Zeitung Heute : Zur Retrospektive fahren

Marc Neller

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

War eigentlich auf Anhieb zu erkennen, dass in diesem Kino irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Kein Kartenabreißer. Dieser winzig kleine Raum, auf dessen Tür „Kino 2“ steht: eine Art Wohnzimmer, fünf Sitzreihen mit Polstermöbeln. Und an der Stirnseite statt einer Leinwand schlicht eine weiß verputzte Wand.

War trotz alledem von der seltsamen Werbung überrascht. Gleich der erste Spot brach meinen gewohnheitsmäßigen Boykott. Diese lange Kameraeinstellung. Habe sie aus den Augenwinkeln wahrgenommen und sogar das Programmheft beiseite gelegt.

Das Programmheft ist Teil einer Strategie. Kino für Kinowerbungverächter gewissermaßen. Die Strategie besteht im Wesentlichen darin, besonders konzentriert in Programmheften zu lesen, während die Werbung vor dem Film läuft. Ist keine sonderlich wirksame Form des Widerstands, zugegeben. Sieht ja niemand, wenn einer im Dunkel des Saals hochkonzentriert die Werbung nicht wahrnimmt und die Vorschauen selbst zu solchen Filmen auswendig zu lernen scheint, die ihn auch im nächsten Leben nicht interessieren werden, sollte es eines geben.

Selbst wenn jemand es sähe, es würde niemanden sonderlich beeindrucken. Blinder Opfermut. Aber der einzig praktikable Ausweg. Gezieltes Zuspätkommen hat sich nur bedingt bewährt. Die Werbung ist nicht in allen Kinos gleich lang. Und der sich selbst reservierende Sitzplatz ist über das Stadium einer Vision auch noch nicht hinaus.

Dieses Mal hat sich die Pünktlichkeit gelohnt. Und auch, dass ich gleich dem ersten Werbefilm auf den Leim gegangen bin. Der Spot mit der beeindruckend langen Kameraeinstellung war die Anfangssequenz des Films. Ist eine Strategie dieses Kinos, dass die Werbung vor dem Film entfällt. Kino für Kinowerbungverächter. Und dann, mitten im Film, hat der Vorführer die Spule gewechselt.

War so hilflos, dass ich mir gleich einen Werbespot für das Kino ausgedacht habe. Kino wie früher, der Film zum Film. Eine kleine Retrospektive für Nostalgiker.

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