Zeitung Heute : Zum Rückzug geblasen

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Am 16. Mai fällt die Entscheidung. An diesem Tag kommt das Gutachterteam der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Bonn zusammen, um über „Counterstrike“ zu entscheiden. Jenes Spiel, dass allein in Deutschland Hunderttausende von Fans hat. Und zugleich jenes Spiel, dass die Erfurter Polizei auf dem Rechner des Amokläufers Robert Steinhäuser gefunden hat. Somit geht es am nächsten Donnerstag nicht mehr allein darum, ob ein Computerspiel wegen seines Inhalts künftig nur noch an Personen über 18 Jahren verkauft und nicht mehr beworben werden darf, sondern ebenfalls darum, ob sich Computerspieler künftig noch ohne gesellschaftliche Ächtung zu ihren LAN-Partys treffen können, um dort in großen Computernetzwerken gegeneinander antreten zu können.

Der Vorlauf für eine Spieleprüfung ist enorm. Bereits seit März läuft das Verfahren gegen „Counterstrike“. Und seitdem versucht die Szene, unterstützt durch das Magazin „Gamestar“, gegen die Diskrimierung ihres Hobbys vorzugehen. „Für viele von uns ist Counterstrike zu einem wichtigen Freizeitinhalt geworden, über den wir neue Freunde gefunden haben. Ich spiele Counterstrike nicht , weil ich mich an der Gewaltdarstellung ergötzen will, sondern um des sportlichen Vergleichs willen“, heißt es in einer von dem Magazin angestoßenen Internet-Initiative gegen die Indizierung. Immerhin 17 000 Internet-Nutzer hatten sich im März mit ihrem n für die „Counterstrike“-Rettung ausgesprochen. Die große Unterstützung gerade für dieses Spiel kam nicht von Ungefähr. Ähnlich wie Linux ist auch „Counterstrike“ vor allem auf Initiative der Online-Gemeinde entstanden, die das Action-Spiel um immer neue Szenerien erweitert hat, bevor das Spiel später zu einem kommerziellen Produkt wurde.

Wer heute die Website von „Gamestar“ ansteuert, sucht die Petition vergeblich. Weder auf der Hauptseite noch in der Rubrik „Multiplayer“ findet sich ein Hinweis darauf. Die Seite wurde kurz nach Erfurt aus dem Netz genommen, bestätigt „Gamestar“-Chefredakteur Jörg Langer. Aber nicht, weil die Redaktion ihre Meinung geändert hätte, sondern weil man mit den inzwischen 26 000 Petitionsteilnehmern zufrieden sei. Die Liste soll nun in der nächsten Woche an die Bundesprüfstelle übergeben werden. Auch wenn Langer nicht verschweigt, dass ihm einige Spiele wegen ihrer Gewalt-Zelebrierung nicht gefielen – zum Beispiel „Hooligans“ – bleibe man dabei, dass „Counterstrike“ nicht zu der Kategorie von Actionspielen gehört, die man dem Publikum nicht zumuten kann. Immerhin 40 Prozent der „Gamestar“-Leser sind unter 18 Jahren.

Mit dieser Einschätzung liegt Langer auf einer Wellenlänge mit der Zielgruppe. Vier von fünf Titelblätter werben mit Action- oder Strategiespielen für das Magazin. Den größten Anteil nehmen dabei Spiele wie gerade „Counterstrike“ ein, obwohl deren Marktanteil gerade einmal 20 Prozent ausmacht. „Die Spiele lassen sich mit ihren Helden plakativer darstellen“, so die Begründung. Das ändere jedoch nichts daran, dass man einen eigenen ethischen Kodex habe, auch wenn die Schwelle sicherlich anders ausfalle als bei anderen Medien.

Während der „Gamestar“ seine Linie beibehält, rücken andere nicht nur von „Counterstrike“, sondern zugleich von den LAN-Partys ab. Nachdem bereits AMD und freenet.de der Erfurter Veranstaltung „Das große Beben“ ihre Unterstützung entzogen haben, wird nun offenbar grundsätzlich darüber nachgedacht, ob ein solches Sponsoring noch zeitgemäß ist. Freenet hat diese Frage gegenüber dem „Spiegel“ verneint, genauso Intel. Bei AMD will man fallweise entscheiden, hatte ein Sprecher dem Tagesspiegel erklärt. Welche Auswirkungen das Ausbleiben von Sponsoren für die Szene haben könnte, ist unklar. Jeden Monat finden diverse Veranstaltungen dieser Art mit Spielerzahlen zwischen 200 und 2000 statt.

Peter Knaak, Gutachter bei der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle USK, kann sich nicht vorstellen, dass „Counterstrike“ nach Erfurt und der Gewalt-Diskussion um Computerspiele noch der Indizierung durch die Bundesprüfstelle entgehen kann. Auch von der USK war der Ego Shooter als nicht für Jugendliche geeignet eingestuft worden. In der Diskussion um eine schärfere Reglementierung von Computerspielen warnt der Experte jedoch vor Verboten, die man nicht durchsetzen kann. „Bei einem generellen Verbot solcher Spiele in Deutschland wird es künftig keine deutschen Lokalisierungen mit abgeschwächten Inhalten mehr geben, sondern nur noch die Originalversionen“, so Knaak: „Übrig bleiben dann nur noch die blutigsten US-Versionen zum Download aus dem Internet.“ Kurt Sagatz

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