ZUM THEMA : „Wir bleiben das mächtigste Land der Erde“

Barack Obama als 44. Präsidentder USA vereidigtEr schwörtden Eidauf Lincolns BibelBush hinterlässtseinem Nachfolger einvertrauliches SchreibenMerkel hofft aufeine Beziehung, in der man „einander zuhört“

C. Marschall[Washington] L. Haverkamp[Berlin]
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Der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama, hat den Führungsanspruch der USA in der Welt betont. Obama sagte am Dienstag nach seiner Vereidigung vor dem Capitol in Washington: „Amerika ist ein Freund jeder Nation und jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes, die nach einer friedvollen Zukunft und Würde streben.“ Und er fügte hinzu: „Und wir sind einmal mehr bereit, die Führung zu übernehmen.“

Zuvor hatte der 47-Jährige vor Millionen begeisterten Menschen in Washington und Milliarden Fernsehzuschauern rund um den Globus seinen Amtseid als 44. Präsident der USA abgelegt. 150 Jahre nach dem Ende der Sklaverei zieht erstmals ein schwarzer Präsident ins Weiße Haus ein. Vor dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, John Roberts, sagte Obama: „Ich, Barack Hussein Obama, gelobe feierlich, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich verwalten und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften erhalten, schützen und verteidigen will.“ Bei der Vereidigung um 18.05 Uhr mitteleuropäischer Zeit legte der neue US-Präsident die Hand auf eine Bibel des früheren Präsidenten Abraham Lincoln, die seine Frau Michelle hielt. Der in der Verfassung verankerten Eidesformel fügte er den religiösen Zusatz hinzu: „So wahr mir Gott helfe.“ Zuvor war der Senator des Bundesstaates Delaware, Joe Biden, als Vizepräsident vereidigt worden.

Obamas Vorgänger George W. Bush verließ am Dienstag Washington. Gemeinsam mit Frau Laura flog der Ex-Präsident an Bord eines Helikopters nach Texas. Die erste Nacht nach dem Ende seiner achtjährigen Amtszeit wollten die Bushs auf ihrer Ranch in Crawford verbringen. Bush hinterließ Obama traditionsgemäß ein vertrauliches Schreiben im Oval Office des Weißen Hauses. Bush verfasste den Brief am Montag und legte ihn in die oberste Schublade des imposanten Schreibtisches, des Resolute Desk, wie Bush-Sprecherin Dana Perino mitteilte. Sie wolle keine Einzelheiten nennen, aber es gehe um das, wovon Bush seit Obamas Wahl immer wieder gesprochen habe: „Um das fabelhafte neue Kapitel“, das Obama aufschlagen werde – und dass Bush ihm für seine Vorhaben nur das Beste wünsche.

Die Amtseinführung von Obama hat die Welt in Atem gehalten. Schon Stunden vor der Vereidigung auf den Stufen des Capitols waren hunderttausende Menschen in die Washingtoner Innenstadt geströmt. Die National Mall, die drei Kilometer lange Parkanlage zwischen Capitol und Lincoln-Denkmal, war voller Menschen. Die ersten hatten sich bereits vor Sonnenaufgang einen Platz gesichert. Trotz eisiger Temperaturen herrschte auf der eleganten Prachtmeile National Mall Volksfeststimmung. Insgesamt nahmen rund zwei Millionen Menschen an dem Ereignis teil.

Die Zeremonie wurde weltweit live im Fernsehen übertragen. In Kenia, dem Heimatland von Obamas verstorbenem Vater, fanden sich im ganzen Land Tausende Menschen zu öffentlichen Fernsehübertragungen ein. Auch in Deutschland war das Interesse an den Feierlichkeiten groß.

