ZUR PERSON : „Man hätte sensibler sein können“

Der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu über die NSU-Morde, Münchner Richter, traumatisierte Opfer und Deutschländer.

Herr Botschafter, so sehr wie Sie derzeit war wohl keiner Ihrer Vorgänger in den deutschen Medien präsent.

Darum reiße ich mich nicht, aber ich bin auch nicht medienscheu.

Der Grund dafür ist traurig...

Die NSU-Morde, ja. Und da ist nicht nur das Medieninteresse groß. Auch von meinen Botschafterkolleginnen und -kollegen erhalte ich sehr viele Fragen.

Der Prozess um die Terrorzelle, der Mord an acht türkischen, einem griechischen Migranten und einer Polizistin zur Last gelegt wird, beginnt in wenigen Tagen. Sie wollen dabei sein, obwohl Sie keinen festen Platz haben.

Können Sie sich einen deutschen Botschafter vorstellen, der nicht dabei wäre, wenn in der Türkei über den Tod so vieler Landsleute verhandelt würde? Hinzu kommt, dass ich die Angehörigen der Mordopfer alle kenne. Ich habe sie mehrfach besucht, es gibt inzwischen eine persönliche Beziehung, es gibt Vertrauen. Viele haben mich auch jetzt angerufen und gefragt: Sie sind doch bei uns, wenn der Prozess beginnt? Und ich antworte ihnen: Natürlich!

Wie müssen wir uns das vorstellen? Wird der Botschafter der Türkei um sechs Uhr morgens vor dem Münchner Oberlandesgericht Schlange stehen?

Ich hoffe, dass bis zum Prozessbeginn eine Lösung gefunden werden kann. Dazu stehen wir mit den zuständigen Behörden in Kontakt.

Dass weder Sie noch Vertreter des türkischen Parlaments und die türkischsprachige Presse Platz im Gericht bekommen, ist auch auf deutscher Seite massiv kritisiert worden. Ein früherer Verfassungsrichter moniert, das Gericht hätte politischer handeln sollen.

Wenn man im Namen des Volkes urteilt, sollte man das Volk auch mitnehmen. So denke ich.

Die Vorwürfe aus der Türkei liefen teils darauf hinaus, deutsche Behörden und Justiz deckten Rechtsextremismus.

Das sehe ich anders. Als jemand, der in der Bundesrepublik aufgewachsen ist, weiß ich, welche Lehren Deutschland aus dem Nationalsozialismus gezogen hat.

Hat das mit Ihrer deutschen Sozialisation zu tun? Viele Kinder der Gastarbeitergeneration berichten über das grenzenlose Vertrauen der Eltern in deutsche Institutionen.

Das mag ein Grund sein. Das Außenministerium in Ankara macht von dieser deutsch-türkischen Sozialisation zwar immer mehr Gebrauch und schätzt sie; ich bin nicht der Einzige, der in Deutschland aufgewachsen ist. Mein Vertrauen zu deutschen Behörden und der Justiz beruht aber eher auf objektiven Daten. Ich weiß einfach, dass die Dinge hier in der Regel gut laufen.

Das ist in der Türkei anscheinend anders angekommen.

Die ganze Aufregung kommt doch daher, dass die Türkei selbst eine große Offenheit und Öffentlichkeit in Gerichtsverfahren kennt. Deshalb die Fragen: Wieso konnte man nicht sensibler agieren? Auch bei dem Prozess in Mannheim um einen schweizerischen Staatsbürger (Fernsehmoderator Jörg Kachelmann, Anm. d. Red.) hat man genügend Plätze für ausländische Medien geschaffen. Warum sollte dies nicht beim NSU-Prozess möglich sein? Es gibt genügend Beispiele in Deutschland, dass der Ort einer Gerichtsverhandlung der Bedeutung eines Verfahrens und dem Interesse daran Rechnung trägt.

Das heißt, Ort und Akkreditierungsverfahren in München hätten besser zu einem Eierdiebstahlsverfahren gepasst?

Das möchte ich den Richtern nicht unterstellen. Aber wie ich schon sagte: Man hätte sensibler sein können. Dass es großes Interesse geben würde, war ja klar. Im Zusammenhang mit den NSU-Morden haben die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse bis jetzt viele Pannen zutage gefördert. Die Sache mit den Presseplätzen hat die türkische Gemeinde weiter irritiert.

Glauben Sie, das Vertrauen zwischen Minderheit und Mehrheit ist auf Dauer zerstört?

Ich denke, „Mehrheit“ und „Minderheit“ sind nicht die richtigen Begriffe für das multikulturelle Zusammenleben in Deutschland. Allerdings gibt es insbesondere bei den unmittelbar Betroffenen, den Angehörigen der Mordopfer, einen Vertrauensverlust. Sie haben nicht nur ihre engsten Verwandten verloren, sie mussten auch danach traumatische Erfahrungen machen. Einem Mädchen wurden ein Dutzend Mal DNA-Proben abgenommen, es wurde immer wieder gefragt, ob der Vater nicht doch eine andere Frau hatte, ob die Mutter die Mörderin sein könnte. Dennoch schaffte sie Gymnasium und Uni, spricht perfekt Deutsch.

Bedeutet der NSU-Skandal eine Zäsur in den deutsch-türkischen Beziehungen?

