Zeitung Heute : Zur Sache Schätzchen

Die Briten versenkten ihn, Amerikaner bargen ihn, Spanien gehört er: der Schatz der 1804 untergegangenen Nuestra Señora de las Mercedes. Aber wo der auch ist, macht er Ärger. Teil fünf unserer Sommerserie über Piraten – die viel mehr sind als eine politische Mode.

Suche im Trüben. Die US-Firma Odyssey sucht weltweit nach wertvollen versunkenen Schiffen (hier ein britischer Frachter). Der Fund vor Spanien hat ihnen nur Verdruss bereitet. Foto: Laif
Suche im Trüben. Die US-Firma Odyssey sucht weltweit nach wertvollen versunkenen Schiffen (hier ein britischer Frachter). Der Fund...Foto: OME / Polaris/laif

Vor kurzem träumte José Antonio Cereza, jemand habe ihm den größten Schatz aller Zeiten nach Hause gebracht. Wohn- und Schlafzimmer waren voller Gold- und Silbermünzen. Alles seins! Er träumte, dass er davon seiner Tochter, alleinerziehend und seit Jahren arbeitslos, eine eigene Wohnung kaufen würde, damit sie endlich zu Hause ausziehen könnte, und er war glücklich. Doch dann plötzlich kippte die Stimmung in seinem Traum. Plötzlich sah er, dass die Münzen auf ihn zurollten, ihn überrollten, diese Berge von Münzen, und ihn zu erdrücken begannen.

Da wachte er auf.

„Ich war schweißgebadet“, sagt Cereza und wischt sich mit der Handfläche über die Stirn, als sei er gerade erst aus dem Traum aufgewacht. Dabei sitzt er längst in seinem Arbeitszimmer, das eine Klimaanlage auf 22 Grad kühlt, während draußen eine Sommerhitze tobt, die so groß ist, dass die Gäste des alljährlichen Sommerfestivals immer wieder mit Wasser besprenkelt werden, um nicht umzufallen. Cereza ist ein bisschen nervös, trommelt ständig mit seinen Lederslippern auf dem Laminatboden des Büros herum, zwinkert viel zu oft, lässt andere nur selten zu Wort kommen.

Sind das schon die Vorboten eines Verhängnisses?

Den Schatz, von dem Cereza träumte, gibt es wirklich – und Cereza will ihn haben. Nicht für sich, obwohl er den Gedanken, seiner Tochter eine Wohnung kaufen zu können, sehr reizvoll findet. Er will ihn ausstellen im Heimatmuseum, das erst noch zu bauen wäre und dessen Direktor er werden möchte.

José Antonio Cereza ist 60 Jahre alt, ein kleiner untersetzter Mann mit rot unterlaufenen Augenlidern und grauen Schläfen, und derzeit ist er Direktor des Kulturhauses von Montilla, einem Städtchen, das sich mit seinen 20 000 Einwohnern auf dem platten armen Land der andalusischen Provinz Córdoba befindet.

Und der Schatz, von dem er träumte, den es wirklich gibt, und der ein Streben und Gieren in Cereza entfachte, ist ein Piratenschatz, wie er im Buche steht. Es ist die Ladung der spanischen Fregatte „Nuestra Señora de las Mercedes“, die 1804 von britischen Freibeutern vor der südspanischen Küste angegriffen und versehentlich versenkt wurde. 2007 hat ihn eine US-amerikanische Firma geborgen und mitgenommen, seit Februar ist er zurück in Spanien: 600 000 Gold- und Silbermünzen, alles zusammen 17 Tonnen schwer und mit einem geschätzten Wert von 380 Millionen Euro.