„Wir bleiben das erfolgreichste, mächtigste Land der Erde“, sagte Obama in seiner Rede nach der Vereidigung. Die Herausforderungen seien ernsthaft und zahlreich, machte der 47-Jährige seinen Landsleuten klar. „Sie werden nicht einfach zu bestehen sein“, warnte er vor übertriebenen Erwartungen. „Aber sei dir bewusst, Amerika: Sie werden bestanden werden.“ Amerika dürfe keine Zeit verlieren. „Alle wissen, dass wir uns mitten in einer Krise befinden“, sagte der energisch auftretende 44. Präsident der Vereinigten Staaten. „Mit dem heutigen Tag müssen wir anfangen, uns alle am Riemen zu reißen und die Ärmel hochzukrempeln.“ Er sei sich sicher, sagte Obama weiter, dass der Terror keine Chance auf den Sieg habe. Das werde Amerika nicht zulassen. An die muslimische Welt gerichtet sagte er, dass die USA einen neuen Weg der Kooperation suchen werden.

Die Nation sei „im Krieg gegen ein weitreichendes Netzwerk von Gewalt und Hass“, betonte Obama. Die Wirtschaft sei geschwächt – Folge von Gier und Verantwortungslosigkeit einiger weniger, „aber auch wegen unseres kollektiven Versagens, harte Entscheidungen zu treffen und das Land auf ein neues Zeitalter vorzubereiten“. Er ermahnte seine Landsleute, die amerikanischen Ideale nicht aufzugeben. Amerikas Gründungsväter hätten „mit ihrem Blut“ die Demokratie sowie Bürger- und Menschenrechte erkämpft, die es zu erhalten gelte, sagte Obama. „Wir weisen den falschen Gegensatz zwischen Sicherheit und unseren Idealen zurück“, sagte er. Amerikas Ideale leuchteten noch immer in der Welt.

Schon bevor Obama die Regierungsgeschäfte aktiv übernommen hat, wurden aus aller Welt Erwartungen an ihn gerichtet. Kirchen riefen den neuen US-Präsidenten auf, sich gegen Armut, Gewalt und Konflikte einzusetzen. Obama müsse der Welt und seinem Land neue Hoffnung geben, heißt es in dem am Dienstag in Genf veröffentlichten Brief der US-amerikanischen Kirchen und des Weltkirchenrates. Papst Benedikt XVI. erklärte, er bete dafür, dass es Obama gelingen werde, „Verständnis, Kooperation und Frieden unter den Nationen“ zu fördern, wie es in einem vom Vatikan veröffentlichten Telegramm des Papstes an Obama hieß.

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad sagte, falls der von Obama ausgerufene Wandel stattfinde und eine Annäherung auf Respekt und Freundschaft basiere, „würden wir das sehr begrüßen“. Der venezolanische Präsident Hugo Chavez forderte Obama auf, die US-Soldaten aus dem Irak abzuziehen und die Militärpräsenz in aller Welt zu verringern. Israels Präsident Schimon Peres äußerte die Hoffnung, dass Obama ein „großer Präsident“ werde. Als großer Präsident müsse er für Frieden und gegen Terror kämpfen, die Umwelt verbessern und der jungen Generation eine bessere Zukunft bieten.

Die Bundesregierung setzt auf eine enge Zusammenarbeit mit dem neuen US-Präsidenten. „Ich hoffe, dass unsere Zusammenarbeit dadurch geprägt ist, dass man einander zuhört, Entscheidungen auf der Grundlage trifft, dass nur ein Land alleine die Probleme der Welt nicht lösen kann, sondern dass wir das nur gemeinsam miteinander schaffen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag in der ARD. Außenminister und Vizekanzler Frank- Walter Steinmeier (SPD) regte eine neue „Transatlantische Agenda“ für Zukunftsfragen an, die einen „Schulterschluss“ zwischen Europa und den USA erforderten. Dazu zählten Klimawandel, Energiesicherheit und Abrüstung.

Worte zum Auftakt

Die Antrittsrede im Wortlaut 2

Gottesdienst der Demokratie

Washington im Ausnahmezustand 3

„Unglaublich stark“

Reaktionen aus der deutschen Politik 4

Versprochen

Was Südamerika erwartet 4

Mit roten Bäckchen

Die Vereidigung im Fernsehen 27

Die Welt schaut zu

Der Tag in Bildern 28

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