Zeitung Heute : Zur Kirche gehen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Der Krieg ist vorbei, seit 60 Jahren und zwei Tagen. Widmen wir uns der Nachkriegszeit. Neulich bin ich mal wieder am Wahrzeichen West-Berlins vorbeigekommen, an der Gedächtniskirche. Und bin empört.

Der Bau von Egon Eiermann ist großartig, von außen wie von innen. Die blauen Glasbausteine leuchten in der Nacht; wenn man tagsüber aus dem Einkaufstrubel hier hereinkommt, taucht man ein in eine andere Welt. Auch wenn Touristen sich nur hineinsetzen, um sich etwas auszuruhen und den Stadtplan auszubreiten – die Stimmung in der Kirche macht alle andächtig.

Egon Eiermann ist der beste Beweis dafür, dass es eine Stunde null nicht gegeben hat. Der Architekt war ein Vertreter der Moderne, vor, während und nach dem Krieg, einer der wenigen, der diese „Kontinuität der Moderne“ in Deutschland garantierte – so heißt auch die Ausstellung im Bauhaus-Archiv, die ihm gewidmet ist. Und es war eine der besten Entscheidungen dieser abriss- und rekonstruktionswütigen Stadt, die Kirchenruine als Mahnmal stehen zu lassen und durch einen modernen Anbau zu ergänzen. Umso ärgerlicher der Budenzauber, der sich vor diesem Denkmal breit gemacht hat. Am Fuße der Gedächtniskirche, die an den Krieg erinnert, wird verkauft, was es auf jedem Rummel gibt: Boulette und Currywurst, Billighandys und Piercing-Schmuck, Postkarten und Souvenirs. Und das im Namen der Kirche; deren Zeichen schmückt die Planen.

Die grauen Buden nehmen dem Denkmal seine Würde, der Architektur ihre Schönheit. Nun komme mir keiner mit der Armut der armen Kirche. Wenn doch jetzt alle so fromm sind, dass sie in Scharen zum Petersplatz pilgern, da wird man sie doch wohl auch in hiesige Kirchen locken können, so dass sie Kirchensteuern zahlen. Mach ich doch auch. Man muss sich nur was einfallen lassen, was anderes als Buden. Gerade jetzt, wo doch der Breitscheidplatz schöner werden soll. Auf einem Schild verkündet das Bezirksamt die Zukunft: neue Bäume, Bänke und Laternen. Von Buden steht da nichts.

Am Sonntag wird in der Gedächtniskirche die „Nacht der offenen Kirchen“ begangen. Thema: Deutschland vor 60 Jahren. Die Eiermann-Ausstellung im Bauhaus-Archiv läuft bis 16. Mai; bei Hatje Cantz erschien der Katalog (24 Euro).

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