Zumwinkel-Prozess : Geld, Gier, Geständnis

Sein ganzes Leben war Arbeit, Aufstieg, Karriere. Bis ganz nach oben. Da machte er einen großen Fehler, er hinterzog Steuern – und zerstörte sein Lebenswerk. Am Donnerstag begann der Prozess gegen Ex-Postchef Klaus Zumwinkel.

Jens Mühling[Bochum]
Zumwinkel
Prozess gegen Ex-Postchef Klaus Zumwinkel wegen Steuerhinterziehung. -Foto: ddp

Dann wäre da also noch, sagt Richter Wolfgang Mittrup, als die Feststellung der Vermögenswerte dem Ende zugeht, das Schloss am Gardasee. "Eine Burg", korrigiert Klaus Zumwinkel. "Herr Vorsitzender, es handelt sich um eine Burg, urkundlich erstmals vor 800 Jahren …" "Danke", unterbricht der Richter. "Diese Burg, Herr Zumwinkel - ist die als Sitz für den Lebensabend gedacht?" Zumwinkel räuspert sich, zögert, sagt: "Das hatte ich so im Visier, ja. Aber unter diesen Umständen jetzt weiß ich ja nicht …" Der Satz mündet unvollendet in ein Schulterzucken, einen entschuldigenden Blick. Richter Mittrup nickt, fährt fort.

Es ist keine Viertelstunde vergangen in dem Prozess, der am Donnerstag vor der 12. Großen Strafkammer des Landgerichts Bochum verhandelt wird, Aktenzeichen 12 KLs 350 Js 1/08, als klar wird, dass dieser Angeklagte schon bestraft ist: Klaus Zumwinkel kann nur noch im Konjunktiv sagen, wo er seinen Lebensabend verbringen wird. Für einen wie ihn dürfte das die Höchststrafe sein.

Äußerlich hat sich der Mann, der um kurz vor halb zwölf durch einen Nebeneingang den Gerichtssaal C 240 betritt, nicht im Geringsten verändert. Zumwinkel trägt zum grauen Anzug ein blaues Hemd und eine rot-weiß gestreifte Krawatte, das silberglänzende Haar rahmt gefasste, kontrollierte Züge. Mit gefalteten Händen lauscht Zumwinkel, während die Schöffen vereidigt werden, nach bestem Wissen und Gewissen, so wahr mir Gott helfe. "Dr. Klaus Peter Richard Zumwinkel", sagt dann der Richter, "ist das korrekt?" Zumwinkel beugt sich zum Mikrofon: "Klaus Peter Richard Otto Zumwinkel."

"Je reicher - desto gleicher"

Der Feststellung der Personalien folgt die Verlesung der Anklage, die junge Staatsanwältin Daniela Wolters trägt vor: Angeklagt, zwischen 2003 und 2007 Steuern hinterzogen zu haben in Höhe von insgesamt 917 363 Euro Einkommenssteuer sowie 50 454 Euro und 96 Cent Solidaritätszuschlag.

Eines wolle er unterstreichen, sagt nun Richter Mittrup, an den Zuhörersaal gewandt, der bis auf den letzten Platz besetzt ist, rund 80 Journalisten und eine Handvoll Rentner. "Das öffentliche Interesse an diesem Prozess ist groß, und es ist vieles vorab geschrieben worden", sagt er. "Deshalb möchte ich betonen: Dieses Verfahren wird geführt wie jedes andere. Eine irgendwie geartete Absprache hinsichtlich des Strafmaßes hat es nicht gegeben." Ungläubiges Raunen geht durch den Saal, Einzelne lachen spöttisch. Dass sich Zumwinkel durch ein umfassendes Geständnis eine Bewährungsstrafe einhandeln wird, galt als ausgemacht. Draußen vor dem Gerichtssaal stehen Demonstranten, "empörte Bochumer Bürger" nennen sie sich, mit Spruchbändern wie "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich - je reicher desto gleicher".

Mittrup befragt den Angeklagten zu seinem Werdegang, es folgt die Verlesung ausgewählter Schriftstücke, die Zumwinkels Gründung der Liechtensteiner Stiftung "Devotion Family Foundation" im Jahre 1986 belegen, Fundstücke von jener Daten-CD, die der Bundesnachrichtendienst für mehrere Millionen Euro einem ehemaligen Mitarbeiter der Vaduzer LGT-Bank abgekauft haben soll.

