Zeitung Heute : Zur eigenen Sicherheit

„Monsters“, „Cannibals“, „Thugs“: Für Amerikaner klingen die Nachrichten aus Haiti nach Bandenkrieg. Mit dem wollen sie nichts zu tun haben. Wenn der Bürgerkrieg auf der Insel aber ausufert, strömen tausende Flüchtlinge in die USA. Das Problem wäre verlagert – und nicht zu ignorieren.

Malte Lehming

WER RETTET HAITI?

Es gibt Konflikte, die sind in doppelter Hinsicht einfach. Erstens sind sie einfach zu verstehen. Zweitens sind sie einfach zu bewerten. Ein Diktator knechtet ein Volk, beutet es aus, das Volk erhebt sich, der Diktator wird gestürzt, alles wird gut. Noch Fragen? Nein.

Und dann gibt es Haiti. Die „Cannibals“ rächen sich an den „Monsters“ für den Tod eines Mitstreiters. Die „Thugs“ haben sich den „Cannibals“ angeschlossen, um die „Monsters“ aus der viertgrößten Stadt zu vertreiben. So stand es am Freitag in einem Editorial des „Wall Street Journal“ Alles klar? Nichts ist klar. Die Nachrichtenlage aus Amerikas Armenhaus erinnert an Polizeiberichte über Straßenbanden. Zur Erklärung: Die „Monsters“ werden auf Haitianisch die braunhemdigen Verteidiger von Präsident Aristide genannt. Die „Cannibals“ haben sich von den „Monsters“ abgespalten und machen nun gemeinsame Sache mit den „Thugs“. Das sind ehemalige Offiziere, die Aristide bekämpfen. Wer sind die Guten? Wer Klarheit will, kann an Haiti verzweifeln.

Das ist einer der Gründe, warum die täglich eskalierende Lage auf der Karibikinsel in den USA auf wenig Interesse stößt. Auf den ersten Blick überrascht die Ignoranz. Haiti liegt nur etwa tausend Kilometer von Florida entfernt. Geografisch bildet das 7,5-Millionen-Einwohner-Land den Vorhof der Vereinigten Staaten. Auch historisch sind die Beziehungen eng. Mit amerikanischer Unterstützung wurde 1985 der Diktator Jean-Claude – genannt: „Baby Doc“ – Duvalier gestürzt. Vor zehn Jahren halfen Aristide 20000 US-Soldaten, an die Macht zurückzukommen, die er bei einem Militärputsch 1991 verloren hatte. Eine funktionierende haitianische Armee gibt es seit 1994 nicht. Zur Strafe für den Putsch – und aus Misstrauen – hatte Aristide sie zerschlagen. Geblieben sind verschiedene Rebellengruppen, bewaffnet mit Gewehren, Macheten und Steinen. Einige von ihnen wollen bloß an die Macht, andere wollen mehr Demokratie. Aristide klammert sich an seinen Posten. „Ich bin zu sterben bereit, wenn ich es tun müsste, um mein Land zu verteidigen“, sagte Aristide.

Die US-Regierung ist ratlos. Eine Intervention scheut sie. Es ist Wahljahr, da will George W. Bush keine Risiken eingehen. Überdies sind die US-Truppen durch Afghanistan und den Irak bereits überstrapaziert. Die Grenzen der Belastbarkeit sind erreicht. Drittens passt Haiti – wie unlängst die blutige Krise in Liberia, einem anderen engen Verbündeten der USA – nicht ins strategische Kalkül. Priorität hat für die US-Administration der Kampf gegen den Terrorismus. Humanitäre Interventionen werden gemeinhin als idealistischer Luxus verspottet.

Gänzlich ignorieren lässt sich das Chaos kaum. Der Handlungsdruck wächst. In Haiti droht ein Bürgerkrieg. Bald könnten Tausende von Flüchtlingen vor den Küsten der USA auftauchen. Kurzfristig, heißt es, könnten 15000 bis 20000 Flüchtlinge in einem Lager auf dem US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay untergebracht werden. Gewissermaßen in Sichtweite zu den 660 dort inhaftierten mutmaßlichen Terroristen. Doch damit würde das Problem nur verlagert. Überdies könnte sich Haiti, sollte dem Chaos die Anarchie folgen, zum zentralen Umschlagplatz für Drogen entwickeln. Eine Mitverantwortung für die Unruhen kann die US-Administration kaum leugnen. Nach 1994 wurde Haiti zu schnell sich selbst überlassen, Aristide zu lange gedeckt. Nur zwei Jahre lang halfen US-Soldaten beim Wiederaufbau des Landes – zum Vergleich: In Bosnien sind sie seit acht Jahren, im Kosovo seit fünf Jahren.

Was sind die Optionen? Auf kurze Sicht hat die US-Regierung nur die Wahl zwischen falsch und verkehrt. Eine Intervention ist unwahrscheinlich. Wer sollte gestützt, gegen wen gekämpft werden? Notwendig dagegen scheint die Einsicht zu sein, dass Aristide sich nicht länger halten lässt. Er mag, wie Außenmister Colin Powell betont, demokratisch gewählt sein. Aber das wiegt seine Missetaten nicht auf. Dem Diktator „Baby Doc“ Duvalier boten die USA 1986 an, das Land mitsamt seiner Familie und ausreichend Geld in Richtung Frankreich zu verlassen, wo ihm mehrere Villen gehörten. Ein ähnlicher Vorschlag sollte jetzt auch Aristide unterbreitet werden. Das allein löst die Probleme Haitis zwar nicht, würde eine Lösung aber erleichtern.

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