ZUM THEMA : Strahlung erreicht Tokio

Angst. Eine Japanerin schützt sich in der Tokioter U-Bahn mit einer Atemschutzmaske. Foto: Everett Kennedy Brown/dpa
Angst. Eine Japanerin schützt sich in der Tokioter U-Bahn mit einer Atemschutzmaske. Foto: Everett Kennedy Brown/dpaFoto: dpa

Tokio/Berlin - Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima I bedroht jetzt auch die Hauptstadt des Landes. Im Großraum Tokio leben mehr als 35 Millionen Menschen. Nach zwei weiteren Explosionen in der Atomanlage wurde am Dienstag auch in der rund 240 Kilometer entfernten Hauptstadt erhöhte Radioaktivität gemessen. Vor allem Ausländer versuchten, den Ballungsraum Tokio zu verlassen.

Im Reaktor 2 des Akw Fukushima I ereignete sich am Dienstag eine Explosion. Dabei wurde der innere Schutzmantel des Reaktors beschädigt. Im Reaktor 4 brach nach einer Explosion ein Feuer aus, das zunächst gelöscht werden konnte. Das Feuer ereignete sich in einem Lager für benutzte Brennelemente. Weil die Detonation Löcher in die Außenwand des Reaktorblocks riss, waren die Abklingbecken mit verbrauchten Brennelementen nicht mehr von der Außenwelt getrennt. Die Betreiberfirma Tepco versuchte, den Reaktor mit Kühlwasser per Hubschrauber zu versorgen. Dennoch zerbrach das Dach. Zudem wurden zwei Mitarbeiter vermisst. Am Mittwochmorgen (Ortszeit) brach im Reaktor erneut ein Feuer aus.

Rings um das Akw Fukushima stieg die Strahlung zeitweise auf bis zu 400 Millisievert pro Stunde. 100 Millisievert pro Jahr gelten als krebserregend. Der Unfall wurde in die zweithöchste Kategorie 6 hochgestuft – eine Stufe unter dem Unglück von Tschernobyl vor 25 Jahren.

Die offizielle Zahl der bei der vorangegangenen Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe ums Leben gekommenen Menschen ist auf 3373 gestiegen. Insgesamt belaufe sich die Zahl der Toten und Vermissten auf mehr als 10 000, erklärte die japanische Polizei.

Die deutsche Energiepolitik steht wegen dieses Unfalls in Japan vor einer historischen Wende. Die sieben ältesten deutschen Akw werden vorläufig abgeschaltet, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag bekannt gab. Betroffen sind die Meiler Biblis A und B, Neckarwestheim 1, Brunsbüttel, Isar I sowie Unterweser und Philippsburg 1. Alle sind vor Ende 1980 in Betrieb gegangen. Neckarwestheim I wird für immer abgeschaltet. Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sagte: „Neckarwestheim I wird abgeschaltet, dauerhaft, und stillgelegt.“

Bis zum 15. Juni sollen alle 17 Reaktoren einen gründlichen Sicherheitscheck durchlaufen. Darauf einigte sich Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder, in denen Kernkraftwerke stehen. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) rechnet wegen der Stilllegungen mit steigenden Preisen für Strom.

Die Opposition im Bundestag kritisierte die Ankündigungen. Die Grünen sprachen von einer „Bankrotterklärung der Regierung Merkel“ und einer Wahlkampf-Inszenierung. Die SPD richtete schwere Vorwürfe an die Kanzlerin. Merkel habe „vor sechs Monaten im Herbst der Entscheidungen die Unwahrheit gesagt“, meinte Parteichef Sigmar Gabriel. „Sie hat die Menschen getäuscht.“ Merkel habe gesagt, die Versorgungssicherheit in Deutschland sei bedroht, wenn die Laufzeiten nicht verlängert würden. „Auf einmal können sieben Kraftwerke abgeschaltet werden, und auf einmal sind sie nicht mehr so sicher“, sagte Gabriel.

Die EU-Staaten wollen europaweit alle Atomkraftwerke einer Sicherheitsprüfung unterziehen. Das kündigte Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) nach einem Treffen mit EU-Energieministern in Brüssel an. Bei dem „Stresstest“ werde es um die Neubewertung aller Risiken bei Naturkatastrophen gehen.

Die Region Kanto, in der auch Tokio liegt, wurde am Dienstag von einem Nachbeben erschüttert. Es überstieg der Nachrichtenagentur Kyodo zufolge Stärke 6. Wenige Stunden zuvor ereignete sich vor der Ostküste auf Höhe der Präfektur Fukushima ein Nachbeben der Stärke 6,3.

Die Katastrophe hat die Börsen weltweit abstürzen lassen. In Tokio versuchten Anleger in Panik, ihre Aktien loszuwerden – die Verkäufe lösten die größten Kursverluste seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor zweieinhalb Jahren aus. In Deutschland sank der Aktienmarkt auf den tiefsten Stand seit Oktober 2010, in der Spitze verlor der Dax mehr als fünf Prozent. Am Ende fiel der Dax um 3,2 Prozent. mit dpa/AFP/rtr

Sieben Akw werden abgeschaltet

Wie soll das laufen?2

Die Kernfrage

Bundesregierung in Erklärungsnot3

Nervosität in Tokio

Wetterbericht und gepackte Koffer 4 + 5

Nichts ist unmöglich

Das Konzept vom GAU reicht nicht mehr8

Wo die DDR bis heute strahlt

Der Abbau des Akw Rheinsberg 15

Globale Angst

Die Weltwirtschaft könnte leiden 17 + 18

Attacke auf das Erbgut

Die Folgen einer Verstrahlung21

„Wir wissen nichts, aber Bescheid“

Zwei Dokus über Tschernobyl30

Wer überlebt hat

Verzweifelte Suche nach Angehörigen32

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