Dass das Verheißung ist, aber auch Verdammnis, steht seit 1883 geschrieben, als Robert Stevensons Roman „Die Schatzinsel“ herauskam. Da heißt es über den Moment, als der Protagonist endlich den Schatz vor sich sieht: „Das war Flints Schatz, den zu erbeuten wir so weit übers Meer gekommen waren. (…) Wie viel Schmach und Lüge und Grausamkeit er verschuldet hatte – das alles hätte wohl kein Lebender aufzählen können.“

Schmach und Lügen – das verschuldet auch der Schatz, von dem José Antonio Cereza geträumt hat. Cereza allerdings ist nicht gewarnt. Er hat von dem Roman nur gehört, gelesen hat er ihn nicht. Sonst wäre ihm sein Traum vielleicht noch unheimlicher geworden.

Doch auch die bisherige Geschichte des Schatzes lässt schon Unheil erahnen. Seit er wieder in Spanien ist, fordert nicht nur Montilla einen Anteil davon. Den fordern derzeit 30 spanische Gemeinden, Cádiz, Cartagena, Córdoba, Ferrol, Madrid, Sevilla ... Ein regelrechter Wettstreit ist ausgebrochen. In jeder Gemeinde sitzt ein aufgeregter Mensch wie Cereza, der nach Argumenten sucht, wieso gerade sein Museum ein Recht auf den Schatz habe.

Im Februar schwappte mit der Ankunft von Gold und Silber zunächst eine Welle Nationalstolz über Spanien. Der Außenminister sagte, dies sei zwar nicht der Anfang des wirtschaftlichen Aufschwungs, aber es sei gut für „unsere Selbstachtung“. Dann erklärte der Kulturminister, der Schatz solle aufgeteilt werden, ganz Spanien etwas davon haben. Wenige Tage später tauchte José Antonio Cereza in den Archiven ab, und mit ihm Dutzende andere Museumsdirektoren, auf der Suche nach Hinweisen auf die Verbindung seiner Gemeinde zum Schatz.

Cereza ist kampfeslustig. Er sitzt aufrecht in seinem Bürostuhl und klackert weiterhin mit der Ledersohle auf dem Laminatboden herum. In der Hand wiegt er ein schwarzes Buch, in goldenen Lettern ist auf dem Einband gestanzt „Bericht über die Verbindung von Montilla mit dem Schatz der Fregatte Nuestra Señora de las Mercedes“. Cereza hat einen Seerechtler beauftragt, die Ansprüche des Städtchens juristisch zu rechtfertigen, und eine pensionierte Geschichtslehrerin, die enge Bindung des Kapitäns Diego Alvear mit Montilla darzustellen. Er sagt: „Wir haben die besten Argumente.“

Auf dem elfenbeinfarbenen Papier zwischen dem schwarzen Einband steht, dass Alvear in Argentinien als Landvermesser für die spanische Krone gearbeitet hatte und mit seiner Frau, seinen neun Kindern und seinem gesamten Vermögen auf die Mercedes gestiegen war, um den Lebensabend in seiner Heimat Montilla zu verbringen. Im Moment des Untergangs war er selbst gar nicht an Bord, sondern auf einer anderen Fregatte der Flottille. Sein Vermögen aber schon.

„Alvear war ein echter Montillaño, er wollte sein Geld in unsere Stadt bringen“, sagt Cereza. „Deshalb unterstützen übrigens auch die Nachfahren von Alvear, dass wir unseren Teil bekommen.“ Er denkt dabei an einen Nachfahre aus Saragossa, der einem Journalisten aus Montilla einmal sagte, er fände es gut, dass das Städtchen einen Teil des Schatzes bekäme, schließlich sei sein Ururgroßvater dort sehr verwurzelt gewesen. Aber der Nachfahre ist nur einer von vielen. Diego Alvear hatte 19 Kinder, heute leben rund 5000 Alvears in Südamerika und Spanien, einer von ihnen als Bodega-Besitzer direkt in Montilla, wo die Familie ein Weingut besitzt.

Und vielleicht findet der sich ja auf dem Sommerfest! Cereza eilt hinaus in den 35 Grad heißen Nachmittag und gleich hinein in eines der Festzelte in der Altstadt, es herrscht Oktoberfeststimmung. Aus dem Zeltdach wird immer wieder Wasser über die Köpfe der Gäste gesprüht. An der Theke bestellt Cereza ein Glas süßen Wein. Er ist gut drauf.

