Zeitung Heute : Zur Kunst tanzen

Wie ein Partygängerin Berlin erleben kann

Christine Lang

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Seit Andy Warhols Factory scheinen sich Clubkultur und zeitgenössische Kunst gegenseitig zu durchdringen. Ich meine damit nicht nur, dass man zu einer Vernissage gerne mal einen DJ einlädt, sondern dass Clubkultur zum konkreten Gegenstand der Kunst geworden ist – in origineller Weise zum Beispiel in Form des lebendig ausgestellten Ravers, der zu Techno aus dem Kopfhörer stundenlang vor einem Galeriepublikum tanzt.

Die diesjährige Biennale zeigt auch, wie sehr zeitgenössisches Kunstgeschehen vom Thema Club- und Musikkultur bestimmt ist; hier geht es weniger um Objekt-Ausstellung als um historische Aufarbeitung. Unter dem Namen „Re-punk electronic music“ werden mit Plattencovern und Videoclips Frauen der Musikgeschichte vorgestellt, auf einer Bühne stehen Fernseher, auf denen man sich unter anderem die legendäre Fernsehsendung „Lost in Music: Tekkno Trance“ von 1992 anschauen kann.

Auf der Biennale geht es didaktisch zu, hier kann man lernen, wie mit der Clubkultur alles angefangen hat. So auch am kommenden Sonntag: Das Artmagazin „Neid“ feiert seine zehnte Jubiläumsausgabe und thematisiert in diesem Heft den Zusammenhang von Kunst und Clubmusik. Auf der Party wird gelesen, Hans Kroier aka „Pickadelic“ spielt Musik zu Clubvisuals von VJ Blueprint und Herausgeberin Ina Wudtke zeigt eine Soundperformance. Schön übrigens, dass das Ganze schon am Nachmittag stattfindet.

Seit gestern läuft in Berlin eine weitere Ausstellung, die zumindest teilweise Clubkultur zu ihrem Thema macht. In der „Rebel Minds Gallery“ lautet das Thema „Die Nacht ist meine Welt“. Neben mit Puppen nachgestellten „Bettgeschichten“ und imposanten Nachthimmelbildern gibt es auch künstlerische Kommentare zur Clubkultur, vor allem aber wird dieser Aspekt durch einen DJ unterstrichen. DJ Replicant bringt entsprechende Clubcredibility in den drögen Galeriebetrieb.

Als Pendant zur hippen Clubkultur, derer sich im Kunstkontext gerne bedient wird, heißt es im Partygeschehen schnell, dass auch „ein bisschen Kunst“ zu sehen sein wird. Dieser hehre Anspruch äußert sich meistens durch die Anwesenheit von so genannten Cheap-Art Bildern à la Jim Avigon oder durch die eines VJs, der synästhetische Bildprojektionen an die Wände wirft. Selbst bei ganz coolen Partys gehört es inzwischen zum guten Ton, sich auf diese Weise einen Hauch Hochkultur ins Haus zu holen. Heute Nacht im Maria werden sich zwei Japaner, Yuhei Urakami and Nobuhiro Shimura unter dem Künstlernamen „Spectrum“ zum ersten Mal in Deutschland präsentieren. Sie werden ihre Handkamera-Live-Aufnahmen überall in dem relativ großräumigen Club projizieren.

Der Hauptgrund jedoch, warum ich auf diese Party zu sprechen komme, ist der Auftritt des Engländers „A Guy Called Gerald“. Er ist seit den 80er Jahren eine der Schlüsselfiguren der englischen Dancemusic. Mit seinen Produktionen legte er den Grundstein für die englische Ravekultur und Jungle. Für mich persönlich gehört sein 1995er Album „Black Secret Technology“ in die Hall of Fame. Ein Klassiker der Drum’n’Bass Musikgeschichte.

Sonntag, 16-19 Uhr: „Neid“ Release , Kunstwerke, Auguststraße 69, Mitte. Freitag, ab 22 Uhr: DJ Replicant (Larsen Record, REX-Paris), Rebell Minds Gallery, Zimmerstraße 78, Mitte. Freitag, ab 23 Uhr: Dangerous Drums „Welcome to the Plessure Dome“, A Guy Called Gerald u.v.a., Maria am Ostbahnhof, An der Schillingbrücke, Stralauer Platz 33-34, Friedrichshain.

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