Telefonterror und Drohbriefe

"Sie hätten jetzt", sagt Richter Mittrup dann, an Zumwinkel gewandt, "die Möglichkeit, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen." Es ist Zumwinkels Stichwort, er streckt den Rücken durch, räuspert sich, nimmt ein einzelnes Din-A-4-Blatt in beide Hände, liest. "Herr Vorsitzender, meine Damen, meine Herren." Sein Ton ist getragen, fast feierlich. "Ich will nicht lange herumreden. Der Vorwurf der Anklage trifft zu." Zumwinkel gibt zu, im fraglichen Zeitraum einen Steuerbetrag von "knapp 970 000 Euro" hinterzogen zu haben. "Ich habe mich in den langen Monaten seit meiner Verhaftung eingehend mit den Vorwürfen auseinandergesetzt", sagt er. "Es war der größte Fehler meines Lebens." Er bereue sein Fehlverhalten und werde die Folgen tragen, auch wenn sie schmerzhaft seien. "Mein Berufsleben hat ein jähes Ende genommen. Und mein Beruf war mein Leben. Aber ich will nicht klagen, denn ich weiß, ich habe mir die Folgen selbst zuzuschreiben."

Allerdings, sagt Zumwinkel, wolle er auch nicht verschweigen, dass er und seine Familie in den vergangenen Monaten "vielfältig gebüßt" hätten - er berichtet von Telefonterror und Drohbriefen, von Hausbelagerungen und Nachstellungen. "Es gibt Menschen, die der Meinung sind, dass wir die größte Strafe schon erhalten haben." Mit den Behörden sei er "im Reinen", erklärt Zumwinkel zuletzt. "Ich habe den hinterzogenen Betrag nachgezahlt, unverzüglich und vollständig. Ich bin froh, einen Schlussstrich unter das Ganze ziehen zu können."

Hier endet Zumwinkel, und als der Richter zur Befragung übergeht, ist in den Antworten des Angeklagten eine merkliche Erlösung ablesbar. Es waren diese fünf Minuten, an denen für Zumwinkel alles hing. Er hat hier nicht nur vor einem Gericht gesprochen, seine Botschaft ging auch an die Öffentlichkeit. Und einmal mehr erahnt man, was es für jemanden wie Zumwinkel bedeuten muss, mit einer gebrochenen Biografie zu leben.

Zumwinkel will mehr

Denn Brüche, die hatte es vorher nicht gegeben in diesem deutschen Ausnahmelebenslauf. Klaus Peter Richard Otto Zumwinkel kommt am 15. Dezember 1943 in Rheinberg bei Moers zur Welt, am Niederrhein nahe der holländischen Grenze durchlebt die Kaufmannsfamilie die letzten Kriegsjahre. Das Handelsunternehmen des Vaters blüht in der Wirtschaftswunderzeit, nach seinem Tod übernehmen es Hartwig, der ältere Sohn, und Klaus, der jüngere, der zuvor in Münster und Pennsylvania Betriebswirtschaft studiert und promoviert hat.

Das Handelsimperium der Zumwinkels umfasst bald zehn Kaufhäuser und 50 Discount-Läden. Als die Brüder es 1971 an Rewe verkaufen, gehören sie mit einem Schlag zu jener Klasse von Menschen, für die Geldverdienen keine große Rolle mehr spielen muss. Da ist Klaus Zumwinkel gerade 27 Jahre alt.

Er hätte sich jetzt zurücklehnen können. Doch Zumwinkel - und dieser Wesenszug gehört zu seiner spät gebrochenen Biografie - Zumwinkel will mehr. Er heuert bei der internationalen Unternehmensberatung McKinsey an, er glänzt, steigt auf. 1979 wird er zunächst in die deutsche, fünf Jahre später in die internationale Geschäftsführung des Beratungskonzerns berufen. Es reicht ihm nicht. 1985 übernimmt er den Vorstandsvorsitz bei Quelle und bringt den angeschlagenen Versandhändler innerhalb weniger Jahre in die Gewinnzone. Es ist ihm nicht genug. Die Politik wird auf ihn aufmerksam, Helmut Kohl persönlich setzt sich dafür ein, Zumwinkel die Geschäftsführung der Deutschen Bundespost zu übertragen. Als erster Nicht-Minister wird er 1990 Chef der Behörde, die zu diesem Zeitpunkt jeden Tag rund eine Million Mark verliert. Als Zumwinkel 18 Jahre später seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender erklärt, ist die Deutsche Post AG privatisiert, globalisiert, börsennotiert und 35 Milliarden Euro wert.

