Zeitung Heute : Zum Mexikaner werden

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Meine Freundin, die immer gute Ideen hat, war die erste. Sie hat sich einen kleinen Handventilator besorgt, der nun fröhlich in ihrer Hand vibriert. Leider reicht die aufgewirbelte Luftmenge nur für ein einziges Gesicht, was bei den heutigen Temperaturen und unter Freunden so geizig wirkt, als würde man seine Schokolade mit niemandem teilen.

Meine Freundin fühlt sich aber nicht verpflichtet. Es gibt für sie sinnvolle Erfindungen, die sich jeder anschaffen sollte und solche, die sie persönlich nicht gebrauchen kann. Ein Handy zum Beispiel hat sie bis heute nicht, auch wenn man damit inzwischen fotografieren kann und diese Entdeckung angeblich die letzten Skeptiker des Mobilfunks überzeugen soll. Nicht meine Freundin. Sie hat eine bessere Idee: Wenn wir schon alle mit Handys durch die Gegend laufen, wäre es doch ein leichtes, die kleinen Geräte zum Ventilator zu erweitern. Einfach Propeller auf die Antenne setzen und Vibrationsalarm an. Zumindest theoretisch. Leider wird es bis zur Marktreife etwas länger dauern. Aber über die nächsten Sommer könnte sich das Patent bezahlt machen, dank des Klimawandels.

Weite Teile Brandenburgs haben es schon geschafft: Sie gelten jetzt als Halbwüste. Behaupten jedenfalls Wissenschaftler, die sich mit der Hitze und dem Ausbleiben des Regens befassen. Bisher waren wir noch „Steppe“ und klimatisch etwa so wie Mexiko. Haben wir gar nicht mitbekommen. Kaum vorstellbar, wenn man an die vielen Badeseen der Umgebung denkt. Die Wüste steht uns bevor, wenn es so weitergeht. Jetzt ist es noch nicht soweit. Jetzt ist es einfach nur heiß. Aber Mexiko ist auch nicht schlecht. Mexiko klingt exotisch und farbenfroh. Kakteen, Inkas, Azteken und Frida Kahlo – alles entstanden im mexikanischen Klima, das sich nun in Brandenburg etabliert. Die Frage ist nur: Können wir auch mit Hochkulturen rechnen?

Kakteen werden hier sicher wachsen, Frida Kahlo hatten wir zumindest schon im Kino und die Kunst der Azteken lässt sich noch bis Ende der Woche im Museum anschauen. Solange ist die Ausstellung über die mexikanische Hochkultur noch im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Dort ist es auch kühl, was einem ungewohnt vorkommt und spätestens dann frösteln lässt, wenn man erkennt, dass die Azteken nicht nur sehr klug und reich gewesen sind, sondern auch besonders grausam: Die Herzen von gefangenen Kriegern opferten sie ihren Göttern. Ist wohl doch nichts für unser protestantisches Brandenburg.

Hoffen wir, dass es bis zur Wüste noch länger dauert und trösten wir uns mit der Gewissheit, dass es in absehbarer Zeit wieder richtig schön kalt werden wird. Ein paar Spaßvögel in Mitte haben sich auch schon andere Vorbild-Regionen ausgesucht. Die Leute, die dort in der Hitze an der Innenausstattung für ein neues Café arbeiten, verkündeten ihre Freude auf den nächsten Wintereinbruch schon im Schaufenster: „Hier eröffnet demnächst ein Rentier-Verleih.“ Wunderbare Idee! Und was für eine Marktlücke!

„Die Azteken“ noch bis Sonntag, 10.8., im Martin-Gropius-Bau, täglich 10-20 Uhr

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