Zeitung Heute : Zur Post laufen und staunen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Rentner haben niemals Zeit? Von wegen. Sie lehnen, wie man das aus alten Filmen kennt, gemütlich und behäbig auf der Fensterbrüstung und gucken Leute oder zupfen auf dem Balkon das Unkraut weg. Oder – und nun kommt die aktivere Spezies ins Spiel – sie studieren den Tipp-Teil der Zeitungen und rasen los, mitten hinein in die Events der kochenden Stadt. Manchmal nehmen sie ihre Frauen mit oder ihre Enkel, manchmal stürzen sie sich spontan in die urbane Wildnis, manchmal planen sie ihren Tag monatelang vorher bis ins Allerletzte, das ist das Vorrecht der Generation Käfer und Trabant, eine große Freiheit, nie zuvor gekannt, jetzt nehmen wir sie uns einfach, keine Stechuhr, kein Chef, kein Lebensplanquadrat, nur ich, Mensch, der ich noch krauchen, kieken und staunen kann. Mit sechsundsechzig Jahren...

Jetzt mach ich mal einen großen Sprung zur Post. Nein, bitte nix mit Briefmarkensammeln; die Zeiten, da er ihr seine blaue rote grüne Zehn Groschen Deutsches Reich und so zeigen wollte, liegen ja nun hinter den sieben Bergen, aber Post, richtige mit der Hand geschriebene Briefe oder Karten, die kriegt man für sein Leben gern, natürlich, News von hier und da, schnelle Botschaften, manchmal mit ’nem Herzchen drauf. Aber wie funktioniert es denn, dass, wie zumindest die Postmenschen es behaupten, 95 Prozent aller Briefe, die heute in den gelben Kästen verschwinden, schon morgen beim Empfänger sind?

Ich war sehr neugierig und hab mir das mal angesehen, und Sie können das auch – morgen im Briefzentrum Eresburgstraße 21 in Schöneberg beim „Tag der offenen Tür“. Man kommt aus dem Staunen nicht ’raus: In einer 240 Meter langen Halle laufen egalweg Bänder, wo mit elektronischer Hilfe Standard- und Kompaktbriefe sortiert werden. Es gibt nette Menschen an Anschriftenlese- und Videocodiermaschinen und eine Briefordnerei, wo die großen und die kleinen Botschaften getrennt werden, rutsch-flutsch geht das, man kann es kaum glauben, bis zu 4,5 Millionen Kuverts sausen hier durch: Lieber Gott, lass viele gute Worte darin sein, Tag für Tag.

Briefzentrum Eresburgstraße 21, Sonnabend von 11 bis 19 Uhr für jedermann geöffnet.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!