Zeitung Heute : Zurück aus der Zukunft

Sie sind von Ost nach West geflohen, dann aus Deutschland nach Australien. Jetzt leben Katrin und Torsten wieder in Dresden. Die Geschichte einer gescheiterten Auswanderung

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Von Verena Mayer Das Buch, das in dem Dresdner Kiosk auf dem Tresen liegt, hat ein schwarz-rot-gold-gestreiftes Cover. Es heißt „Verliebt, verlobt, verheiratet?“. Der Mann, der es geschrieben und selbst herausgebracht hat, wohnt ganz in der Nähe des Kiosks. Er ist 43 Jahre alt, hat hellblonde Haare und ein kaputtes Herz.

Ein doppelt kaputtes Herz.

Es war vor etwas mehr als einem Jahr, da lag er noch in einem australischen Krankenhaus, die Ärzte nannten ihn dead man breathing. Der Mann hatte kein Geld für die Operation. Er brauchte einen Herzschrittmacher. Ein australischer Arzt lieh ihm das Geld, und Torsten Preuß fand sich in dem bestätigt, was er sich schon an seinem ersten Tag in Australien gedacht hatte: Eines Tages würde er es bestimmt schaffen und Australier werden.

Aber daraus wurde nichts. Nun ist er wieder zurück in Deutschland – dem Land, aus dem er einst voller Träume und mit leichtem Gepäck floh. Und Deutschland, das stellt er schnell klar, gefällt ihm heute genauso wenig wie damals, kurz vor seiner Abreise.

Torsten Preuß hat eine kleine Wohnung in Dresden, draußen fließt träge die Elbe. Drinnen gibt es viel Durcheinander. Ansichtskarten aus Australien, die australische Flagge, Kisten mit Fotos stapeln sich. An einer Wand lehnt die Spüle, sie muss erst noch eingebaut werden. Ein Provisorium.

Die Geschichte von Torsten Preuß ist eine Geschichte von vielen Fluchten. Es ist die Geschichte einer gescheiterten Auswanderung. 145 000 Deutsche wanderten wie er im Jahr 2005 aus. Knapp die Hälfte von ihnen war unter 30, und sie sind vor allem deshalb gegangen, weil sie sich woanders bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechneten. 128 000 kehrten zurück.

Dresden, Anfang der 80er Jahre. Der damals 17-jährige Preuß machte eine Lehre als Facharbeiter für Zerspanungstechnik. Wenn er frei hatte, fuhr er so weit weg, wie es die DDR ihm gestattete, nach Prag oder an den Plattensee. Er wollte auch nach Rumänien und Bulgarien, er stellte Anträge, die ohne Begründung abgelehnt werden. Das Gefühl, dass andere über sein Leben verfügen konnten, verfestigte sich, als er Katrin kennenlernte. Sie wurde schwanger, die beiden träumten von einer gemeinsamen Zukunft im Westen. Preuß stellte einen Ausreiseantrag, später dann auch Katrin. Eines Tages durfte er das Land verlassen, Katrin und sein Sohn mussten zunächst zurückbleiben.

Torsten Preuß ist ein kräftiger Mann. Er sitzt breitbeinig auf seinem Stuhl und lacht viel. Seine gelassenen Posen erzählen vom Surfen, aber sie wirken fremd in dieser Dresdner Zweizimmerwohnung. Er ist nicht freiwillig zurückgekehrt, im März 2006 war sein Visum abgelaufen und er bekam kein neues.

Preuß hat dicke Mappen mit Fotos vor sich liegen. Eines zeigt die zwei Einkaufswagen, in denen er und seine Freundin Katrin ihre Habe unterbringen konnten, als sie 1998 in Australien ankamen, ein anderes das Haus in Sydney und den Strand davor. Preuß’ langes Haar ist noch ausgebleicht von der australischen Sonne, er trägt die Socken, die Stewardessen im Flugzeug gegen kalte Füße verteilen. Es sind die Reste eines Lebens, das er acht Jahre lang geführt hat und das nun langsam von ihm abfällt wie von einer Schlange die alte Haut. Er kann Stunden von der australischen Lebensart schwärmen, vom Optimismus, der dort herrsche, und vom Respekt, den man einander entgegenbringe.

