Zeitung Heute : Zur Wallfahrt in Memphis

Von Martin Kilian

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Falls Sie es vergessen haben: Amerika hat der Welt nicht nur Schaufensterpuppen wie die Monkees oder Britney Spears geschenkt. Konfrontiert mit wahrer amerikanischer Authentizität erbebt man deshalb geradezu. So etwa im MississippiDelta, jenem flachen Land im Südstaat Mississippi zwischen dem gewaltigen Strom gleichen Namens und dem Yazoo-Fluss, wo der Blues geboren wurde. Oder in Memphis im Staat Tennessee, der Wiege des Rock’n’Roll, wo ich mich derzeit herumtreibe.

Die Hauptstadt Washington mit dem aufgesetzten Geschwafel und wächsernen Grinsen ihrer Spitzenpolitiker ist eine Galaxie entfernt, sobald man im Delta authentischen, aber leider toten Amerikanern wie den Bluesgrößen Muddy Waters und Robert Johnson nachspürt, deren Geister noch immer durch die Kleinstadt Clarkesdale im Herzen des Deltas wehen. Clarkesdale ist leider völlig auf den Hund gekommen. Überwiegend arm ist seine afroamerikanische Bevölkerung, nie hat die Stadt den Massenexodus schwarzer Landarbeiter vor einem halben Jahrhundert nach Chicago und anderswo im Norden überwunden.

Inmitten des Verfalls aber hat nun der schwarze Hollywood-Star Morgan Freeman in Clarkesdale eine Blues-Bar namens „Ground Zero“ eröffnet, wo gekonnt unauthentisch das Authentische gefeiert wird: Ein überzeugendes Ambiente aus der Retorte bietet die Bar und zugleich einen milden Vorgeschmack auf Memphis, wo das Authentische massiv Unauthentisches gezeugt hat. Wie andere amerikanische Städte musste sich Memphis nach dem wirtschaftlichen Abstieg neu erfinden – als Unterhaltungszentrum mit Sportstadien, welche die Namen bekannter Konzerne tragen, und als historisches Mekka von Rock’n’Roll und Blues.

An der „Beale Street“, einst das Zentrum afroamerikanischen Entertainments, ziehen Blues-Bar-Touristen aus allen Ecken und Enden der Welt an, wenngleich der Rummel den Geist des Fürsten Potemkin verströmt, da sich hinter mancher Fassade kein Gebäude entdecken lässt. Dafür dröhnt live der Blues aus vielen Kneipen, auch locken trotz der Gefahr eines authentischen Sodbrennens wunderbare Barbecue-Gerichte. Und nur ein bisschen die Augen zukneifen muss, wer sich die „Beale Street“ vorstellen möchte, als der junge B.B.King oder Howlin’ Wolf und Robert Johnson dort auftraten.

Solche Träumereien aber verflüchtigen sich, sobald Graceland, diese Basilika des heiligen Elvis, ins Blickfeld gerät. Längst ist Elvis’ eher bescheidenes Haus am Highway 51 in Memphis zu einem Schrein, ja, zu einer Art Lourdes des Rock’n’Roll geworden. Eine Wallfahrtsstätte also und vor allem: Eine absolut authentische Geldmaschine, deren präzise Feinmechanik so unermüdlich wie erfindungsreich den Pilgern den Zaster aus der Tasche zieht. Natürlich warte ich, der Graceland schon zum x-ten Mal besucht, noch immer darauf, dass nicht nur der heilige Elvis besungen wird, sondern auch jener, dessen reichhaltige Hausapotheke voll schriller Pillen zum Auf- und Abhellen, Einschlafen und Aufwachen zum vorzeitigen Tode führte. Derlei respektlose Krittelei aber sollte man sich auf diesem wagnerianischen Gralshügel des Rock’n’Roll ebenso verkneifen wie Betrachtungen über das erstaunliche Durchschnittsalter des Publikums. Als statteten sie dem Grabe eines jung verstorbenen Verwandten einen Besuch ab, schieben sich die geriatrischen Hinterbliebenen des Kings an seinem Grabstein im Garten von Graceland vorbei. Gewiss liebten und lieben sie ihn, weil er authentisch war, ein armer Junge aus dem Süden, bescheiden, lieb und sicherlich ein prima Schwiegersohn.

Und vor allem war Elvis keine Plastikerscheinung wie Britney oder Justin Timberlake. Sondern echt! Eine authentische Kreation, ein perfektes Image, eine wundervoll gestylte Ikone! Authentisch? Selbst das Künstliche ist inzwischen authentisch. Schließlich leben wir im voll entwickelten Turbo-Kapitalismus.

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