Da kommt ein älterer Herr auf ihn zu. Er trägt dunkelblaues Sakko, hellblaues Hemd, schwarze Krawatte und dunkelbraune Lederschuhe – eine elegante Erscheinung. Es ist Alvaro Alvear, der Bodega-Besitzer. Nach dem Austausch der Höflichkeitsformeln sagt Cereza fröhlich zu ihm: „Ich freue mich wirklich sehr, dass Sie unsere Forderungen nach dem Schatz unterstützen.“ Der elegante Herr nimmt einen Schluck von seinem Wein. „Nur weil das ein Alvear gesagt hat, heißt das nicht, dass alle Alvears so denken“, sagt er dann höflich. Und damit kein Zweifel bleibt, fügt er an: „Ich zum Beispiel denke sehr wohl darüber nach, meinen Teil des Schatzes zu verlangen.“ Noch während Alvear spricht, ergießt sich ein feiner Wasserstrahl über José Antonio Cerezas Kopf. Als der künstliche Regen vorbei ist, kleben Cerezas graue Haare traurig an seiner Stirn.

Der nächste Zwist, den der Schatz auslöst! Nicht mehr nur zwischen den Museen der Region, jetzt auch zwischen Museen und Bürgern. Und davor hat er bereits Unruhe in die spanisch-US-amerikanischen Beziehungen gebracht und noch davor in die britisch-spanischen.

2007 hatte die US-amerikanische Schatzsucherfirma Odyssey einen Haufen Münzen in internationalen Gewässern gefunden, vor der spanischen Atlantikküste in tausend Meter Tiefe. Die Schatzsucher holten das Gold und Silber mit einem riesigen Staubsauger an die Oberfläche, packten es in Gibraltar in eine eigens gecharterte Boeing 757 und brachten es in die USA. Es war die wertvollste Schiffsladung, die jemals aus dem Wasser geborgen wurde.

Eine spanische Regionalzeitung erfuhr von dem Schatzfund und titelte: „Amerikanische Piraten rauben unseren Schatz.“ In ganz Spanien war von da an nur noch vom größten Schatz aller Zeiten die Rede, den die Amerikaner geklaut hatten. El Tesoro, der Schatz, wurde in der Bevölkerung zum Symbol des spanischen Nationalstolzes, zur möglichen Linderung der Staatskrise. Die Regierung, überwältigt vom öffentlichen und medialen Druck, setzte alles daran, den Schatz zu holen. Sie verklagte die Schatzsucherfirma Odyssey und zog vor ein Gericht in Tampa (Florida), wo die Firma ihren Sitz hat. Der damalige spanische Regierungschef José Luis Zapatero sprach mit dem US-Präsidenten über den Schatz. Es sollen eindeutige Worte gefallen sein.

Das Argument der Spanier im Rechtsstreit: Bei dem Schatz handelt es sich um die Fracht des staatlichen spanischen Schiffs. Nach internationalem Seerecht gehören staatliche Schiffe auch nach Jahrhunderten dem jeweiligen Staat. Die Münzen seien also ein nationales Gut und gehörten deshalb in ein spanisches Museum. Das Argument von Odyssey: Der Schatz lag in internationalen Gewässern, kein Staat könnte deshalb Besitzansprüche geltend machen.

Ein Team des Madrider Schifffahrtsmuseums Museo Naval recherchierte in jahrelanger Arbeit die Geschichte des Schiffs. Die Freibeuter, die das Schiff versenkten, hatten von der englischen Krone den Auftrag bekommen, die Ladung der Mercedes aufzubringen. Spanien und England befanden sich damals nicht im Krieg. Die Briten wollten die Gold- und Silbermünzen mit dem Konterfei des damaligen spanischen Königs Carlos IV., um den Krieg gegen die Franzosen zu finanzieren. Wenig später trat Spanien an der Seite Frankreichs in den französisch-britischen Krieg ein.

