Zeitung Heute : Zum Pferd werden

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Gestern kam die Kleine mit einer zerrissenen Hose nach Hause – ein Riesendreiangel. Die Hose war praktisch neu, und jetzt ist sie hin.

Finden wir das schlimm? Natürlich nicht. Ich meine, auch Mädchen müssen toben. Immer nur Klavier und so, sie soll doch stark und selbstbewusst werden. Irritiert mich ohnehin, dass sie dauernd Yvonne Catterfeld hört, mit Barbies spielt und für den neuen Anorak nur die Signalfarbe Rosa in Frage kam. Aber egal, meine Tochter ist ja jetzt ein Draufgänger.

„Wie ist das denn passiert?“, habe ich also gefragt. – „Beim Spielen“, antwortete sie mit ihrem für eine Achtjährige noch sehr zarten Stimmchen. Aha, dachte ich, und fragte „Fußball?“ – „Nein, Reiterhof, ich spiele am liebsten Reiterhof.“

Mädchen, dachte ich, kein Wunder, dass die Firma Lego in der Krise steckt. Die produzieren doch an 50 Prozent der jungen Bevölkerung vorbei. Weil man nämlich aus kleinen Plastikquadern kein anständiges Pferd formen kann. Sehr viel schlauer sind die Leute von der Firma Schleich aus Schwäbisch Gmünd. Der Hersteller von handbemalten Gummitieren setzt inzwischen derart brutal aufs Pferd, dass der kleine Katalog zur bevorzugten Lektüre in Mädchenkinderzimmern aufgestiegen ist. Pferd ist ja nicht Pferd, da gibt es Fuchs und Trakehner, Holsteiner und was weiß ich nicht noch. Es gibt den Stall, das Gatter, die Reiter, ja, sogar Sättel, Decke, Zaumzeug; Letzteres ist so filigran, dass wahrscheinlich nur kleine Mädchenfinger damit klarkommen.

Wie aber spielt man in der Schule Reiterhof? Nun, meine Tochter hat es mir erklärt. Ein Mädchen legt dem anderen ein Seil über und dann traben beide gemeinsam über den Hof – wobei sie am liebsten das Pferd ist.

Du liebe Zeit, jetzt will sie auch noch ein Pferd sein. Meine Tochter wiehert, lässt sich Zügel anlegen und über den Pausenhof hetzen. Warum? „Weil Pferd sein viel besser ist“, hat sie da gesagt, „Reiter sein ist doch doof, die rennen nur hinterher. Als Pferd sagst du, wo es langgeht.“ Ach die Kleine, sie ist so schlau.

Schleich-Tiere gibt es in jedem guten Spielzeuggeschäft, die Pferde kosten je nach Größe zwischen 2,79 Euro und 5,99 Euro.

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