ZUR STUDIE : Die Berliner Innovationsförderung „Geld schießt keine Tore“

Die Beratungsfirma PWC hat Berlins Innovationsförderung untersucht „Je nach Projekt müssen unterschiedliche Dinge forciert werden“

Die Informations- und Kommunikationsbranche ist in Berlin stark vertreten – auch unter den geförderten Unternehmen, wie eine Untersuchung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft „Price Waterhouse Coopers“ (PWC) ergab. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die Informations- und Kommunikationsbranche ist in Berlin stark vertreten – auch unter den geförderten Unternehmen, wie eine...

INSTRUMENTE

Das Beratungsunternehmen „Price Waterhouse Coopers“ hat fünf Förderinstrumente des Landes Berlin untersucht. Über diese wird zum Beispiel Geld für

industrielle Forschung zur Verfügung gestellt, Gründern beigebracht, wie man verhandelt, oder der projektbezogene Einsatz von jungen Akademikern in

Unternehmen finanziert.

VORGEHEN

Unter Leitung von

Thorsten Stegh wurden unter anderem Berliner Unternehmen und Experten interviewt und die Innovationslandschaft von Berlin mit den Förderinstrumenten in Brandenburg und Sachsen verglichen. Auf Basis der Ergebnisse formulierte PWC Handlungsempfehlungen für die Senatsverwaltung für Wirtschaft.

MEHR DAZU

Einige der Empfehlungen hat die Senatsverwaltung bereits umgesetzt, etwa die klarere Unterscheidung von zwei Programmen, die von Unternehmen häufig für gleiche Belange angefragt wurden. Die Studie ist unter www.berlin.de abrufbar, dafür im Suchfeld „Evaluierung der Berliner Innovations- und Technologieförderung“ eingeben. cof

Herr Höhn, Sie haben im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft Instrumente zur Förderung von Innovation untersucht. Welches ist das effektivste?

Das kann man so gar nicht sagen. Das liegt auch daran, dass man innovative Projekte nicht in eine Schublade stecken kann, je nach Projekt müssen unterschiedliche Dinge forciert werden. Um darauf reagieren zu können, braucht man eine Förderstruktur. Das ist in Berlin der Fall.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf in der Innovationsförderung?

Durch den demographischen Wandel wird sich der regionale Wettbewerb um die besten Unternehmen mehr zum regionalen Wettbewerb um die besten Köpfe verschieben. Berlin ist als Ausbildungsstandort attraktiv. Wichtig ist jedoch, dass nicht mehr Absolventen die Region verlassen als aus anderen Regionen kommen. Dazu müssen Betriebe, Wirtschaftsförderung und Wissenschaft gemeinsam Standortfaktoren wie Lebensqualität oder Bildung optimieren.

Muss in der Förderlandschaft mehr Geld in die Hand genommen werden?

Geld ist natürlich wichtig, aber im Profifussball sagt man: Geld schießt keine Tore. Es geht immer darum, zu schauen, was ein Unternehmen in der Gründungsphase braucht: Das kann Beratung für den Markteintritt sein, kann auch Geld sein. Vom Trend her geht Förderung mehr in den Bereich der rückzahlbaren Mittel. Daneben werden wir Zuschüsse aber weiterhin brauchen.

Wie kann man für Projekte in der Startphase private Investoren gewinnen?

Dort, wo wir eine ausgeprägte Industriestruktur haben, ist private Finanzierung einfacher, weil die Bereitschaft der Wirtschaft höher ist, sich zu engagieren. Das hat aber immer etwas mit Volumen zu tun. Investitionen von 150 000 Euro sind mit privaten Geldgebern ganz schwer erreichbar, weil die Projekte zu klein sind. Familienunternehmer, die bereit wären, solche Summen zu investieren, sind in Berlin von der Zahl her einfach begrenzt, weil Berlin wenig Industrie hat.

Wie kann man die Wissenschaft Berlins stärker in die Förderung einbinden?

Man muss noch intensiver darüber nachdenken, wie man den Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft weiter optimiert. Bisher bestehen in Deutschland für einen Wissenschaftler kaum Anreize, sich für eine Zeit in der Wirtschaft zu engagieren.

Wie könnte ein solcher Anreiz aussehen?

Man muss grundsätzlich den Versuch, eine Innovation zu kommerzialisieren, positiv hervorheben, ganz egal, wie dieser Versuch ausgeht. Das verbessert das Ansehen solcher Projekte in der Wissenschaftswelt. Und wissenschaftliche Betriebe müssen stärker bei kleinen und mittleren Unternehmen Projekte akquirieren, an denen beide Seiten zusammenarbeiten können. Da gibt es in der Region erste Projekte. Diese Vertriebseinheit sollte so gestaltet werden, dass sie in der wissenschaftlichen Seite anerkannt ist, also sollte ein Professor sie leiten. Und man muss dafür Geld in die Hand nehmen. Ich würde allgemein davon abraten,Innovation durchorganisieren zu wollen. Innovation hat etwas kreatives, zufälliges. Das können wir nicht alles in Schablonen packen. Im Gegenteil, wir müssen da Freiräume geben.

Welche Rolle spielt der Innovationspreis?

Der Innovationspreis hat die Funktion, etwas öffentlich zu machen. Damit alle Beteiligten merken, hoppla, da gibt es Leute, denen ist etwas Tolles eingefallen, die sind erfolgreich gewesen, das ist nicht nur blanke Theorie, sondern es gibt Beispiele. Das ist auch der Grund, warum wir uns da engagieren. Den Beteiligten, bietet der Preis eine Plattform für ihre Projekte.

Die meisten geförderten Projekte stammen aus dem Bereich Informations- und Kommunikationsbranche. Ist das gewollt?

Sie müssen sehen, wo Berlin seine Schwerpunkte hat. Das finden sie auch in den geförderten Projekten wieder. Für die Förderung in Berlin und Brandenburg ist aber das Projekt ausschlaggebend.

Das Interview führte Constance Frey.

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