Zeitung Heute : Zur Verantwortung erzogen

Ein Konzern als Wohltäter: BMW kämpft in Südafrika gegen Aids, stabilisiert damit ein Land – und die eigenen Geschäfte

Axel Vornbäumen[Pretoria]

„Die Sprache ist der Spiegel der Seele“, sagt Ernst Baumann. Das ist nicht von ihm, aber ein Freund verwendet die Redewendung gelegentlich, und er, Baumann, hat sich den Satz gemerkt. Vielleicht fallen deshalb die Worte des BMW-Vorstandes an diesem südafrikanischen Spätsommertag in Soshanguve ein wenig blumiger aus, als man es von einem gelernten Ingenieur gemeinhin erwartet. Die Seele vorzeigen – deshalb ist er, Baumann, weißes Hemd, dezente Krawatte, doch gekommen, hierher in die ärmliche Gegend in Pretorias Norden. Eben erst hat er Nelson Mandela zitiert: „Die wirkungsvollste Waffe, um die Welt zu verändern, ist Erziehung.“ Da haben sie genickt im Zelt, wo sie sich in Festtagskleidung zur Einweihung eines multifunktionalen Zentrums zu Hunderten zusammengefunden haben. Und dann hat Baumann von Nachhaltigkeit gesprochen, von sozialer Verantwortung und, natürlich, vom Kampf gegen HIV, dem sich BMW in Südafrika mit großem Engagement verschrieben hat. Und davon, dass man ihn nicht aufgeben werde, den Kampf, schon aus sozialer Verantwortung heraus. Ganz am Ende gab es warmen Applaus. Und wenn, sagen wir, zufällig Franz Müntefering im Auditorium gewesen wäre – ja, dann hätte auch der geklatscht. Und nicht nur aus Höflichkeit.

Man hat eigens eine Kuh geschlachtet. Es ist ein Festtag in Soshanguve, ein Freudentag. Von heute auf morgen verbesserte sich der Gesundheitsservice der Gemeinde von „miserabel“ auf „menschenwürdig“. Seitdem die neuen Behandlungsräume im vergangenen Dezember inoffiziell in Betrieb genommen wurden, schnellte die Zahl der Patienten von monatlich 1800 auf 5000 hoch. Das Angebot schafft Nachfrage. Frühmorgens schon windet sich die Schlange der Wartenden einmal ums Gebäude. Wie hatte Baumann das neue Zentrum genannt? „Symbol of life“.

Nun sitzt der BMW-Vorstand drinnen, in einem der schmucklosen Räume des Backsteinbaus, und blättert den Katalog von „Wiesel-Worten“ auf, die ihn, den Industriemanager, an der gerade laufenden Kapitalismus-Debatte so stören. „Sozial“ ist so ein „Wiesel-Wort“, sagt Baumann, oder „Gerechtigkeit“. „Wiesel-Worte“ kommen und gehen, tauchen auf und verschwinden, jeder versteht etwas anderes darunter. Aber keiner will den anderen verstehen. „Wiesel-Worte“, sagt Baumann, „machen uns die Arbeit nicht gerade leichter.“ Er meint damit das, was Müntefering gesagt hat. Baumann, so viel ist klar, mag nicht, was Müntefering gesagt hat. Seine Sprache ist jetzt auch nicht mehr so blumig wie vorhin. Er sagt: „Wenn wir hier ein Fake machen wollten, dann hätten wir es einfacher.“