Im Februar 2012 war der Rechtsstreit zwischen Odyssey und Spanien geklärt: Das Gericht erkannte an, dass es sich bei dem Schatz um die Fracht der Mercedes handelte und Spanien wurde zum rechtmäßigen Besitzer des Schatzes erklärt. Bergungskosten? Mussten nicht zurückerstattet werden. Am nächsten Tag triumphierten die spanischen Zeitungen: „Wir haben unseren Schatz den amerikanischen Piraten entrissen“.

Greg Stemm, der Chef der Schatzsucherfirma Odyssey und laut spanischer Presse der Oberpirat, ist immer noch nicht über den Verlust hinweg. Er ist sicher, dass seine Firma den Schatz nur verloren hat, weil die Richter in Tampa von der Politik unter Druck gesetzt wurden. Den Schatz gönnt den Spaniern bei Odyssey niemand. Stemms Stellvertreterin belegt die Spanier in einer E-Mail mit einer Art Fluch: „Sie werden ohne Zweifel viele Probleme mit dem Schatz haben. Die Lagerung und Aufbereitung der Münzen ist teuer. Am Ende werden sie einen Teil des Schatzes verkaufen müssen.“

Xavier Nieto schüttelt angesichts des Streits, den der Schatz auslöst, nur den Kopf. „Die Ladung Münzen aus der Mercedes ist doch kaum was wert, weder ökonomisch noch archäologisch“, sagt er. Die Amerikaner hätten mit der Absaugaktion so gut wie alles historisch Interessante zerstört. Es sei, als wären sie mit einem Bulldozer in die Reste einer römischen Stadt gefahren.

Nieto, hellgrauer Vollbart, graues Haar, beiger Sommeranzug, ist der Direktor des Spanischen Museums für Unterwasserarchäologie in Cartagena, einer traditionsreichen Hafenstadt im Südosten Spaniens. Das Museum hat erst im Juni ein neues 2000 Quadratmeter großes Labor bekommen und die Erlaubnis, bei Bedarf mehr Personal einzustellen – und das in Krisenzeiten.

Nieto wird bald zumindest vorübergehend Herr über den Schatz sein. Wenn alle Münzen in den Lagerhallen des Madrider Kulturministeriums gezählt sind, kommen sie nach Cartagena. Nieto und seine Mannschaft sollen die Münzen restaurieren und aufbewahren, bis endgültig geklärt ist, welches Museum den Schatz haben darf. Sein Museum ist derzeit der Favorit im Wettstreit um den Schatzbesitz. Und schon erklärt er, dass er kein Anhänger der Idee sei, den Schatz aufzuteilen. Die Münzen seien nur wertvoll, wenn sie zusammenbleiben. „Allerhöchstens kann man Teile des Schatzes an einzelne Museen verleihen“, sagt er. Überhaupt nervt ihn das Gerede vom Schatz. „Wir Archäologen sprechen von Ladung“, stellt er klar.

Nieto macht sich auf den Weg ins neue, riesige Labor. Auf einem Tisch liegen ein Stück Sackleinen und zwei grün angelaufene Silbermünzen. Teile aus dem Wrack der Mercedes, die schon in Cartagena angekommen sind. „Wieso sind die Münzen noch immer nicht sauber?“, raunzt Xaver Nieto einen kleinen Mann in weißem Kittel an. „Das muss schneller gehen. Das Ministerium will Ergebnisse.“ Knapp zwei Wochen arbeitet der Mann im weißen Kittel, der Restaurator, an dem Stück Sackleinen und den Silbermünzen. Er muss dafür Chemikalien benutzen, die weder den Stoff noch das Silber beschädigen. Keine einfache Aufgabe. Das Leinen ist brüchig, die Prägung auf den Münzen kaum mehr vorhanden.

Der Restaurator runzelt die Stirn, sagt: „Aber ich brauche Zeit, um die richtigen Chemikalien ...“

„Sieh einfach zu, dass du fertig wirst“, unterbricht ihn Xavier Nieto schnippisch. Als sei auch er, der doch lieber von „Ladung“ spricht, bereits vom bösen Bann des Schatzes getroffen.

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