Zeitung Heute : Zur Kasse, bitte

Cordula Eubel

Bei der Gesundheitsreform streitet die große Koalition über eine finanzielle Beteiligung der privaten Krankenversicherer. Sind die Privaten die „Parasiten des Gesundheitswesens“, wie die SPD behauptet?


Das Image der Parasiten im Gesundheitswesen werden die privaten Krankenversicherungen nicht mehr los. So berichten Manager aus der Versicherungsbranche, dass sie in den vergangenen Jahren einen Stimmungsumschwung haben feststellen müssen – zu Lasten der Privaten. Der Vorwurf lautet: Die Versicherer picken sich die Rosinen heraus.

Das liegt auch an den Regeln, nach denen die privaten Versicherungen (PKV) wirtschaften dürfen: Sie können junge, sehr gut verdienende Arbeitnehmer mit ihren – anfangs noch relativ günstigen – Tarifen locken. Wer als Angestellter mehr als 3937,50 Euro brutto im Monat verdient, kann aus der gesetzlichen Kasse abwandern. Außerdem versichern die Unternehmen traditionell Beamte und Selbstständige. Doch sie müssen nicht jeden nehmen: Nach einer Risikoprüfung können sie unerwünschte Kunden ablehnen, etwa Krebskranke oder Aidspatienten, die in der Regel hohe Ausgaben verursachen. Das führt dazu, dass die Privatversicherungen eher Kunden mit einem geringen Krankheitsrisiko aufnehmen, während zum Beispiel Versicherte mit chronischen Krankheiten oder Drogenabhängige eher bei AOK, Barmer und Co. landen.

Die PKV lebt derzeit von dem Ruf, dass ihre Versicherten besser behandelt werden: Sie bekommen bei Fachärzten schneller einen Termin und haben einen besseren Zugang zu manch einem Spezialisten im Krankenhaus. Das liegt auch daran, dass Mediziner für ihre Privatpatienten zum Teil höhere Honorare abrechnen können als für den durchschnittlichen Kassenpatienten. Der Verband der privaten Krankenversicherungen wollte dieses Argument im Vorfeld der Gesundheitsreform für die Kundenakquise nutzen: Der Verband warb im Februar 2006 damit, dass die Privaten das Gesundheitssystem mit 9,5 Milliarden Euro zusätzlich stärken. Das komme auch den gesetzlich Versicherten zugute. Eine Werbung, die dem Verband durch das Landgericht Hamburg untersagt wurde. Die Behauptung sei „irreführend“, denn ein erheblicher Teil dieser Summe stamme aus der Beihilfe, die Beamte bekommen – also vom Steuerzahler, nicht von den Privatpatienten allein.

Rund zehn Prozent der Krankenversicherten in Deutschland sind privat versichert, darunter auch Manager und andere Berufstätige mit gutem Einkommen. Dass vor allem Gutverdiener Kunden der Privaten sind, das bereitet nun der Union in den Verhandlungen mit der SPD über die Gesundheitsreform Schwierigkeiten. CDU und CSU sehen sich mit ihrem Einsatz für die PKV dem Verdacht ausgesetzt, ausgerechnet die Bewahrer der „Gutverdiener-Kassen“ zu sein, während die SPD sich um die solidarische Finanzierung des Gesundheitswesens bemüht. Um sich dieses Eindrucks zu erwehren, verweist manch ein Unionspolitiker in diesen Tagen darauf, dass auch Beamte mit niedrigem Einkommen oder „kleine Selbstständige“, die sich mehr schlecht als recht durchwursteln, privat versichert sind. So lässt denn auch die offizielle Sprachregelung der Union zur Einbeziehung der privaten Krankenversicherung in die Gesundheitsreform viel Spielraum für unterschiedliche Interpretationen. Dass auch die Privatversicherten einen Beitrag leisten können, räumen Unionspolitiker wie der CSU-Gesundheitsexperte Wolfgang Zöller vor den Fernsehkameras ein. Doch die PKV dürfe „in ihrer Substanz“ nicht angetastet werden, betont CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla. Ob die Union bereit ist, das derzeitige Geschäftsmodell der Privaten zu verändern, wie die SPD es will, geht daraus nicht eindeutig hervor.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben