Zeitung Heute : Zurück auf dem Teppich

Karg und kühl – so musste die Wohnung wirken. Auf den Fußboden kam nur Stein oder Holzdiele. Doch jetzt darf es wieder flauschig sein.

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Von Johanna Lühr Beinahe wäre es so weit gewesen. Er hat zumindest lange drüber nachgedacht. Philipp, 32, Architekt, eine Altbauwohnung in Kreuzberg. Im Wohnzimmer ein langer schmaler Tisch, drei Lampen darüber, ein weißes Sofa, ein Holzschrank, Kunst an der Wand. Klare Flächen, viel Platz. Überflüssiges spärlich platziert. Und jetzt fragt er sich: Soll ich mir einen Teppich kaufen?

Der Teppich ist zurück. Er liegt in schicken Lofts, auf Parkett, Dielen oder Stein, also dort, wo vorher nichts lag. Und man spricht sogar darüber: Frauen- und Wohnzeitschriften werben für Handgeknüpftes, Teppich-Designer haben plötzlich einen Namen und Ikea eine neue Kollektion. Puristen schätzen auf einmal Farbtupfer in ihrer kahlen Askese. Minimalisten haben nichts mehr gegen ein bisschen Wärme unter den Füßen. Der Trend trifft vor allem solche, die sich jahrelang bemüht haben zu reduzieren: eine aufgebockte Platte als Schreibtisch, ein Würfel zum Sitzen. Bloß nicht gemütlich.

Was ist passiert?

Peter Wippermann, Gründer des Hamburger Trendbüros, sagt: „Das ist mehr als eine Mode, es geht um eine Attitüde, einen Style, der uns noch die nächsten Jahre beschäftigen wird.“ Die „neue Gemütlichkeit“ sei eine Reaktion auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen. Auf die Unsicherheit des Arbeitsmarkts folge der Wunsch nach Behaglichkeit in den eigenen vier Wänden, so wie mit der Scheidungsrate auch die gesamtgesellschaftliche Sehnsucht nach Familie wachse. Und das spiegle sich gerade in den Äußerlichkeiten.

„Nie sah man schlagartig so viele konservativ gekleidete Menschen auf der Straße wie mit dem Ende des New-Economy- Booms.“ Die private Entsprechung dieses Trends nennt er „Biedermeier-Glam“. Wenn das persönliche Engagement als aussichtslos empfunden werde, suchen die Menschen im Privaten nach Glück. Diese „Sehnsucht nach Rückzug und Geborgenheit“ konzentriere sich auf das Haus, die Wohnung, den Salon. Und wie oft bei Retromoden kommt das Alte auch diesmal ein bisschen glamouröser zurück, als es verschwunden ist. Der Name Biedermeier taucht Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal in einem Gedicht von Ludwig Eichrodt auf. Ein Schulmeister heißt so, und das sagt einiges. Biedermeier ist ein sprechender Name wie Kraftmeier und Stoffhuber. Heute benennt er die Epoche und den Möbelstil von 1815 bis 1848. Die napoleonischen Kriege sind vorbei. Die Politiker wollen die alten Verhältnisse restaurieren, und das Volk will vor allem eins: endlich Ruhe. Statt schwärmerisch in die Natur zu schweifen, liebt der Biedermeier-Bürger das Haus. Seine Einrichtung ist schlicht, bescheiden, sachlich. Geschwungene Sessellehnen, mit gestreiften oder geblümten Stoffen bezogene Polster, Tapeten und, ganz wichtig, Teppiche, die jeden Laut und jeden Schritt dämpfen.

Doch die Geschichte der Teppiche reicht weiter zurück. Das älteste Exemplar fand man in einem Grab in der Mongolei und soll aus dem Jahr 500 vor Christus stammen. Die Orientteppiche werden mit der Hand geknüpft, die feinsten kommen aus Persien, sie haben bis zu einer Million Knoten pro Quadratmeter und sind voll von Bildern und Ornamenten, die sich meist als Bordüre um das Zentrum ranken. Als Möbel dienten Teppiche zuerst den Nomaden. Sie waren Zelttür, Kinderwiege, Wandschmuck und Gebetsunterlage. In den Märchen von „Tausend und einer Nacht“ wird der Teppich zum Flugzeug, in der westlichen Hemisphäre galt er lange als Statussymbol. Seine Renaissance begann, wen wundert’s, in der Welt des Designs, also dort, wo auch die neue Gemütlichkeit gestaltet wird.

Berlin-Mitte, „Rug Star“. Ein weißer, lichter Laden, hinter der Schaufensterscheibe Teppichstapel. Pink, gelb, rot und grün, wild gemustert, mit Drachenköpfen, Buchstaben, Karos oder psychedelischen Mustern. Allesamt Entwürfe von Jürgen Dahlmann, studierter Architekt, jetzt Teppich-Designer. Am Anfang hätten ihn seine Freunde noch für verrückt erklärt, sich mit so etwas zu beschäftigen, sagt er. Heute lacht keiner mehr. Vor kurzem hat er seinen zweiten Laden eröffnet, zusätzlich zu seinen Einzelstücken entwirft er als erster deutscher Designer für Ikea. Für ihn kam die Rückkehr der Teppiche nicht überraschend: „Seit den 60er Jahren gab es die Auslegware, Teppich bis zur Kante. In den 70ern dann der Flokati, hoch gewachsen. In den 80ern: Gegenreaktion, alles raus. In den 90ern: New-Economy, die Oberflächen glänzen ohne Kratzer.“

Und heute? Heute sei wieder ein wenig Patina gefragt. Bauernmöbel kunstvoll angeschlagen. Gebrauchsspuren erhöhen den Preis. Und auf dem Boden: Teppiche. Mit Teppichen könne man Akzente setzen, Wohnbereiche markieren, neuen Platz schaffen. Wieder auf dem Boden sitzen. Wer seine Kunden sind? Alle, sagt Dahlmann: „Die 60-Jährige, die sich noch mal ganz neu einrichten will, der 50-Jährige mit Sinn für Ästhetik, das Mitte-Paar um die 30, das keine Lust mehr auf Ramsch hat.“ Sie alle suchten Qualität, Dauer, etwas, das hält.

Möbel für Möbel wird an der Atmosphäre gebastelt. Der Trend, so scheint es, geht in Richtung Gesamtkunstwerk. Im Design-Laden „Schön“, ebenfalls Mitte, stimmt jeder Baustein. Ein glatter Wandschrank, ein fragiles Sofa, ein quadratisches Bett. In der gewürfelten Regalwand Tee- und Kaffeekannen aus Chrom, Gläser mit Grünstich, matt glänzendes Pastabesteck. Auf dem Steinfußboden liegt ein beiger Teppich, mit dicken Schlaufen, durch das Fenster blickt man auf Kiesel der gleichen Farbe.

Welchen Teppich man wähle, sagt der Besitzer, hänge von der Beschaffenheit des Bodens ab (ob Diele, Laminat, Eichenboden oder Stein) und von der Persönlichkeit. Wer bin ich, was passt zu mir, fühle ich mich in gradlinigen oder üppigen Formen wohl? Der Besitzer will sich nicht zu einer Typologie versteigen. Er sagt, es gebe eben Sammler, die Einzelstücke um sich scharen und solche, denen es mehr um die Kombination geht: Die einen sitzen auf dem Teppich, die anderen betrachten ihn lieber von oben. Für Dritte gehört er einfach dazu.

„Teppiche gehen immer“, sagt Bülent Alkan, 28. Sein Laden liegt in Kreuzberg, vier Kilometer von Mitte entfernt und Meilen weit weg von der Welt des Designs. Für viele Türken sei der Teppich eine Erinnerung an die Heimat, sagt Bülent. „In der Türkei hat wirklich jeder einen.“ Je bedeckter der Boden, desto besser. In Deutschland tut man sich da noch schwerer. Wie wirkt der Raum, wie kann man Kunst und Alltag ästhetisch zusammenbringen? Und braucht man dazu wirklich einen Teppich?

Philipp, der Architekt aus der Altbauwohnung hat sich noch nicht entschieden, da steht schon eine zweite Frage im Raum: Wie sieht es eigentlich mit Vorhängen aus? Trendforscher Wippermann glaubt, dass die bald wieder zugezogen werden.

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