Zeitung Heute : Zur Erfolgsformel gehören Freiräume

Neue Geschäftsfelder entwickeln sich nur durch neue Produkte. Doch Risikobereitschaft und Kreativität sind ebenso wenig jedem gegeben wie Teamfähigkeit. Wie aber kommt dann das Neue in die Welt?

Katharina Hölzle

Deutschland ist ein Innovationsland. Im aktuellen Wettbewerbsindex des Weltwirtschaftsforums (WEF) hat sich Deutschland in der Spitzengruppe der global wettbewerbsfähigsten Staaten vom sechsten auf den vierten Platz vorgearbeitet und steht damit erneut besser da als die USA. Dies ist vor allem der Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen geschuldet. Das ist gut so, ist doch der Wettbewerb hochentwickelter Volkswirtschaften mittlerweile vor allem ein Innovationswettbewerb. Nach WEF-Chef Klaus Schwab werden wir zukünftig nicht mehr zwischen Industriestaaten und weniger entwickelten Ländern unterscheiden, sondern zwischen innovationsreichen und innovationsarmen Ländern. Deutschland braucht also Innovationsreichtum, um Motor für Europa zu sein, um Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen und um bestehende Standortnachteile auszugleichen.

Die Fähigkeit zur kontinuierlichen Innovation ist keine Kür, sondern lebensnotwendige Pflicht. In Zeiten rasanten technologischen Wandels, zunehmender Innovationsgeschwindigkeit und schneller Innovationsdiffusion müssen nicht nur Unternehmen, sondern auch Staat und Gesellschaft geeignete Sensoren und Reaktionen auf disruptive Veränderungen entwickeln, Wandel proaktiv vorantreiben und permanent Innovationen hervorbringen.

Wie kann Innovationsfähigkeit unter diesen schnell wandelnden Rahmenbedingungen erhalten und ausgebaut werden?

Die Entstehung und Durchsetzung von Innovation hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. War jahrelang das Zusammenbringen von Technologie und Markt, Wissenschaft und Wirtschaft ein Garant für Innovation, so ist in den vergangenen Jahren ein weiterer Faktor dazu gekommen. Innovationen entstehen dort, wo Wissen und Menschen zusammenkommen, wo menschliche Bedürfnisse erkannt und befriedigt werden. Der Nutzer wird dabei vom Abnehmer der Innovation zum Partner im Innovationsprozess, die Innovation entsteht kollaborativ. Doch nicht nur die Bedürfnisse des Nutzers spielen eine Rolle bei der Entwicklung, sondern vor allem die Übersetzung dieser Bedürfnisse in die technologische Entwicklung unter Berücksichtigung nachhaltigen Handelns. Klassische Vorgehensweisen in der Forschung und Entwicklung können diesen Anforderungen kaum mehr genügen.

Der Ruf nach neuen Formen der Entwicklungszusammenarbeit ist in den vergangenen Jahren immer stärker geworden und ist in verschiedenen Formen wie zum Beispiel Open Innovation, strategischen Forschungsallianzen oder Universitäts-Industrie-Kollaborationen theoretisch und praktisch beschrieben worden. „Kollaborative Innovation“ ist das Credo, also eine Entwicklung, die viele Partner beteiligt, interdisziplinäre Teams nutzt und von Anfang an auf radikal neue Ideen mit disruptivem Charakter fokussiert. Diese Art der Forschung ist riskant, entwickelt sich von unten in einem schnellen und iterativen Prozess, involviert eine Vielzahl unterschiedlicher Partner und steuert ziel- und nutzerorientiert die Technologieentwicklung.

Ein solches Vorgehen ist bisher in vielen deutschen Unternehmen und Forschungseinrichtungen trotz aller Erfolge in der Innovationstätigkeit kaum vorhanden. Häufig werden die Innovationsanstrengungen auf traditionelle Märkte und Technikfelder und dort vor allem auf Verbesserungs- und Prozessinnovationen ausgerichtet. Produkt- oder Geschäftsmodellinnovationen für die Entwicklung völlig neuer Geschäftsfelder sind vergleichsweise rar. Viele Manager gehen beim Thema Innovation verstärkt auf Nummer sicher und betrachten Durchbruchsinnovationen eher als Risiko denn als Chance. Um mit den Worten des renommiertesten Innovationsforschers in Deutschland, Jürgen Hauschildt, zu sprechen „Innovationen sind im Zweifel nicht willkommen“. Innovationen erfordern Umdenken, Einlassen auf Neues, Mut zum Scheitern, veränderte Denk- und Handlungsweisen.