Aber BMW hat es sich nicht einfach gemacht in Südafrika. Zeit und Kraft und auch ein wenig Geld ist in das Areal mit dem lang gestreckten Backsteingebäude geflossen, das nun den etwas sperrigen Titel „Soshanguve Multi-Purpose Health & Wellness Centre“ trägt, weil es eben nicht nur Behandlungsräume und Computerplätze unter einem Dach vereint, sondern weil auch Gemüse angebaut und Brot gebacken wird. Eine Art Mehrzweck-Oase ist es geworden, in dieser strukturschwachen, von Wellblechhütten dominierten Gegend, in der immerhin 500 der 3000 Angestellten des nahe gelegenen BMW-Werks Rosslyn leben. Eine Oase des sozialen Miteinanders, eine, wenn man so will, der Zukunft zugetane Einrichtung. Soshanguve – das ist mehr als Kapitalismus mit einem bisschen menschlichen Antlitz. „Unser gesellschaftlicher Focus“, sagt Ernst Baumann, und man nimmt es ihm ab, „ist nicht nur ein ,ad-on’“, nicht nur ein lästiges Anhängsel.

Schon merkwürdig. Viele tausend Kilometer entfernt von seiner Zentrale verhält sich ein deutscher Automobilkonzern so, dass es in der Heimat noch dem eingefleischtesten Sozialdemokraten Tränen der Rührung in die Augen treiben würde. In der Heimat droht die Debatte gerade heiß zu laufen zwischen sozialdemokratischerseits kaum kaschierten Boykottdrohungen gegenüber dem sich vermeintlich asozial verhaltenden Teil des Unternehmertums und zurück geschleuderten Merksätzen aus der Sturm-und-Drangzeit des Kapitalismus, wonach sich das Kapital nötigenfalls immer noch den Weg des geringsten Widerstands gesucht habe. In der Umbruchgesellschaft Südafrikas aber, so viel hat BMW in den über 30 Jahren seines unternehmerischen Engagements mittlerweile gelernt, reicht es längst nicht aus, nur auf Produktzufriedenheit zu setzen. „Wir sind zwar keine Entwicklungsagentur“, sagt Baumann, „aber wir wissen: Die soziale Kompetenz ist eine Stärke, die wir hier haben.“ Andere aus der Automobilbranche am Kap formulieren es drastischer, wenn auch hinter vorgehaltener Hand: „Eine sterbende Belegschaft“, sagt einer, „nutzt uns ebenso wenig wie ein sterbender Markt.“

Es wird nicht viel gestorben in Rosslyn. Und wer über diesen Satz erstaunt ist, der kennt die Verhältnisse in Südafrika entweder gar nicht oder ziemlich gut. Ein ganzes Land ist gerade dabei, sein Gleichgewicht zu verlieren: 5,3 Millionen Südafrikaner sind HIV-positiv, etwa 500000 sind derzeit an Aids erkrankt. Manche Branchen, etwa der Bergbau, müssen damit rechnen, dass in den nächsten Jahren ein Drittel ihrer Belegschaft an Aids stirbt. Andere Berufsgruppen, wie beispielsweise die Fernfahrer, haben nach jüngsten Untersuchungen desaströse HIV-Raten von 97 Prozent. In der Provinz Gauteng, der Gegend um Pretoria, in der sich BMW angesiedelt hat, ist die Zahl der registrierten Aids-Waisen mittlerweile auf 76000 gestiegen. Natalie Mayet, die Mitte der 90er Jahre als Ärztin in Johannesburg arbeitete, kann sich noch erinnern, wie sie an den Wochenenden die Genehmigungen ausstellte, Gräber für die Aids-Toten ausheben zu lassen. „Damals“, sagt sie, „waren es im Schnitt 60 bis 70 Gräber pro Wochenende, heute sind es 300.“

