Zeitung Heute : Zur Hölle mit dem Dandy

DEUTSCHE OPER Christian Spuck inszeniert Berlioz’ dramatische Legende „Fausts Verdammnis“ als schwarze Revue – mit Mephisto als Spielleiter.

SANDRA LUZINA

Als Christian Spuck 16 war, stand ein alter Kassettenrekorder neben seinem Bett. Wenn zu später Stunde im Radio Zeitgenössisches gespielt wurden, hat er das immer aufgenommen. Und während er der Musik lauschte, malte er sich lebhafte Szenen aus. „Ich wollte immer große Bilder bauen zu dem, was ich höre. Ich wollte immer Menschen sortieren auf der Bühne“, sagt Spuck beim frühen Gespräch in der Deutschen Oper. Dazu hat er jetzt ausreichend Gelegenheit, wenn er „Fausts Verdammnis“ von Berlioz an der Bismarckstraße inszeniert.

Christian Spuck ist einer der wichtigsten deutschen Choreografen und mittlerweile auch als Opernregisseur gefragt. „Ich versuche aber nicht, aus ,Damnation de Faust' ein Tanzstück zu machen“, stellt er gleich klar. „Bei der Arbeit mit den Sängern verfolge ich einen eher schauspielerischen Ansatz. Aber natürlich vermeide ich die typischen Operngesten.“ Und schon kniet er sich hin und greift sich mit der Hand ans Herz.

Lehrjahre eines Choreografen

Früher träumte er von einer Karriere als Tenor oder Schauspieler. Der Wunsch zu tanzen war dann aber stärker. Seine Eltern haben ihn gedrängt, erst mal das Abitur zu machen. Danach folgte der Zivildienst in Frankfurt in einer psychiatrischen Einrichtung von Pfingstern. Abends rannte er in die Vorstellungen von William Forsythe. Es war die große Zeit des Frankfurter Balletts, als Werke wie „The Loss of Small Detail“ oder „In the Middle. Somewhat Elevated“ entstanden. Für den jungen Spuck war Forsythe die Initialzündung. „Auf einmal sieht man, dass man im Tanz darstellende und bildende Kunst und Philosophie miteinander verbinden kann. Das hat mich damals als Documenta-Kind – ich komme ja aus Kassel – besonders beeindruckt.“

Seine dreijährige Tanzausbildung absolvierte er danach an der John-Cranko-Schule in Stuttgart. „Ich stand als 20-Jähriger neben lauter 16-Jährigen an der Stange – das war nicht ganz leicht“, erzählt Spuck. Seine Noten in kreativem Tanz waren jedenfalls viel besser als die in klassischem Tanz.

Das halbe Jahr bei Anne Teresa de Keersmaeker in Brüssel war seine zweite Schulzeit. Das tänzerische Material war vertrackt, und abends musste er noch die große Fuge von Beethoven auswendig lernen. „Die Arbeit war sehr einnehmend. Heute bin ich ihr dankbar, weil ich ein anderes Verständnis dafür habe, wie Choreografie und Musik sich begegnen können.“

Spuck gibt offen zu, dass er als Tänzer nicht gerade der begnadete Virtuose war. Als Choreograf hatte er aber auf Anhieb Erfolg. Der Pas de deux, den er 1996 in der Reihe „Junge Choreographen“ bei der Noverre-Gesellschaft vorstellte, wurde gleich ins Repertoire des Stuttgarter Balletts übernommen. 2001 wurde er zum Hauschoreografen ernannt. 14 Uraufführungen hat er für die Stuttgart Kompanie choreografiert, doch er machte sich auch rasch international einen Namen. Denn Spuck kann wunderbar mit großen Ensembles arbeiten, das hat er immer wieder bewiesen. Und er versteht es, eine Figur nur durch Bewegung zu charakterisieren. So hat er das Handlungsballett auf innovative Weise fortgesetzt. Seit Beginn der Spielzeit 2012/13 ist er Direktor des Zürcher Balletts – und er hat es geschafft, verstärkt ein jüngeres Publikum anzusprechen. Als Überflieger sieht Spuck sich freilich nicht. Er ist sehr selbstkritisch und ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. „Der Erfolg einer Premiere – das hält nicht."

Bei seinem Berlin-Debüt wagt er sich mit „Fausts Verdammnis“ an ein Stück, das nur selten inszeniert wird. „Es verlangt dem Regisseur eine große Fantasie ab – das hat mich herausgefordert“, sagt Spuck. Denn es gilt, szenische Lösungen zu finden für das Werk, das alle Gattungsgrenzen sprengt. Aber genau dieses Konstruierte, dieses Nebeneinander der Szenen, die Sprünge in der Zeit will Spuck zum Thema machen. Der Faust ist für ihn nicht die interessanteste Figur. „Bei Berlioz begegnen wir einem ganz anderen Faust als bei Goethe. Einem sehr larmoyanten und leidenden Faust, der sich isoliert fühlt, der nicht an der Schönheit der Welt teilnehmen kann. Er ist eher ein Künstler. Wenn man sich die Biografie von Berlioz anschaut, dann ist das eigentlich er selber“, sagt Spuck.

Satanische Fersen

Mit seinem Ennui ist der dandyhafte Faust leichte Beute für Mephisto. Der ist nicht nur Seelenfänger, sondern auch der Spielleiter. „Wir behaupten, dass dieses Musiktheaterwerk von Mephisto geplant und inszeniert ist“, erzählt Spuck. „Faust, die Bauern, die Soldaten – sie alle sind seine Kreaturen. Und Marguerite ist die Assistentin des Teufels.“

Neben den Sängern Klaus Florian Vogt, Samuel Youn und Clémentine Margaine wirken auch zehn Tänzer aus der freien Szene mit – die viel zu tun haben. Denn der Theaterdirektor Mephisto hat es faustdick hinter den Ohren und veranstaltet einen Riesen-Hokuspokus.

Berlioz' Werk entstand auf dem Höhepunkt der Schwarzen Romantik. Spuck inszeniert es nun als eine schwarze Revue und will dem Höllenritt Ironie und Leichtigkeit verleihen. Den Tänzern verleiht er gewiss satanische Fersen. Und mit Blick auf seine verführerische Marguerite, die die naive Unschuld nur spielt, sagt er: „Das Uneindeutige finde ich spannend.“ Das ist sehr mephistophelisch gedacht.

SANDRA LUZINA

Deutsche Oper: Premiere 23.2.,

18 Uhr. Auch 27.2., 19 Uhr

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