ZUR PERSON : „Feindesliebe ist eine Zumutung, das ist mir auch bewusst“

Kriegsversehrte müssen sich sagen lassen: ,Selber schuld’. Das ist nicht hinnehmbar“ Der evangelische Militärbischof Martin Dutzmann über Schuld und Rache, den gerechten Frieden und warum christliche Soldaten für die Taliban beten sollten.

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Herr Dutzmann, das fünfte Gebot lautet „Du sollst nicht töten“. Sie sind Militärbischof. Ein Widerspruch in sich?

Das fünfte Gebot gilt uneingeschränkt. Menschliches Leben steht unter dem besonderen Schutz Gottes. Aber: Es kann Situationen geben, in denen Gewalt und Menschenrechtsverletzungen nur gewaltsam verhindert oder beendet werden können – im äußersten Fall auch mit dem Risiko zu töten.

Liebt Gott auch den, der tötet?

Wer tötet, macht sich immer schuldig vor Gott. Aber wer zuschaut, wie andere getötet werden, macht sich auch schuldig. Das ist die große Not für Soldaten, die Christen sind. Aber wir glauben an einen Gott, der den Menschen liebt, egal, wie schuldig der ist.

Wie helfen Sie Soldaten, die sich schuldig fühlen?

Es ist wichtig, dass jemand da ist, der zuhört und diese schrecklichen Schuldgefühle mit aushält. Und dann haben wir ja die Beichte, wo wir nach einem Schuldbekenntnis im Namen Gottes Schuld vergeben können.

Können Sie das als Militärbischof – Schuld vergeben im Namen Gottes?

Dazu hat Jesus jeden Christen bevollmächtigt.

Waren Sie in den Einsatzgebieten der Bundeswehrsoldaten?

Ich war einmal im Kosovo und zweimal in Afghanistan. Dieses Jahr will ich die Marineverbände am Horn von Afrika besuchen. Ich habe schon intensiv mitbekommen, was es für die Soldaten heißt, in Ausübung ihres Dienstes selbst bedroht zu werden und andere Menschen verletzen oder sogar töten zu müssen.

Haben Sie eine militärische Ausbildung bekommen, bevor Sie Militärbischof wurden?

Ich habe von 1974 bis 1976 Wehrdienst geleistet, aber das ist für meine heutige Aufgabe ohne Bedeutung. Anders als in den meisten Armeen dieser Welt, sind unsere Militärgeistlichen keine Soldaten, sondern Zivilisten und daher unbewaffnet.

War es für Sie als Christ besonders heikel, schießen zu lernen?

Das war damals eine ganz andere Situation. Die Bundeswehr hatte eine sehr klare Aufgabe: die Verteidigung des Landes. Wir lernten Kämpfen und Töten in der recht sicheren Hoffnung, es niemals zu müssen. Damit konnte ich gut leben.

Die weltpolitischen Umstände haben sich, die deutsche Armee hat sich geändert …

Die Bundeswehr ist von einer Verteidigungs- zu einer Einsatzarmee geworden. Deutsche Soldaten müssen heute, im Auftrag unseres Landes, gegebenenfalls andere Menschen verletzen oder sogar töten. Die Entscheidung, ob man Soldat wird oder nicht, bleibt daher eine Frage an das eigene Gewissen.

Würden Sie sich heute wieder für den Wehrdienst entscheiden?

Für mich persönlich stellt sich diese Frage heute nicht mehr. Aber meine Frau und ich haben drei Söhne. Alle drei haben Zivildienst geleistet oder ein freiwilliges soziales Jahr gemacht. Wenn einer gesagt hätte, ich will zur Bundeswehr, hätte ich das akzeptiert. Aber als Vater bin ich erleichtert, dass die Kinder nicht in Kriegsgebieten unterwegs sind. Zumal die Rolle der Bundeswehr gesellschaftlich nicht hinreichend geklärt ist.

Wie meinen Sie das?

Die Politik hat es nach dem Ende des Kalten Krieges versäumt, ein außen- und sicherheitspolitisches Gesamtkonzept zu entwickeln, das breit diskutiert und gesellschaftlich getragen ist. Wenn aber in der Bevölkerung keine Übereinstimmung darüber besteht, wofür wir genau unsere Streitkräfte einsetzen wollen und wofür auf keinen Fall, dann ist das ein Problem für diejenigen, die erwägen, ob sie Soldaten werden wollen oder nicht.

Lange vertraten die Kirchen das Leitbild vom gerechten Krieg. Jetzt geht es um gerechten Frieden. Was ist der Unterschied?

Es ist ein gewaltiger Perspektivwechsel – um es österlich auszudrücken: vom Tod zum Leben. Das Konzept des gerechten Krieges will zwar Krieg nicht legitimieren, sondern begrenzen, ist aber darin stark auf die Gewaltanwendung fixiert. Beim Leitbild des gerechten Friedens steht die Vermeidung von und der Schutz vor Gewalt im Vordergrund. Seine Mittel sind die der zivilen Konfliktbearbeitung und die Einbindung in eine internationale Rechtsordnung. Aber auch das Leitbild des gerechten Friedens rechnet damit, dass es Situationen geben kann, in denen Gewalt nötig ist, um Gerechtigkeit und Frieden herzustellen oder zu erhalten.

Was raten Sie den Soldaten konkret?

Ich war 2009 in Kundus, wenige Tage nachdem ein deutscher Soldat in einem Gefecht getötet worden war. Viele Soldaten im Feldlager waren wütend und wollten Rache nehmen. Ich habe mit ihnen über die Feindesliebe gesprochen.

