad. Abends ist aus den Häusern laute afghanische Musik zu hören. Ein Jahr, nachdem die Amerikaner ihren Feldzug in Afghanistan begonnen und die Taliban vertrieben haben, arbeiten die Herater mit einer erstaunlichen Energie am Wiederaufbau der Stadt. Im Gegensatz zu anderen Metropolen des Landes wie Kabul oder Mazar i Scharif ist die Situation in der Stadt im Westen, nahe der iranischen Grenze, erstaunlich ruhig. Stück für Stück wird Herat zur afghanischen Musterstadt und knüpft an seine Jahrhunderte alte Geschichte als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des Landes an.

Tausche Fahrrad gegen Lehrer

„Vorne, da fließt ein Kanal, es stinkt fürchterlich“, sagt Naim etwas verlegen und klopft zum dritten Mal an die schiefe Tür. Endlich wird sie geöffnet. Er ruft etwas in den Hof hinein, lacht dann ein bisschen nervös. Wir sollten besser noch einen Moment warten, sagt er, seine beiden Schwestern müssten erst in ihre Zimmer gehen. Obwohl sich die Frauen längst wieder mit unverhülltem Gesicht in der Öffentlichkeit zeigen dürfen, tragen die meisten eine Burka. „Die Taliban haben ihnen das regelrecht eingeprügelt“, sagt Naim. Nur in ihren Häusern tragen die Frauen keine Burkas.

Der Hof ist jetzt menschenleer, es gibt eine einfache Feuerstelle, sonst nichts. In den drei Häusern darum, einstöckigen Lehmbauten, lebt Naims Familie: sein Bruder, die beiden Schwestern und drei Onkel mit ihren Frauen und Kindern. Naims Zimmer ist ein einfacher Raum ohne Möbel, auf dem Boden liegt ein dunkler Teppich, in einer Ecke zusammengerollt das Bettzeug. Auf einem Steinsims stehen ein paar Bücher, eine englische Grammatik und ein Lexikon.

Das Haus seiner Eltern liegt im Osten der Stadt, in einem der ärmeren Viertel Herats. Weil die Straßen nicht aphaltiert sind, bläst der Wind den Sand durch die Gassen. Wenn der Bürgermeister im Radio fordert, das Kilo Tomaten für 5000 Afghani (rund 60 Cent) statt 3000 zu verkaufen, dann trifft das die Leute hier. Naims Vater ist Teppichhändler, ein alter Mann, der von sich selbst sagt: „Ich sehe aus wie 100, dabei bin ich erst 70.“ Er hat einen kleinen Laden auf dem Bazar, die ersten Teppiche, die er verkaufte, waren die Aussteuer von Naims Mutter.

Lange bevor die Taliban Herat einnahmen, war die Region heftig zwischen sowjetischen Besatzern und Mudschaheddin umkämpft. 1985 floh Naims Familie in den iranischen Grenzort Torbat-é Jam. Nur der Vater harrte aus und brachte die Familie durch, indem er in Afghanistan billig Teppiche kaufte und in den Iran schmuggelte. Als Naim 1995 nach Herat zurückkehrte, war das Wohnviertel zerstört, der Bazar, das Haus, der Hof. Naim, der im Iran in der Schule einer der Klassenbesten gewesen war, wollte trotzdem nur eins: weiterlernen. Als kurz darauf junge Männer wieder in die Berge zogen, um zu kämpfen – diesmal gegen die Taliban –, stritt Naim um seine Ausbildung: Er belegte Englischkurse, die dann wegen der Gefechte ausgesetzt wurden; er verkaufte sein Fahrrad, um einen Privatlehrer zu bezahlen, der dann in den Iran fliehen musste; mit seinen letzten Ersparnissen bestach er die Taliban, damit er bei einer Hilfsorganisation Englisch lernen durfte. Fast wäre Naim gescheitert, denn zuletzt wollten die Radikalislamisten auch noch diesen Kurs verbieten. „Aber ich hatte Glück, dann kam der 11.September.“

