Zeitung Heute : Zum Niederknien – wenn die Natur zu Füßen liegt

Neue Fußbodentrends: Holz lässt einen Raum gemütlich wirken. Bei den Teppichen sind kräftige Farben und Formen im Kommen.

Maria Altepost
Nordisch frisch oder südlich warm. Das Urlaubsgefühl lässt sich mit ein wenig Fantasie auch mithilfe des richtigen Bodenbelages verlängern. Teppiche dürfen zerrupft wirken, Laminat und andere elastische Bodenbeläge haben Risse, sägeraue Veredelungen und Flicken, es gibt sogar Parkett- und Massivholzböden mit Brandspuren.
Nordisch frisch oder südlich warm. Das Urlaubsgefühl lässt sich mit ein wenig Fantasie auch mithilfe des richtigen Bodenbelages...

Die eigenen vier Wände sind der Rückzugsort zum Ausruhen, Entspannen und Durchatmen. Gerade hier soll es gemütlich sein, man soll sich wohlfühlen. Weiße Fliesenböden schaffen das nicht, und der flauschige Teppich im Wohnraum ist auf dem Rückzug. Heute sollte ein Drittel bis höchstens die Hälfte des Bodens damit bedeckt sein, findet die Trendanalystin Gabriela Kaiser aus Weißdorf (Bayern). Stattdessen liegen Böden aus Holz im Trend – oder täuschend echte Holzimitationen.

Holz spricht ein Bedürfnis der Menschen an: Viele leben in der Stadt und sind rund um die Uhr von Technik umgeben. Natürliches kommt dort kaum vor. „Deshalb fühlen wir uns in den eigenen vier Wänden besonders wohl, wenn wir von natürlichen Materialien umgeben sind“, sagt Kaiser. Daher gelte beim Boden: Je naturgetreuer die Materialien sind, desto behaglicher wirke der Raum, erläutert die Wohnexpertin Katharina Semling aus Oldenburg.

Besonders gefragt seien Holzböden, die aussehen wie schon lange benutzt. „Wir sind es gewohnt, jeden Gebrauchsgegenstand in einem perfekten Zustand bekommen zu können. Aber gerade deswegen sehnen wir uns nach dem Alten, Unperfekten“, erklärt Semling den Trend zum „used look“.

Holz für Parkettfußböden werde absichtlich auf alt getrimmt, die natürliche Maserung und Astlöcher werden nicht bearbeitet. Sogar Spuren von Beschädigung bekommt das Material: Im Trend sind Böden mit Rissen, sägerauen Veredelungen und Flicken, lautet die Einschätzung der Veranstalter der Domotex, der Internationalen Fachmesse für Teppiche und Bodenbeläge in Hannover.

Bei der Überlegung, welcher Bodenbelag der richtige ist, denken viele auch an die Umwelt, hat Kaiser beobachtet. Gefragt seien daher heimische Hölzer wie Eiche oder Buche.

Dank spezieller Verfahren können sie die dunklen Braun- und Schwarztöne edler Exotenhölzer annehmen, erklärt Bastian Herzig vom Verband der deutschen Parkettindustrie (vdp). Die dunkelbraune Räuchereiche sei derzeit besonders beliebt. Dafür wird Eichenholz etwa mit Ammoniak begast. Im Zuge der Entwicklung erlebt ein Holzmaterial ein Revival: „Durch seine warme, gemütliche Ausstrahlung ist der Kork im Moment wieder im Kommen“, sagt Kaiser. Der Trend gehe hier zu helleren Tönen, erklärt Anke Wöhler vom Deutschen Kork-Verband (DKV) in Bielefeld.