Was bedeutet Feindesliebe in einer solchen Situation?

Feindesliebe bedeutet für mich nicht, dass die Soldaten sich nicht verteidigen dürfen, wenn sie angegriffen werden. Aber sie müssen sich klarmachen: Auch ein Aufständischer, der mir nach dem Leben trachtet, ist ein Geschöpf Gottes, ein Mensch wie ich, mit Eltern, vielleicht mit Kindern …

Das ist bestimmt schwer.

Das ist eine Zumutung. Das ist mir auch bewusst.

Sollen die Soldaten auch für die Feinde beten? Auch für die Taliban?

Ja. Natürlich beten wir mit den Soldaten nicht dafür, dass die Aufständischen ihr blutiges Werk zu Ende führen können, sondern dass sie von der Gewalt ablassen und einen friedlichen Weg einschlagen.

Wo sollen die Soldaten hin mit ihrer Wut und Hilflosigkeit?

Sie können zu den Militärseelsorgern kommen. Wir sind immer in ihrer Nähe.

Na ja, viele Soldaten sind ja nicht religiös.

Auch Soldaten, die keiner Kirche angehören, nehmen die Militärseelsorge gerne in Anspruch.

Es gibt auch die Truppenpsychologen, die beraten und helfen.

Ja, und mit denen arbeiten wir gut zusammen. Aber die Militärseelsorge hat besondere Möglichkeiten, weil sie nicht Teil der Hierarchie der Bundeswehr ist.

Wie schätzen Sie die Lage in Afghanistan ein?

Manches ist dort inzwischen auf einem guten Weg, anderes jedoch nicht. Erst kürzlich geschahen die unsäglichen Koranverbrennungen: Die überaus heftigen Reaktionen haben gezeigt, dass es bisher nicht gelungen ist, Herzen und Köpfe der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Es gibt viel Verdruss und Enttäuschung.

Wurde unterschätzt, welche Rolle die Religion in Afghanistan spielt?

Die politisch Verantwortlichen haben sicher unterschätzt, dass es sich um eine völlig andere Kultur handelt. Am Anfang dachte man ja noch, es könnte dort eine Demokratie nach westlichem Zuschnitt eingeführt werden!

Mullahs haben viel Einfluss in Afghanistan. Würde es die Gespräche auch mit den Taliban erleichtern, wenn von westlicher Seite Geistliche teilnehmen würden?

Ich denke schon. Als Vertreter einer Buchreligion sind Christen bei den Muslimen durchaus angesehen.

Die Militärseelsorge kümmert sich auch um die Soldaten, die aus Afghanistan zurückkehren. Wie ist deren Situation?

Diese Frage müsste in der Öffentlichkeit noch sehr viel intensiver diskutiert werden. Wir haben wieder Kriegsversehrte. Wir haben körperlich und psychisch traumatisierte Menschen. Die kommen zurück und müssen sich sagen lassen: „Selber schuld! Warum bist du da hingegangen?“ Das ist nicht hinnehmbar und für die Betroffenen bitter. Schließlich sind sie mit einem Mandat des Deutschen Bundestags in den Einsatz geschickt worden.

Ist die Aufmerksamkeit in den Kirchengemeinden größer?

Viele Pfarrer wissen nicht, welche ihrer Gemeindeglieder Soldaten sind oder Angehörige, wer im Einsatz ist und wer verletzt wurde. Hier werden wir weiter engen Kontakt zu den Gemeinden suchen.

Brauchen wir einen „Tag der Veteranen“, wie Verteidigungsminister Thomas de Maizière vorgeschlagen hat?

Ich bezweifle, dass es einen eigenen Gedenktag braucht. Die Bundeswehr folgt dem Leitbild des Soldaten als Staatsbürger in Uniform. Ich möchte keine Sonderkultur für Soldaten. Das Gedenken muss eingebettet sein in tradierte, zivile Formen. Wir haben den Volkstrauertag, an dem der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht wird.

Dann müsste man den Tag aber sehr kreativ umgestalten.

So ist es. Am Volkstrauertag muss klar werden, dass es nicht nur in der Vergangenheit Opfer von Krieg und Gewalt gab. Es gibt sie auch heute: Zu ihnen gehören die gefallenen und verwundeten Soldaten genauso wie die zivilen Opfer.

Das Gespräch führten Claudia Keller und Michael Schmidt.

ZEITSOLDAT

Dutzmann stammt aus

Essen, ist 55 Jahre alt,

verheiratet und hat drei Söhne. Von 1974 bis 1976 diente er beim Fernmeldebataillon in Koblenz und schied aus als Leutnant der Reserve. Gespräche mit einem Militärseelsorger brachten ihn zum Theologiestudium.

THEOLOGE

Das Interesse an der

Friedensethik blieb, auch in den Jahren als Gemeindepfarrer in Remscheid. Seit 2005 ist er Landessuperintendent, sozusagen Bischof der Lippischen Landeskirche; seit 2008 Militärbischof. Er hat das Amt neu geprägt und den klassischen Gegensatz von

Militärseelsorge und Friedensarbeit aufgehoben.

KOLLEGE

Er setzt sich ein für kollegiale Führungsstrukturen in der evangelischen Kirche; Pfarrer und Mitarbeiter schätzen ihn als freundlichen Zeitgenossen, der pragmatisch und an der Sache orientiert arbeitet.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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