Innovationen entstehen meist genau dann, wenn man nicht damit rechnet und nicht darauf vorbereitet ist. Dies führt häufig zu Widerständen und Innovationsbarrieren, die ein erfolgreiches Hervorbringen von Innovationen erschweren, wenn nicht sogar verhindern. Die Innovationsforschung hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Überwinden dieser Innovationsbarrieren beschäftigt und Lösungsvorschläge erarbeitet wie beispielsweise die zielgerichtete Unterstützung von Promotoren, sprich Mitarbeitern, die aktiv und mit großem Enthusiasmus Innovationen im Unternehmen vorantreiben, oder die Bildung interdisziplinärer Innovationsteams.

Ein weiterer zentraler Erfolgsfaktor in diesem Zusammenhang ist die Schaffung einer Innovationskultur, in der alle beteiligten Akteure offen und konstruktiv zusammenarbeiten können. Eine solche Innovationskultur bringt Forscher, Entwickler, Unternehmensmitarbeiter und Kunden zusammen und erlaubt Kreativität, Ausprobieren und auch Scheitern in einer geschützten Umgebung. Dies erfordert neben der Schaffung physischer oder virtueller Räume ein Umdenken in Hinblick auf die Art und Weise wie Innovationen in einer Organisation entstehen und umgesetzt werden. Dabei müssen die drei zuvor genannten Faktoren – Technologie, Wirtschaft und menschlichen Bedürfnisse – für sich alleine entwickelt und in einem kontinuierlichen Prozess aufeinander abgestimmt werden. Es ist Aufgabe des Innovationsmanagement, diesen Prozess kontinuierlich zu begleiten und diese Faktoren zu koordinieren.

Der Faktor Technologie ist ein traditionell starker Faktor in Deutschland. Damit dies so bleibt und insbesondere in den Wachstumsmärkten wie Informations-, Bio- oder Nanotechnologien Kompetenzen und Führungspositionen aufgebaut werden können, braucht es verstärkte Anstrengungen zur Stärkung der naturwissenschaftlichen Bildungs- und Forschungslandschaft. Allein Fachwissen kann für ein solides Fundament sorgen, auf dessen Basis radikale Innovationen gedeihen. Doch das beste Fachwissen nützt nichts, wenn es in den Forschungseinrichtungen „um seiner selbst“ Willen erforscht und entwickelt wird. Nur ein frühzeitiger Abgleich mit den Bedürfnissen des Marktes und der Kunden kann dafür sorgen, dass aus einer Erfindung eine erfolgreiche Innovation wird. Ein Ansatz, der diese permanente Spiegelung von Technologie, Kundenbedürfnissen und wirtschaftlichen Anforderungen unterstützt, ist das Design Thinking. Ursprünglich vor sechs Jahren aus dem Silicon Valley nach Potsdam an das Hasso-Plattner-Institut und seine School of Design Thinking (HPI D-School) exportiert, hat diese Herangehensweise zur Lösung komplexer Problemstellung aus allen Lebensbereichen bereits große Erfolge aufzuweisen. Neben Studierenden aller Fachbereiche und Nationalitäten, die an der HPI D-School jedes Semester eine Zusatzausbildung machen, nutzen immer mehr Unternehmer und Unternehmen Design Thinking um ihre Innovationsfähigkeit zu erhöhen und sogenannte vertrackte Probleme, für die es keine einfache, lineare Problemlösung gibt, zu lösen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Innovation keine Wissenschaft ist, sie braucht aber wissenschaftliche Erkenntnisse, um zu entstehen. Innovation entsteht aus dem Zusammenspiel von Technologie, Wirtschaft und menschlichen Bedürfnissen. Innovation entsteht kollaborativ im Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Partner, sie entwickelt sich nicht linear, sondern iterativ. Sie braucht Menschen, die sie tragen und eine Innovationskultur, die Kreativität und Freiräume gibt. Innovation ist vielfältig, wir brauchen neben neuen Technologien, Produkten, Prozessen und Dienstleistungen Geschäftsmodellinnovationen, soziale und nachhaltige Innovationen, um ein Innovationsland zu bleiben.

Prof. Dr. Katharina Hölzle ist seit 2011 Inhaberin des Lehrstuhls für Innovationsmanagement und Entrepreneurship an der Universität Potsdam. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kollaborative Innovation, Design Thinking, Geschäftsmodelle und Unternehmertum.

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