Und dann kamen die Amerikaner. Noch heute zuckt er zusammen, wenn Flugzeuge über der Stadt kreisen. Zwei Wochen hatte die US-Armee die Region bombardiert, pausenlos, und dabei auch Zivilisten getötet. Naim weiß nicht, ob er die Amerikaner dafür verdammen oder loben soll. Nur so viel sagt er: „Ich fühle mich frei.“ Er geht wieder in die Universität und arbeitet als Übersetzer für eine Hilfsorganisation. Im Frühjahr hatte Naim sogar so etwas wie eine Beziehung: mit der Tochter des Nachbarn. Einige Male hat sie die Burka kurz hochgehoben, bevor sie im Elternhaus verschwand. „Sie war sehr schön“, sagt er. Auf dem Weg in die Stadt haben sie manchmal ein wenig miteinander gesprochen. Mehr ist nicht passiert, nicht einmal geküsst haben sie sich. „Dafür braucht man ein Auto. Dann kann man raus fahren.“ Nach ein paar Wochen hat der Vater dann dem Mädchen verboten, noch einmal mit Naim zu sprechen: Sie soll einmal einen reichen Jungen heiraten. „Ohne Geld bekommst du heutzutage in Herat kein Mädchen mehr“, sagt Naim. Trotzdem will er in Herat bleiben, sein Traum ist es, einmal als Professor Englisch zu unterrichten.

Geduldig pfriemeln sich die Herater ihre Existenzen zusammen: 14-Jährige reparieren in engen Holzverschlägen Mopeds, andere fertigen aus alten Lkw-Reifen Sandalen. Aber reich wird hier nur, wer mit dem Handel von Importwaren zu tun hat: die Autoverkäufer mit ihren Toyota-Landcruisern aus Dubai, die Spediteure, die den Transport aus dem Iran und Pakistan mafiaähnlich unter sich aufgeteilt haben, die Geldhändler, die sich mit dicken Bündeln Afghanis in der Hand in der Nähe der blauen Moschee treffen.

Besonders ärmlich geht es bei der Stadtverwaltung zu. Es fehlt an Stiften und Blöcken, wer ein Auto anmelden will, muss einen Aktenordner selbst mitbringen. Trotzdem versuchen die Behörden so etwas wie Ordnung in die Stadt zu bringen: die Löcher in den Straßen werden ausgebessert, Polizisten winken Wagen heraus, um sie nach Waffen zu durchsuchen, nachts herrscht noch immer Ausgangssperre. Eines der größten Probleme aber ist der Autoverkehr. Der nimmt täglich zu, und die Taliban hatten alle Verkehrsregeln als unislamisch gebrandmarkt. Neue Vorschriften sollen nun das Chaos regeln: Beim Überqueren einer Kreuzung muss die Warnblinkanlage angeschaltet werden, wer am Bazar in zweiter Reihe parkt, dem lassen Polizisten die Luft aus den Reifen. Dass es der Regierung ernst ist mit den neuen Reglements, hat Herats Gouverneur, Ismail Khan, selbst bewiesen: Vor ein paar Wochen soll er von einem Polizisten angehalten worden sein, weil er beim Abbiegen nicht geblinkt hatte. Geduldig habe sich der Gouverneur die Belehrungen des Beamten angehört. Anschließend habe er ihn befördert.

Khan ist ein erfahrener Krieger, der schon zwischen 1992 und 1995 Herat regiert hat. Nachdem die Amerikaner die Taliban im November vertrieben hatten, übernahmen er und seine 4000 Mitstreiter erneut die Stadt. Jetzt verfügt er über geschätzte 30000 Soldaten, seine Panzerarmee, die auf den Hügeln vor der Stadt steht, unterstreicht eindrucksvoll seine Macht. Selbst die Special Forces der US-Armee haben auf Khans Anweisung das Gästehaus der Regierung geräumt. Nun hausen sie in einer Kaserne am Stadtrand.

Und die Kabuler Regierung des Hamid Karsai erscheint hier so fern wie die nächste Weinhandlung, Khan weigert sich hartnäckig, Steuern auf seine üppigen Zolleinnahmen an Kabul abzuführen. Aus der Hauptstadt entsandte Beamte wurden wieder zurückgeschickt und alle Schlüsselpositionen in der Verwaltung mit eigenen Leuten besetzt. Die Region Herat, so die Idee des Warlords, soll das Gegenmodell zum gebeutelten Rest des Landes sein.

