Zur Eröffnung der Kosmos-Lesungen : Alle Wege führen zu ihm

Unerschöpflich erscheint Alexander von Humboldts Werk. Und noch immer kommt Neues ans Licht: Das Jubiläumsjahr in Berlin greift global aus – es geht ums Ganze.

Er leuchtet. Auch 250 Jahre nach seiner Geburt bleibt Alexander von Humboldt anregend und überraschend.
Er leuchtet. Auch 250 Jahre nach seiner Geburt bleibt Alexander von Humboldt anregend und überraschend.Foto: imago/Rolf Zöllner

Von Humboldt wird man immer wieder überrascht. Dass ein Forscher, der vor 250 Jahren das Licht der Welt erblickte, heute noch ein derart munteres Forschungsgebiet darstellt, ist allein schon ungewöhnlich. Dabei können auch spektakuläre Funde für die nächsten Jahre nicht ausgeschlossen werden: Existieren möglicherweise noch Aufzeichnungen von der Amerikareise, vom Besuch in Washington? Und was ist mit der privaten Korrespondenz, die Humboldt zum größten Teil selbst hat verschwinden lassen?

Humboldtian writing

Alexander von Humboldt, am 14. September 1769 in Berlin geboren, war von einer unfassbaren Produktivität. In diesem Jahr erscheinen bei dtv seine „Sämtlichen Schriften“, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich: 6300 Seiten mit rund 1000 Texten, die zu seinen Lebzeiten weltweit an 250 Orten erschienen sind: ein riesiges wissenschaftliches, politisches und publizistisches Netz. Und dabei handelt es sich nicht um seine Bücher, sondern um ein gewaltiges Extra, einen Schatz, der jetzt erst gehoben wird, anno 2019. Wieder einmal kann man Humboldt neu kennenlernen – oder überhaupt erst einmal begreifen, auf welchen Gebieten er tätig, wie umfassend sein Spektrum war.

Die Wissenschaft spricht vom Humboldtian writing. Damit ist Humboldts Methodik gemeint, aus der Bewegung zum Wissen zu kommen, aus der unmittelbaren Anschauung zur Niederschrift. Humboldtsches Schreiben bezeichnet einen speziellen Stil. Dabei dreht es sich um die vernetzte Struktur der Texte und seinen umfassenden Blick auf die Welt, die Menschen, die Natur, auf Geschichte, Kunst und Kultur. Er war nicht nur Forscher, Schriftsteller und Diplomat, vielmehr auch ein künstlerischer Kopf. Das wird oft nicht klar genug erkannt. Es ist diese Verbindung von Empirie und Poesie, die ihn als Vorbild so anziehend macht. Im bewundernden Schauen der Natur und ihrer wissenschaftlichen Durchdringung liegt kein Widerspruch.

Natureinheit des Menschengeschlechts

Unsere Zeit spricht von Ökologie und Nachhaltigkeit. Es geht darum, die Lebensgrundlagen für eine rapide wachsende Erdbevölkerung zu erhalten und die Einzigartigkeit des Planeten zu bewahren. Humboldt hat geahnt, dass diese Menschheitsfragen zusammenhängen, er hat sie überhaupt mal als Fragen der Zukunft begriffen. Er besaß Antennen für komplexe Sachverhalte, die seine Zeitgenossen nicht erkannten oder auch nicht erkennen wollten. Raubbau an der Natur – die er als das Reich der Freiheit sah – definiert die Sklavenhalterwirtschaft und umgekehrt: Wer wie die Kolonialherrschaften Menschen als nachwachsenden Rohstoff behandelt und Monokulturen betreibt, schädigt die Welt auf vielfache Art und Weise. In den „Kosmos“-Vorträgen spricht Humboldt von der „Natureinheit des Menschengeschlechts“. Ein radikal emanzipatorischer Gedanke, der Rassismus ausschließt.