Dass jemand Aids hat und daran sterben kann, davon hat die Medizinerin erstmals Notiz genommen, als 1985 in Hollywood Rock Hudson starb. Hollywood, die Gay-Community, Aids – das alles war Welten entfernt. Heute ist der Kampf gegen die Immunschwächekrankheit zu ihrem Lebensinhalt geworden. Seit vier Jahren nun leitet die Ärztin das HIV/Aids-Programm bei BMW-Südafrika. Mühsam erst, doch dann immer erfolgreicher, gelang es ihr und ihrem Team, unter der Belegschaft in Rosslyn eine „Kultur des Vertrauens“ zu schaffen. Nicht ein einziger positiv getesteter Mitarbeiter wurde entlassen. Sämtliche Testergebnisse wurden vertraulich behandelt. Mittlerweile wissen 87 Prozent der Angestellten um ihren „HIV-Status“. Die Infektionsrate liegt bei sechs Prozent. Natalie Mayet, die gerne hätte, dass sich in Rosslyn alle Beschäftigten dem Test unterzögen, ist ziemlich sicher, dass sich die Quote nur unwesentlich verändern würde. Wichtig war der Ärztin, unter der Belegschaft ein Klima der Ausgrenzung zu vermeiden. Mit endlosen Aufklärungsrunden hat sie das geschafft. „HIV-positiv“, sagt Mayet, „bedeutet eben nicht, dass du dir noch heute einen Sarg kaufen solltest, um dann ab morgen auf den Tod zu warten.“

Mit einem gewissen Stolz präsentiert der Automobilkonzern seine charismatische Ärztin, die es geschafft hat, den Umgang mit HIV zu etwas zu machen, was in der Wirtschaft gerne als „benchmark“ bezeichnet wird – ein Markenzeichen, ein Gütesiegel der Unternehmensfürsorge. BMW stand da – und konnte wohl nicht anders. Als Mitte der 90er Jahre in Südafrika die HIV-Rate exponentiell nach oben schoss, da war der nach jahrzehntelangem Kampf gegen die Apartheid an die Macht gekommene ANC mit anderen politischen Aufgaben beschäftigt. Es war die Zeit, als Politiker das Volk noch glauben machen wollten, gegen das Virus gewappnet zu sein, wenn man nur ausreichend Süßkartoffeln und Knoblauch esse. Noch heute gilt das Engagement der Regierung, gelinde gesagt, als zögerlich. Mbulelwa Terrence Goniwe, der in jeder Hinsicht schwergewichtige ANC-Meinungsführer im Parlament, macht keinen Hehl daraus, wie wichtig er eine vernünftige HIV-Prävention für das Land findet: schon wichtig, aber so wichtig nun auch wieder nicht. „Wir wollen nicht, dass die Aids-Kosten unser gesamtes Gesundheitssystem sprengen.“ Im Übrigen, so Goniwe, töte das HI-Virus die Menschen nicht, ganz im Gegensatz beispielsweise zu Tuberkulose.

„Wir sind“, sagt jemand, der offiziell die ANC-Haltung nicht kommentieren will, „in ein Vakuum vorgestoßen. Wir konnten gar nicht anders.“

Auch Wolfgang Stadler, seit kurzem erst Präsident der BMW Group Südafrika, hat seine Lektion schon gelernt: „Um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, muss man in einem Land wie Südafrika auch ein erfolgreiches HIV-Programm auflegen.“ Stadler jedenfalls ist angetan über die „corporate identity“ seiner „extrem motivierten“ Arbeitnehmerschaft, die einerseits zum Teil in Wellblechhütten lebt, andererseits aber Autos herstellt, die derart makellos sind, dass BMW sie sogar auf dem in dieser Hinsicht äußerst peniblen japanischen Markt verkaufen kann. Der Konzern seinerseits, so scheint es, dankt es seinen Angestellten, in dem er nicht ständig damit droht, das Werk wegen mangelnder Rentabilität zu schließen. Im Gegenteil. „Wenn Sie so ein Land wie Südafrika verlassen“, sagt Stadler, „dann können Sie Afrika vergessen.“

Ein Konzern bleibt, aus Verantwortung für die Menschen eines Landes, in dem er Geschäfte macht. Franz Müntefering würde wieder klatschen.

Ein Konzern bleibt, aus Sorge um die Stabilität eines Landes, in dem er Geschäfte macht. Ob Müntefering klatschen würde?

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