Wie viel Freiheit er dabei den Bürgern gewährt, bestimmt Khan in seinen Freitagsreden in der blauen Moschee oder bei Auftritten in Herat-TV. Dann wettert er gegen heimlichen Alkoholkonsum, gegen indische Musikvideos und droht, afghanischen Frauen den Kontakt zu Ausländern zu verbieten. „Herat war einmal eine der progressivsten Städte des Landes“, sagt Naim. „Davon sind wir noch weit entfernt.“

Ein Vorwort von Adenauer

Aber es gibt anderes, das Naim wieder versöhnt. Zum Beispiel die öffentliche Bibliothek. Einst war sie eine der größten in Afghanistan, mit Geschichtsbüchern und ausländischer Literatur. Bis die Taliban die wertvollen Bücher ins Ausland verkauften und den Rest vernichteten. Jetzt gibt es in dem Flachbau wieder zwei Lesesäle. Einen für islamische Schriften, für den anderen haben Bürger gespendet – meist nur noch Loseblattsammlungen, die Buchrücken sind längst zerfressen: der „Warren-Report“ über die Ermordung John F. Kennedys ist da zu finden oder „The woman executive“, eine englische Studie zu Frauen in Managerpositionen von 1958; ein russisches Physikbuch und ein grauer Band mit dem Titel „Germany Reports“. Das Vorwort hat Konrad Adenauer geschrieben. Der Bibliotheksleiter hat hier schon vor den Taliban gearbeitet. Jetzt ist er auch noch Bauleiter. Denn in dem Loch vor dem Bibliotheksgebäude soll einmal ein „Zentrum für Kultur, Bücher und Musik“ entstehen.

Fitnesscenter, Tischkicker, Kulturzentrum – wenn einem die neue Realität in Herat doch einmal zu irreal erscheint, sollte man sich mit Ralf Drewes auf den Weg machen. Der 36-Jährige ist Minenräumer der deutschen Hilfsorganisation Help, einer kleinen NGO, die vor 20 Jahren von Bundestagsabgeordneten für die Afghanistan-Hilfe gegründet worden ist. Im Dezember vergangenen Jahres war sie als eine der ersten humanitären Organisationen wieder im Land, seitdem baut Help mit Mitteln des Auswärtigen Amtes Mädchenschulen und organisiert die Minenräumung im Westen des Landes.

Wir fahren nach Deza, einen kleinen Ort, eine halbe Stunde östlich von Herat. Die Amerikaner haben hier vor knapp einem Jahr ein Munitionslager der Taliban getroffen, die Granaten sind im gesamten Ort verstreut. Seit zwei Monaten erst wird geräumt, der Arbeitstag beginnt um sechs Uhr morgens, denn ab elf Uhr können die Spezialisten hier nicht mehr arbeiten. Dann kommt ein kräftiger Wind auf, die Spürhunde verlieren die Spur und die nicht explodierten Clusterbomben, an denen ein kleiner Fallschirm hängt, können ins Rollen kommen, wenn man sie ausgräbt. Herat ist eine der am meisten mit Blindgängern und Minen verseuchten Gegenden in Afghanistan. Ein Knall, dann eine dünne Rauchsäule gehörten bis vor kurzem noch zum Alltag. „Das Zeichen, dass wieder jemand hochgegangen ist“, erklärt Drewes. Meist sind es Kinder.

Es ist Freitag. Während Ismael Khan in der blauen Moschee seine wöchentliche Rede hält, verlässt das Volk die Stadt. Am Rand der Ausfallstraßen, im ausgetrockneten Flußbett im Süden, überall, wo es ein bisschen grün ist, breiten die Herater heute ihre Decken aus. Dann bleiben sie den ganzen Tag, essen, reden, spielen Karten. Manche tanzen sogar. Ein Freund von Naim hat einen Wagen organisiert, einen Toyota Corolla. Zu fünft quetschen wir uns hinein, nicht irgendetwas, sondern alles an diesem Auto schleift. Naim und seine Freunde wollen zu einer kleinen Oase fahren, Richtung Kandahar. Die Straße führt am Flughafen vorbei, am Wrack einer abgeschossenen MIG, ein schiefer Lkw, vollbeladen mit blauverpackten Autoreifen humpelt uns entgegen. An der Stadtgrenze dann ein Schild, auf dem steht: „Have a pleasant trip.“ Wir biegen nach rechts ab, zu den Bergen, die mit ihren weichen Kanten aussehen wie riesenhafte Dünen. Aus den Boxen scheppert Modern Talking. Naim ist richtig gut gelaunt. Sein Professor hat ihn gefragt: „Könntest du dir vorstellen, Englisch zu unterrichten?“ „Ich werde mein Bestes tun“, hat er geantwortet, Anfang November bekommt er seine erste Klasse – eine Mädchenklasse. Naim lächelt ein bisschen verlegen.

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