Zeitung Heute : Zurück auf die Schulbank

Berliner Lehrer haben viele Möglichkeiten, sich fortzubilden – verpflichtet sind sie dazu aber nicht

Silke Zorn

Zur Schule geht Andrea Freese eigentlich jeden Tag – als Lehrerin. Doch hin und wieder tauscht sie das Lehrerpult auch gerne mal gegen die Schulbank ein. Fortbildungen sind für die Berlinerin keine lästige Pflicht, sondern ein echter Motivationsschub. „Nach meinem letzten Kurs zum sozialen Lernen bin ich mit ganz neuem Elan in die Klasse zurückgekehrt“, erzählt sie. „Ich habe Anregungen für meine Arbeit bekommen, konnte Ideen sammeln und mich mit den anderen Teilnehmern austauschen.“ Erfahrungen, die Andreas Freese mit vielen Kollegen teilt – allerdings nicht mit allen. Denn verpflichtend sind Fortbildungen für Lehrer in Berlin und Brandenburg bisher nicht.

Ihre Kurse hat die Lehrerin der Andersen-Grundschule in Berlin-Wedding beim Berliner Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) gemacht – zweifellos die wichtigste Anlaufstelle für wissbegierige Pädagogen. Auch in Brandenburg gibt es ein entsprechendes Institut (siehe Kasten). Anders als in vielen anderen Berufen spielt bei Lehrern die Unterscheidung zwischen Fort- und Weiterbildung eine wichtige Rolle. „Durch eine Weiterbildung erwirbt man immer eine Zusatzqualifikation, etwa mit dem Ziel, bestimmte Fächer wie Ethik oder Informatik unterrichten zu dürfen oder in eine höhere Besoldungsstufe zu kommen“, er klärt Mascha Kleinschmidt-Bräutigam, Leiterin des Berliner Lisum. Fortbildung diene ganz einfach dazu, das Wissen auf dem neuesten Stand zu halten, sei es in Sachen Pädagogik, Psychologie, Schul- oder Personalentwicklung – und das auf freiwilliger Basis. Zwar sieht das Beamtenrecht grundsätzlich eine Fortbildungsverpflichtung vor, und in einigen Bundesländern gibt es inzwischen spezielle Fortbildungs-Systeme, die Lehrer zum Erwerb so genannter Credit Points verpflichten. Berlin und Brandenburg gehören aber bisher noch nicht dazu. Für Masche Kleinschmidt-Bräutigam ist es allerdings „nur eine Frage der Zeit, bis ein ähnliches Verfahren auch bei uns eingeführt wird.“

Wer das Berliner Landesinstitut besuchen will, hat die Wahl zwischen den verschiedensten Angeboten – von der Sprach-Fortbildung bis hin zu Weiterbildungsstudiengängen, die in Zusammenarbeit mit Berliner Universitäten angeboten werden. So gibt es etwa den Studiengang Sonderpädagogik in Kooperation mit der Humboldt Universität oder Fort- und Weiterbildungen im Bereich Informatik, die gemeinsam mit der Freien Universität Berlin angeboten werden. Hoch im Kurs stehen auch Angebote zum Umgang mit Konflikten und zu anstehenden Veränderungen in der Schul- und Unterrichtsentwicklung. In Zukunft müssen Schulen zum Beispiel ein Schulprogramm entwickeln, in dem Schwerpunkte für die eigene Arbeit festgelegt werden. Unterstützung bei dieser Aufgabe finden sie beim Lisum. Ein weiteres Beispiel sind die neuen Berliner Rahmenlehrpläne, die ab dem Schuljahr 2006/2007 gelten. Sie sehen unter anderem eine zusätzliche Prüfungskomponente in Form einer Präsentation vor – darauf müssen sich nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer vorbereiten.

Über mangelnden Zuspruch kann sich das Lisum nicht beklagen. Statistisch gesehen drückt jeder Berliner Lehrer mindestens einmal im Jahr selbst die Schulbank – wenn auch nur für wenige Stunden. „Tatsächlich ist es aber so, dass einige mehrmals und immer wieder kommen, andere dagegen überhaupt nicht“, sagt Lisum-Leiterin Kleinschmidt-Bräutigam. In den vergangenen Jahren blieben außerdem immer häufiger Plätze leer, die eigentlich gebucht waren – vermutlich die Kehrseite der Tatsache, dass die Angebote für die Teilnehmer kostenlos sind. Finanziert werden sie vom Land Berlin, unter anderem indem Lehrkräfte für einen bestimmten Zeitraum ans Lisum abgeordnet werden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen finden übrigens alle Veranstaltungen in der unterrichtsfreien Zeit statt. „Wegen Fortbildung geschlossen“ – auf ein solches Schild an ihrer Klassentür dürften Berliner Schüler also vergeblich hoffen.

Außer den Landesinstituten haben auch andere Anbieter Fort- und Weiterbildungen für Lehrer im Programm, etwa die Volkshochschulen oder die ausländischen Kulturinstitute wie der British Council, das Institut Français und das Instituto Cervantes. Auch der Potsdamer Verein „Weiterqualifizierung im Bildungsbereich“ (Wib), ein An-Institut der Universität Potsdam, bietet berufsbegleitende Weiterbildungsstudien für Berliner und Brandenburger Lehrkräfte an. Ursprünglich gegründet, um nach der Wende Lehrer aus der ehemaligen DDR umzuqualifizieren, richtet sich das Angebot des Vereins heute an alle lernfreudigen Pädagogen. Neben Fortbildungen werden vor allem wissenschaftliche Studiengänge angeboten, etwa das berufsbegleitende Studium Schulmanagement – für angehende Schulleiter in Zukunft ein Muss. „Ab 2007 darf in Berlin und Brandenburg niemand mehr Schulleiter werden, der nicht eine entsprechende wissenschaftliche Qualifikation nachweisen kann“, erläutert Peter Wolters, Koordinator für Bildungsmanagement, den betreffenden Regierungsbeschluss. Wer beim Wib des Grundstudium Schulmanagement absolviert, genügt diesen Anforderungen. Wer sogar noch weitermacht, kann sich nach dem Hauptstudium mit einem Master-Titel schmücken.

Das Interesse der Lehrer am Bildungsangebot des Vereins ist laut Wolters groß. Rund 2500 Teilnehmer tummeln sich seit dem Jahr 2000 in den verschiedenen Kursen – obwohl diese meist aus eigener Tasche finanziert werden müssen. Auch die Tatsache, dass rund 60 Prozent der Schulmanagement-Studierenden bereits Leitungsaufgaben innehaben und die Zusatzqualifikation für ihre Karriere gar nicht mehr brauchen, wertet Peter Wolters als gutes Zeichen. „Gerade bei den so genannten Leistungsträgern gibt es viel Initiative zur Weiterqualifizierung.“

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