Der "zweite Kolumbus"

Am historischen „Kosmos“-Ort, dem heutigen Maxim Gorki Theater, eröffnet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 6. April die von der Humboldt Universität veranstalteten neuen „Kosmos“-Vorlesungen. Hauptredner ist der Klimaforscher Paulo Artaxo aus Brasilien. Er war federführend am Bericht des Weltklimarats 2007 beteiligt, für den er mit seinem Team den Friedensnobelpreis erhielt. Damit wird im Humboldt-Jahr in Berlin der politische Kern des Humboldt’schen Werks betont. Steinmeier zeigt sich als Humboldtianer. Auf seiner Lateinamerikareise im Februar dieses Jahres bewegte sich der Bundespräsident auf den Spuren des „zweiten Kolumbus“, der aus Preußen kam.

In der Universität von Quito eröffnete er das Humboldt-Jahr: „Die Umwelt endet nicht an Landesgrenzen – für Humboldt wäre das vor 200 Jahren schon eine triviale Erkenntnis gewesen. Und somit kann auch der Umweltschutz nicht an Landesgrenzen enden. Die Folgen der Umweltzerstörung, insbesondere des Klimawandels, sind auf der ganzen Welt spürbar.“ Steinmeiers Rede war eine Selbstverpflichtung, die wirtschaftlichen Regeln und auch das eigene Verhalten zu ändern: „Ich spreche von Schäden durch extreme Wetterlagen, von Verelendung durch Dürre und von massenhaften Wanderungsbewegungen, die durch diese Katastrophen ausgelöst werden. Und schließlich spreche ich von einem Artensterben, das das gesamte Ökosystem der Erde und damit auch unsere menschliche Existenz bedroht.“

Die Welt retten?

Mit Alexander von Humboldt die Welt retten? Solche Jubiläumsjahre haben die Eigenheit, mit großem Getöse eröffnet zu werden, etliche Bücher und Podien und Beiträge aller Art zu produzieren, um dann erschöpft auszuklingen, ohne große Wirkung. 2018 war das Karl-Marx-, 2017 das Martin-Luther-Jahr. Sie gingen ins Land. Bei Humboldt könnte es anders laufen. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften zum Beispiel steht ja bei ihrem auf zunächst 18 Jahre angelegten Projekt „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“ noch im ersten Drittel.

Anfang Juni lädt die Akademie zu der internationalen Konferenz „Alexander von Humboldt: Die ganze Welt. Der ganze Mensch“. Auf sechs thematischen Wegen wollen die Humboldtianer voranschreiten: Die Welt anders denken; Weltklima und Anthropozän; Kartographie und Räume des politischen Handelns; die ganze Welt der Kulturen; Lokale Ressourcen und globale Wege; Wissenschaftspraktiken im digitalen Zeitalter.

Die Humboldts im Humboldt Forum

Das mag abstrakt klingen, aber es zeigt, dass die Beschäftigung mit Alexander von Humboldt und seinem Werk globale Maßstäbe verlangt. Vor dieser Herausforderung steht auch das Humboldt Forum. Zum 250. Geburtstag des einen Namensgebers – Wilhelm von Humboldt wird dabei gelegentlich vergessen – soll es in der Schlossschachtel einen Festakt geben. Die eigentliche Eröffnung zieht sich wohl weit bis ins Jahr 2020 hin. Humboldt Forum: Schon jetzt entzünden sich an dieser Institution grundsätzliche Diskussionen. Wie umgehen mit der Kunst, mit den Artefakten, die in der Kolonialzeit nach Berlin in die Sammlungen gelangten, nicht notwendig in jedem Fall auf kriminelle Art?

Alexander von Humboldt arbeitete als Kammerherr im alten Schloss der preußischen Könige. Er war hier in Berlin nicht sehr glücklich. Auch das ist eine Frage für dieses Jahr: Wie kommt Alexander von Humboldt, wie kommen beide Humboldts in diesen Bau, wo erfährt man etwas über ihr Leben, ihre Geschichte mit der Stadt, die sich mit ihnen schmückt? Dem Humboldt-Jahr sind kräftige Debatten zu wünschen. Alles andere wäre unpassend. Nicht nur war Alexander von Humboldt ein universaler Vortragskünstler. Er redete viel, in vielen Sprachen, und er hatte eine scharfe Zunge. Er konnte austeilen, geistreich und ungeheuer schnell.

Zum Programm des Humboldtjahrs.

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