Zeitung Heute : Zurück aufs Gleis

Marie kettete sich an die Schiene und stoppte den Castor – jetzt stand sie vor Gericht

Esther Kogelboom[Dannenberg]

Von Esther Kogelboom,

Dannenberg

Marie hat noch immer nicht lernen wollen, wie man anständig in Fernsehkameras lächelt. Im Laufschritt eilt das Mädchen, das den Castor aufhielt, den kleinen kopfsteingepflasterten Hügel zum Amtsgericht von Dannenberg herauf. So schnell, dass ihr bunter Schal hinter ihr herweht und die Fernsehteams das Nachsehen haben. Dabei macht sie ein ziemlich verkniffenes Gesicht. Bevor sie hinter der Gerichtspforte verschwindet, erkennt sie noch Sascha, läuft auf ihn zu und drückt den Mann mit den langen schwarzen Haaren für ein paar Sekunden fest an sich. Dann wagt sie doch ein verzagtes Grinsen.

Marie ist eine Heldin, eine Heldin des Widerstands, sagen ihre Bewunderer. Und nun muss sie dafür vor Gericht. Weil sie noch so jung war damals, verhandelt ein Jugendrichter ihren Fall und niemand darf zusehen.

Während Sascha und die anderen an diesem Donnerstagmorgen also draußen bleiben müssen, verliest Marie, die der Nötigung und der Störung öffentlicher Betriebe angeklagt ist, drinnen im Saal eine Erklärung. „Das Wendland ist geprägt durch die Atomanlagen in Gorleben und den damit zusammenhängenden Widerstand. Die ersten Schritte macht manch einer auf Demos. Anfangs ist alles noch ganz aufregend und unbekümmert – der Castor jedoch schon ein undefinierbares Etwas. Ein Monster? Auf jeden Fall unheimlich und gefährlich. Die Unbekümmertheit verschwindet mit der Zeit und wird ersetzt durch ein ohnmächtiges Klarsehen und Unverständnis.“

Es ist eineinhalb Jahre her, es war ein Dienstag, als Marie an einer wendländischen Bahnstrecke stand; 20 Minuten nach Zehn in der Nacht, null Grad. Sie rutscht die Böschung hinunter in Richtung Gleisbett. Zusammen mit dem schwarzhaarigen Sascha, mit Alex und Mihai räumt sie den Schotter von der Stelle, wo der Betonblock ist, in dem die 55 Zentimeter langen Röhren stecken. Den Betonblock hat jemand – womöglich schon Wochen zuvor – unter das Gleisbett gegossen. Alle haben Stützgamaschen fest um die Handgelenke geschnallt, solche, die Leute mit Sehnenscheidenentzündung vom Arzt verschrieben bekommen. Sie legen sich auf den Bauch. Ganz tief unten in den Röhren gibt es Querstreben, an die ketten Sascha, Alex, Mihai und Marie ihre Gamaschen. Im Dunkel der Böschung warten zehn weitere Castor-Gegner mit Isomatten, heißem Tee und Zuspruch. Der Zug ist noch 700 Meter weit weg und soll seine Fracht nach Gorleben bringen, ins Zwischenlager. Marie ist 16.

Sie ist nicht nur Teil einer Aktivisten-Gruppe, sondern gehört auch zu einer wendländischen Generation, die eine große Portion Wut schon mit der Muttermilch eingesogen hat. „Wir können einfach nicht mehr anders“, sagt eine Freundin aus Maries Parallelklasse, die auch vorm Amtsgericht wartet. In zehn Tagen, wenn der nächste Transportzug rollen soll, will sie ein Versorgungs-Camp in Gorleben mitorganisieren. „Der Widerstand sitzt einfach drin.“ Und Pathos gehört dazu.

Damals, eine dreiviertel Stunde nachdem Marie und ihre Freunde sich angekettet hatten, kam der Zug 30 Meter vor der menschlichen Blockade zum Stehen. Der Bundesgrenzschutz brauchte 17 Stunden, um die vier loszuschweißen – bis zum nächsten Vormittag.

„Die Leute vom BGS waren sehr erstaunt über die Haltbarkeit unserer Konstruktion“, hat Sascha am Abend vor der Verhandlung am Kneipentisch gesagt. Er ist Schlosser und Tischler von Beruf und hat außerdem ein dermaßen dickes Fell, dass er damals beim Losschweißen immer wieder eingeschlafen ist. Er ist 30 und Berliner, aber mit 16 Jahren zum Wahl-Wendländer geworden. „Der Erfolg einer solchen Aktion ist vom Glück abhängig“, sagt er „ aber auch von perfekter Organisation.“ Und Sascha selbst? Der ist höchstens abhängig von Milchkaffee und Ovomaltine, davon schlürft er in kürzester Zeit je zwei Schalen.

Das Fernsehen berichtete damals von totaler Unterkühlung und Schwäche, sogar von möglichen Arm-Amputationen war die Rede, aber das sei Blödsinn gewesen. Auf dem Platz vorm Gericht neben Sascha steht Alex, auch er hat sich wegen Maries Prozess freigenommen und er sagt: „Sie haben uns mit Wärmelampen gegrillt und uns Decken übergeworfen.“

Und dann kommt sie raus. Maries Freunde bereiten ihr einen großen Empfang, sie applaudieren und jubeln, als sie gegen Mittag das Gerichtsgebäude verlässt. „Unterkühlung? Meine Körpertemperatur ist damals exakt um 0,4 Grad abgesunken“, sagt Marie, „ein Witz also. Ich hätte auch noch länger durchgehalten.“ Sie tritt – immer noch angespannt – von einem Bein auf das andere. Inzwischen ist sie 17.

Am Abend vor ihrem Gerichtstermin hat sie mit einer Freundin Bier getrunken, sagt sie, eins, ausnahmsweise. Gegen die Aufregung, die groß war, größer noch als damals an der Bahnstrecke, denn „da war einfach alles ausgeschaltet“.

Sascha, Alex und Mihai sind bereits im Frühjahr 2002 zu Geldstrafen verurteilt worden. Das Verfahren gegen die minderjährige Marie dagegen wurde eingestellt. Aus erzieherischen Gründen muss sie aber 50 Stunden Sozialarbeit im örtlichen Krankenhaus leisten. „Vielleicht kann ich das später als Praktikum verkaufen.“ Aus einem Cassettenrecorder klingt Cat Stevens, Leute von der Bürgerinitiative verteilen Flugblätter, die Umweltschützer von Robin Wood halten Transparente in die Luft, zwei Konfliktmanager von der Polizei stehen freundlich lächelnd daneben. Jemand hat eine Betonmischmaschine aufgestellt, alte Menschen sind da und Junge, Hippies und die Bäckerei-Verkäuferin.

Marie will partout nicht einsehen, dass sie eine Heldin sein soll. „Sicher brauchen Bewegungen auch Helden, aber ich bin nur ein Teil der Gruppe.“ Sie hatte ein strengeres Urteil erwartet. „Ich dachte, die wollen mir vor dem nächsten Castor noch schnell einen reinwürgen.“ Marie sagt, dass auch sie beim Transport in zehn Tagen wieder mit dabei sein will. „Man muss aufpassen, dass das Ganze nicht zur Folklore verkommt“, mahnt Alex.

„Aber es muss weitergehen“, antwortet sie, „ich hab’ noch zwei kleine Brüder.“ Da kommt ein Schulfreund vom Wirtschaftsgymnasium auf sie zu und fragt: „Was machst du denn jetzt so? Komm doch mit uns, zur Party nach Platenlaase.“ Marie will es sich überlegen. In der Hand hält sie noch ihre Erklärung.

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