Auf Staatsebene? Nein. Die deutsch-türkischen Beziehungen haben ein hohes Niveau und werden eher noch besser. Es gibt keinen anderen Staat, mit dem wir so intensive Kontakte haben.

Trotz des deutschen Widerstands gegen den EU-Beitritt der Türkei?

An dem Punkt, wo wir heute stehen, wäre es nicht richtig, von einem deutschen Widerstand zu sprechen. Die „privilegierte Partnerschaft“ wird von deutscher Seite inzwischen nicht mehr in die Diskussion eingebracht. Es gibt allerdings EU-Staaten, deren Haltung gegenüber dem Beitritt problematisch ist. Doch wir gehen den EU-Beitritt zusehends entspannt an. Was wird, wird – wenn es so weit ist. Daraus entsteht keine Hürde im Verhältnis unserer Länder. Ich möchte aber auf ein anderes Problem aufmerksam machen.

Welches?

Auf die gefühlte Unsicherheit innerhalb der türkischen Community. Nach den Bränden in Mölln und Solingen Anfang der 90er Jahre, den NSU-Morden sind die Türken sensibler geworden. Das kollektive Trauma wirkt nach; jeder Brand in einem türkischen Haus produziert inzwischen Gänsehaut, noch bevor man weiß, ob vielleicht ein Kurzschluss der Grund war.

Wird man übersensibel?

Insbesondere aufgrund der rassistischen Mordserie und der Bombenanschläge der NSU ist die Sensibilität doch verständlich! Oft wird ein brennendes Kinderwagenrad, eine eingeschlagene Fensterscheibe in einem Haus von den Behörden als schlechter Streich oder als Vandalismus interpretiert, die Türken nehmen ihn aber als Zeichen. Und man informiert sich unter Freunden und Verwandten ja auch, darüber wird gesprochen, es gibt eine massive Kommunikation. Vieles, was den Türken wichtig ist, erreicht die deutsche Umgebung nicht.

Fehlt den Deutschen etwas?

Das würde ich nicht sagen. Ich möchte nur auf unterschiedliche Wahrnehmungen und Gewichtungen aufmerksam machen, die mit den jeweiligen Erfahrungen zusammenhängen.

Und was sagt Ihre interkulturelle Kompetenz?

Sie sagt mir, dass wir alle empathischer werden und uns in den anderen hineinversetzen sollten. Unsere gemeinsame Zukunft erfordert dies: Die Hälfte der jungen Leute in den größeren Städten haben heute schon Migrationshintergrund. Diesen jungen Leuten sollte man entgegengehen.

Weil sie sonst in Parallelgesellschaften abdriften?

Die Definition von „Parallelgesellschaft“ ist nicht eindeutig. Ich denke, es ist eine Bereicherung, wenn unterschiedliche Gruppen ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Religion ausleben können, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, dabei in Interaktion stehen und voneinander lernen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Kind im Schwarzwald gemacht?

Nur positive. Ich war ein kleines Kind, das in Donaueschingen von einer deutschen Oma praktisch adoptiert wurde. Sie hat Willkommenskultur vorgelebt, auch weil sie wusste, wie wichtig das für Fremde ist. Ihre eigene Enkelin lebte mit ihrer Mutter in Brasilien, sie fuhr oft dorthin. Aber natürlich habe ich auch türkisch gelebt, man sucht sein Milieu. Mein Vater hatte türkische Arbeiter unter seinen Patienten, wir haben Saz gespielt und gegrillt. Deswegen weiß ich, wie schwer es ist, sich für eines zu entscheiden. Es wirkt einfach hart und gefühllos, wenn junge Deutschtürken jetzt zwischen ihren beiden Pässen wählen müssen. Sicher, viele werden den türkischen abgeben. Aber es wird eine große Enttäuschung zurückbleiben.

Sie sind der erste „Deutschländer“, ein Almanci, als Botschafter – oder haben Sie etwas gegen den Begriff?

Er passt bestens! Und das Außenamt der Türkei sieht uns Almancilar als Bereicherung. Wir brauchen Brückenbauer. Deutschland übrigens auch. Ich würde mich freuen, wenn es bald auch eine Deutschtürkin oder einen Deutschtürken gäbe, der Deutschland in Ankara verträte.

Das Gespräch führten Christian Böhme und Andrea Dernbach. Das Foto machte Thilo Rückeis.

KINDHEIT

Hüseyin Avni Karslioglu (56), geboren in Anatolien, hat beste Erinnerungen an seine Jugendzeit in Deutschland. Vor allem an eine ältere Nachbarin. Bei ihr verbrachte er viel Zeit – auch mit Büchern in Frakturschrift, was seine Leidenschaft für Kalligrafie weckte. Der Vater hatte die Türkei nach dem Militärputsch 1960 verlassen und sich als Arzt in Donaueschingen niedergelassen.

KARRIERE

Nach der Grundschule kehrte Karslioglu in die Türkei zurück, studierte Politikwissenschaften und bekleidete später im Außenministerium verschiedene Posten. Bevor er 2011 als Botschafter nach Berlin wechselte, leitete der Oldtimerliebhaber das Büro von Staatspräsident Abdullah Gül. Karslioglu sieht sich selbst als einen „Almanci“, was so viel heißt wie „Deutschländer“. Tsp

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