Es gab nicht mehr viel, was er hätte erreichen können

Auch das reicht ihm nicht. Zusätzlich zum Post-Vorstand übernimmt Zumwinkel Aufsichtsratsämter bei anderen Großunternehmen: Allianz, Tchibo Holding, Lufthansa, die Unternehmensberatung Morgan Stanley, die später in Arcandor umbenannte KarstadtQuelle AG. Bei der Deutschen Telekom wird Zumwinkel Aufsichtsratschef. Nur anonym will sich, ein paar Jahre ist das her, ein ehemaliger Bundesminister mit dem Satz zitieren lassen, dieser Zumwinkel halte "ein Übermaß an Macht" in den Händen.

Solche Angriffe bleiben die Ausnahme. Zumwinkel ist kein Ackermann, ist keiner, der den Volkszorn auf sich zieht. Provokationen liegen ihm fern, er bevorzugt den leisen Auftritt, gibt sich seriös bis zur Langeweile, kultiviert das Bild des allürenfreien Topmanagers - der "gelben Eminenz", wie man ihn als Postchef mitunter tituliert.

Erst ganz zuletzt - und, wie sich erweisen soll, zu spät - lässt Zumwinkel nachlassenden Wachstumswillen erkennen. Anfang 2008 kommentiert er das Nahen seines 65. Geburtstags mit den Worten: "Dann sollte allmählich Schluss sein." Ohnehin gab es zudem nicht viel mehr, was ein deutscher Manager im Laufe einer Karriere hätte erreichen können. Für Zumwinkels Lebenswerk, die Umstrukturierung der Post, hatte man ihm das Große Bundesverdienstkreuz verliehen, er hatte den Fernsehpreis Bambi bekommen, war zum "Manager des Jahres" gekürt worden. Als ausgemacht galt, dass er im Herbst 2008 den Vorstandsvorsitz bei der Post räumen und in den Aufsichtsrat wechseln würde. Doch es kommt anders. Es kommt der 14. Februar 2008.

"Angst war ein schlechter Ratgeber"

Als die Fahnder im Morgengrauen vor Zumwinkels Villa im Kölner Wohnviertel Marienburg auftauchen, hat ein Fernsehteam bereits Stellung bezogen. Im Laufe des Vormittags sammeln sich Dutzende weitere Journalisten vor dem Haus, und als Zumwinkel schließlich, begleitet von Ermittlern, aus der Wohnungstür tritt, mit nachlässig gebundener Krawatte und nach innen gekehrtem Blick, da meinte man förmlich, etwas zerbrechen zu sehen. Es muss der Moment gewesen sein, als Zumwinkel verstand, dass seine mit so viel Ehrgeiz, Willenskraft und Ausdauer geformte Biografie zerstört sein würde.

Im Zuschauerraum von Saal C240 sitzt ein Mann mit blau-gelber Postjacke. Es ist Heinz-Otto Labudda, Briefzusteller, 57 Jahre alt, "in einundvierzigeinhalb Dienstjahren für die Post dreimal um die Welt gelaufen". Er sei hier, sagt er in der Pause, weil er "enttäuscht, ärgerlich, frustriert" sei, weil er diese ganze Geschichte unbedingt aus Zumwinkels eigenem Mund hören wolle. Und dann stellt Labudda die Frage, die alle hier bewegt: "Ich wollte wissen: Warum denkt einer wie Zumwinkel, er würde mit so was durchkommen?"

Später wird diese Frage auch der Richter stellen. Warum Zumwinkel in den 90er Jahren, als schon einmal erbittert über Steuerflüchtlinge debattiert wurde, nicht die Amnestieangebote genutzt habe, um sein Vermögen zu legalisieren. "Ich hatte Angst", antwortet Zumwinkel. Angst, den Fehltritt öffentlich zu machen, Angst, die beruflichen Erfolge zu beschädigen. "Diese Angst war ein schlechter Ratgeber", sagt er.

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