Zeitung Heute : Zur Vernunft

Harald Maass[Peking]

Nordkorea droht wieder mit Raketentests. Jetzt will Pjöngjang eine Entschuldigung der USA . Wer könnte Kim Jong Il Einhalt gebieten?

Zwei Länder haben Einfluss auf das Regime in Pjöngjang: China und die USA. Obwohl sich Nordkorea seit Jahrzehnten von der Außenwelt abschottet, und dies mit der „Juche“-Doktrin sogar zur Staatsideologie erklärt hat, ist das Land heute wirtschaftlich und politisch von China abhängig. Peking schickt dem bankrotten Regime nicht nur weiter Erdöl und Lebensmittel. Auch nahezu alle Gebrauchsgüter, mit denen die 22 Millionen Nordkoreaner versorgt werden, kommen auf Lkw aus China. Wenn Peking wirklich will, kann es Pjöngjang mit ökonomischen Sanktionen an den Verhandlungstisch zwingen.

Bisher hält sich Peking mit Druck auf Pjöngjang jedoch zurück. Dafür mag es mehrere Gründe geben: Wegen der langwährenden Militärbeziehungen (chinesische Soldaten kämpften im Koreakrieg an der Seite des Nordens), verfügt Peking bis heute über die vermutlich besten Geheimdienstinformationen aus Nordkorea. Möglicherweise hält Peking die Atomdrohungen des „Geliebten Führers“ Kim Jong Il noch nicht für realistisch. In jedem Fall ist Chinas Regierung der Überzeugung, dass Pjöngjang noch mit Verhandlungen zur Vernunft gebracht werden soll. Das Forum dazu sollen wieder die Sechs-Nationen-Gespräche sein. Doch auch wenn Peking die bisherigen drei Gesprächsrunden mit Nordkorea als Gastgeber ausgerichtet hat, sieht es sich in dem Atompoker mit Pjöngjang nur als Vermittler.

Kims eigentlicher Verhandlungspartner sind die USA. Trotz aller Rhetorik gegen „US-Imperialisten“ und amerikanische Weltherrschaft will Nordkorea eigentlich das Verhältnis zu Washington verbessern. Nur durch eine langfristige Normalisierung der Beziehungen zu der Großmacht, so die Überlegungen in Pjöngjang, lässt sich das Überleben des Regimes sicherstellen. Mit der vorigen US-Regierung unter Bill Clinton stand Kim Jong Il kurz vor einer historischen Annäherung, die damalige Außenministerin Madeleine Albright besuchte Kim sogar in Pjöngjang. Mit George W. Bush kam eine härtere Hand ins Weiße Haus, die gegen die „Achse des Bösen“ wetterte. Seitdem versucht Pjöngjang Washington zu einem Entgegenkommen zu zwingen.

Das Nuklearprogramm ist nur Drohgebärde. Militärisch ist Nordkorea auf Atombomben nicht angewiesen. Pjöngjangs tausende konventionelle Raketen reichen mehr als aus, um Südkoreas Großstädte innerhalb von Minuten in Schutt und Asche zu legen. Diese konventionelle Waffe schützte Nordkorea bisher auch vor Präventivschlägen der USA. Pjöngjang ist also durchaus zu Verhandlungen bereit. Möglich wäre eine inoffizielle Nichtangriffserklärung der USA und Wirtschaftshilfen im Austausch für Nordkoreas Verzicht auf Nuklearprogramme. Wirklich ernst wird die Lage erst, wenn Pjöngjang eine Atombombe testet.

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