Zeitung Heute : Zur Sache, Zwerge

Melissa P., 18, sizilianische Bestsellerautorin und selbst ernannte Nymphomanin, mag Märchen nicht – weil Märchenfiguren es nie tun. Eine Begegnung

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Das Mädchen, das von sich behauptet, im Alter von 16 Jahren nicht nur mit seinem Mathematiklehrer, einem Studentenvertreter, einer Frau, einem Transvestiten sowie mit mehreren Männern gleichzeitig Sex gehabt zu haben, sondern eigentlich mit jedem, der ihm über den Weg lief, dieses Mädchen also darf nicht ohne Begleitung nach Berlin reisen. Das Mädchen stammt aus Sizilien, es hat einen Roman verfasst, der in Italien ein Skandal war. Nun sitzt es in einem Zimmer des Hotels Berlin und gibt Interviews, während draußen vor der Tür der Sohn ihres italienischen Verlegers auf und ab geht und aufpasst. Manchmal macht das Mädchen die Tür auf und maunzt, dass es aufs Klo muss. Auf einem Tisch stehen Cola und Gummibärchen.

„Mit geschlossenen Augen“ heißt das Buch von Melissa Panarello. Es hat die Form eines Tagebuchs und folgt der Dramaturgie eines Pornofilms. Junge Frau trifft auf Mann, der Daniele oder Fabrizio, Valerio oder Ernesto heißt, und dann geht es zur Sache. Am Pool, im Auto, auf einem Felsen. Mal sind es mehrere Männer, die ihr zugucken, mal sind es homosexuelle Männer, denen sie zuguckt. Dazwischen ist die Rede vom „Mast der Liebe“, der „steil“ aufragt, oder vom „Vulkan“, der „ausbricht“. Das Resultat ist in jedem Fall das gleiche: Sehr viel Sex für die damals 16Jährige. Sehr viel Sex auch für eine Gegend wie Sizilien, wo das Ganze spielt. Der Name der Autorin wurde daher abgekürzt, Melissa P. steht auf dem Cover, wie bei einer Straftäterin. Ein Gericht würde wohl entscheiden, die Öffentlichkeit auszuschließen, weil die Betroffene gerade erst 18 ist, im Fall von Melissa P. war die Öffentlichkeit hoch erwünscht. Fast eine Million Mal hat sich das Buch in Italien verkauft, es wurde in 24 Sprachen übersetzt und soll verfilmt werden.

Geschrieben hat es Melissa Panarello in der Garage ihres Elternhauses, nach der Schule. Per E-Mail schickte sie das Manuskript an 30 Verlage, zwei haben ihr geantwortet. Wobei der eine auf erotische Literatur spezialisiert war, aber den wollte Melissa Panarello nicht.

Die selbst ernannte Nymphomanin ist ein lustiges, pummeliges Ding mit einem pausbäckigen Gesicht. Sie trägt einen bunten Wickelrock und ein violettes Halstuch, oft prustet sie los wie eine Schülerin, die vor der Klasse ein Gedicht aufsagen muss. Immer wieder raucht sie eine starke Camel, aber so wie man auf dem Schulhof Zigaretten raucht, um von den Älteren ernst genommen zu werden. Sie sprich von sich als „ragazzina“, aufgewachsen ist sie in Catania, in einer großen Familie, ihr Vater hat acht Geschwister, ihre Mutter sechs. Die Eltern betrieben einen Kleiderhandel, vor einem Jahr haben sie sich scheiden lassen, eine jüngere Schwester gibt es auch. Angefangen zu schreiben habe sie mit vier, sagt Melissa Panarello, mit neun habe sie ihren ersten Roman vollendet.

In dem Roman ging es darum, dass sich eine Psychologin in einen drogenabhängigen Patienten verliebt und ein Kind von ihm bekommt. Sex sei ein Thema, das sie seit ihrem zehnten Lebensjahr beschäftige. So habe sie bei den Märchen schon immer darauf gewartet, dass endlich der Prinz und die Prinzessin zur Sache kommen. Das Davor und die Zwerge seien ihr auf die Nerven gegangen, sagt Melissa Panarello und schaltet diesen Ich-habedoch-schon-alles-gesehen-Blick ein, wie das Teenager gerne tun. Was das erotische Tagebuch betrifft, so sei das Meiste davon autobiografisch. Es habe sogar noch mehr Männer gegeben, als in dem Buch erwähnt werden, sagt Melissa Panarello. Es klingt trotzig, so wie Kinder klingen, wenn man sie fragt, ob sie ganz sicher seien, dass sie letzte Nacht Gespenster unter dem Bett gesehen haben.

Und so sind es auch nicht die Humbert Humberts von Berlin, die Donnerstagabend zur Lesung jenes Mädchens kamen, das sich in seinem Buch „Loly" nennt. Vor den Kolonnaden der Alten Nationalgalerie fanden sich vor allem Frauen ein, viele sahen aus, als hätten sie selbst eine Tochter in Melissas Alter und wüssten gerne, was das Kind nach der Schule so treibt. Melissa Panarello sitzt vorne auf dem Podium und prustet viel. Einmal fährt unten auf dem Wasser ein Schiff vorbei, Melissa Panarello macht „Huhu!“ und winkt den Leuten auf dem Schiff zu. Sie sagt, dass sie eine ganz normale Jugendliche sei und Sizilien auch nicht so schlimm, wie man sich das vielleicht vorstellt. Das Manuskript hatte sie oft in die Schule dabei, sie hat sich in den Pausen mit ihren Freundinnen zusammengesetzt und ihnen vorgelesen.

Melissa Panarello lebt inzwischen mit ihrem Freund in Rom und schreibt an einem zweiten Buch, in dem es darum geht, was sie mit ihrem ersten Buch erlebt hat. Angesprochen auf ihren Erfolg, sagt sie, dass ihr das viele Geld gar nicht wichtig sei, Geld mache doch ohnehin nicht glücklich. Stinksauer seien ihren Eltern gewesen, als sie erfuhren, was ihre Tochter da macht, sagt Melissa Panarello, „ein Schock, ein Drama“. Sie prustet wieder los, dann sagt sie, das sie jetzt rausmüsse und hüpft an dem Mann vor der Tür vorbei zur Toilette. Bald wird sie mit dem Sohn des Verlegers weiterziehen, auf Lesereise, nach Amerika und Japan.

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