Den Trend zu naturgetreuer Optik bedient auch die Laminat- und Fliesenbranche. Die Böden können nicht nur aussehen, als wären sie aus Holz. Sie fühlen sich inzwischen so an. Strukturierte Oberflächen imitieren die Haptik von Holz, erläutert Karin Dullweber vom Verband der europäischen Laminatfußbodenhersteller (EPLF) in Bielefeld. „Für ein gemütliches Wohnen empfehlen sich besonders Laminatböden mit hellen Eiche-, Ulme- oder Birke-Dekoren. Auch gräulich, patinierte Optiken sind im Trend.“ Bei den keramischen Fliesen sind neben Holzoptiken Imitationen von Steinmaterial wie Schiefer, Marmor oder Granit gefragt, berichtet der Industrieverband Keramische Fliesen + Platten in Berlin. Die Farben seien angelehnt an die rote Erde Australiens, die Grüntöne gesammelten Regenwassers und die Brauntöne der Hölzer. Gerade braune Farben am Boden lassen einen Raum gemütlich wirken, erläutert die Einrichtungsexpertin Semling. „In Deutschland sind wir eher kalte Temperaturen und schlechtes Wetter gewöhnt. Deshalb sehnen wir uns nach warmen Farben.“ Und wenn es dann doch der Teppich sein soll, muss er aus natürlichen Materialien gewebt sein, sagt Kaiser, die für die Teppichmesse Domotex den Trendbericht erarbeitet hat. Dort wurden in diesem Jahr Teppiche aus tibetanischer Hochlandwolle, Hanf, Bast und Kaktusgarn vorgestellt. Kaiser empfiehlt für diesen Bodenbelag aber kein Holzbraun – Teppiche dürfen Farbtupfer sein. Im Trend liegen ein warmes Goldgelb, Senftöne, dunkleres Orange und Olivgrün – alles Farben, die auch von der hiesigen Natur abgeschaut wurden.

Die Zeiten, in denen Teppiche nichts weiter waren als Schall schluckende und schwer zu reinigende Staubfänger sind längst vorbei. Heute gibt es Bodenbeläge in Natur- oder 3-D-Optik, aus Filz und anderem Material oder solche, die individuell mit den unterschiedlichsten Motiven gestaltet werden können. So farbenfroh und kreativ ging es lange nicht mehr zu in deutschen Wohnungen.

Teppichböden in starken oder dezenten Unifarben und ein aufregender Muster- und Farbmix gestalten Wohnräume lebendig. Die Kollektionen der aktuellen Saison sind so ausgelegt, dass die Farbgebung mit Decke, Wänden und Mobiliar harmoniert. Einrichtungsexpertin Anne Surlemont von der Weseler Teppich GmbH tretford beobachtet einen klaren Trend: „Wer heute Wohnzimmer, Kinderzimmer und Flur neu einrichtet, hat viel mehr Mut zu Farbspielen als früher.“ Grauer Einheitslook ist also passé, die Deutschen wünschen sich jetzt Bodenbeläge, die Akzente zu ihren Füßen setzen.

Ein Teppich kann weit mehr sein als ein Bodenbelag: Ein Designobjekt im Raum, das von aktuellen Trends beeinflusst wird. „Dem Geschmack und der Fantasie, was Farben und dargestellte Motive angeht, sind inzwischen kaum noch Grenzen gesetzt“, sagt Werner Balgemann, Produktleiter Bodenbeläge von der Hamburger „MEGA“-Gruppe. Die MEGA-Gruppe ist ein unabhängiger Systemanbieter im deutschen Zukunftsmarkt für Sanierung, Renovierung und Modernisierung. 1901 in Hamburg von einer Handvoll Handwerkern gegründet, blickt die MEGA in diesem Jahr auf 111 Jahre genossenschaftliche Tradition zurück. Heute gehört das Unternehmen über 5200 selbstständigen Maler-, Stuckateur- und Bodenlegermeistern; es ist das größte unabhängige Handelshaus der Branche.

Neben den eher klassischen Varianten mit linearen, karierten, floralen oder anderen Mustern können auch Motive auf den Teppich gedruckt werden, die sich an den persönlichen Wünschen der Kunden orientieren. „Dabei kann es sich durchaus um das Logo eines Unternehmens oder eine andere grafische Darstellung handeln“, erklärt Werner Balgemann. Ein Motto der Servicekollektion Megatex Kreativ 2014 sei: „Das Alte ist das Neue – bewährte Formen kehren zurück und werden neu interpretiert.“ Aufgebracht werden die Muster und Motive mit der sogenannten Chromojet-Technologie, durch die bis zu sieben Farben gleichzeitig direkt in den Flor des Teppichs eingespritzt werden – ähnlich, wie ein Drucker Farbe auf Papier aufträgt. Der große Vorteil der Chromojet-Technologie ist, dass sich die Farben auch nach vielen Jahren nicht abnutzen. Bereits ab 60 Laufmetern ist eine individuelle Dessinierung möglich. Inzwischen bieten Teppiche einen fast unbegrenzten Gestaltungsspielraum mit einer Vielfalt an Materialien, Farben und Formaten und maßgeschneiderten Produkten. dpa/Tsp

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