Zurückgekommen ist er in eine ihm unbekannte Welt. „Eine Frau war Kanzlerin, und ich hörte das erste Mal von Hartz IV.“ In Australien ist Deutschland kein Thema, und sein Land wurde auch ihm egal. Schließlich wollte er Australier sein.

Und doch, trotz Merkel und Hartz IV sagt er, das Gefühl sei, dass sich in Deutschland, speziell in Dresden, in den vielen Jahren nichts geändert habe. Dass alles stehen geblieben sei und nur er allein habe sich bewegt. Man höre noch immer dieselben Geschichten, sagt er, und die Leute, die ihn und seine Freundin damals gepiesackt hätten, gebe es auch noch immer. Er sehe sie an der Elbe spazieren gehen. Genauso kann er auf die Linken und die 68er schimpfen und darüber, wie wenig Eigeninitiative es in Deutschland gebe. Es ist ein grobes Bild, das er zeichnet. Und es scheint, dass er wenig Interesse an Feinheiten hat.

Als Preuß Mitte der 80er Jahre die DDR verlassen durfte, zog er nach Berlin-Kreuzberg. Er nahm einen Job in einer Fabrik an, später machte er mal dies, mal das. Er reiste, solange das Geld reichte, nach Griechenland, Spanien, Ägypten.

Preuß setzte alle Hebel in Bewegung, um seine Familie zu holen. Er bezahlte Anwälte, schrieb Briefe, an die Kirche, an Erich Honecker, an Franz Josef Strauß. Ende 1986 durften Katrin und der Sohn schließlich zu ihm.

Preuß jobbte als Bühnenarbeiter bei Peter Stein an der Schaubühne, fuhr nach Australien, um aus Deutschland wegzukommen und ein bisschen auch von sich selbst. Als die Mauer fiel, beschloss er, Journalist zu werden. Er wollte das Wendejahr dokumentieren, die Karrieren der „roten Socken“ aufdecken, wie er es nennt. Fürs Fernsehen konfrontierte er einen Stasimann mit einem seiner Opfer, der Beitrag machte Furore, Preuß wurde für Preise nominiert.

Doch irgendwann wollte er schon wieder nur weg, aus Deutschland, aus dem alten Leben, aus seiner Geschichte. 1998 brach das Paar schließlich alle Zelte ab wie rund 100 000 andere Deutsche auch. „Wir wollten nicht, dass uns die Vergangenheit prägt“, sagt Torsten Preuß, und Katrin Schröter, seine Lebensgefährtin, nickt. Sie ist eine Frau mit dunklen Haaren, in die sich die ersten grauen Strähnen mischen. Sie lässt ihn reden, man merkt, dass sie der ruhende Pol in der Beziehung ist. In Berlin hat sie früher als Erzieherin gearbeitet, inzwischen jobbt sie nur noch. Im Sommer hat sie im Biergarten gestanden, um Geld zu verdienen, eine Knochenarbeit, derzeit werden sie von Freunden und von der Familie unterstützt.

Die ersten zwei Jahre in Sydney verliefen in einem Freudentaumel. Alles so anders dort, alles viel toller, wir haben es gemacht, wow. Das Geld war kein Problem, davon gab es reichlich. Es waren die 90er Jahre, und Preuß hatte erfolgreich am Neuen Markt investiert. Den Hype um die New Economy, der zu dieser Zeit in Berlin herrschte, konnte er an den Kurven seiner Aktien ablesen, die von Tag zu Tag steiler wurden. Viel zu arbeiten, sagt Preuß, brauchte er nicht. Er war zwar als Journalist für die Olympischen Spiele in Sydney akkreditiert, aber eigentlich hatte er ein wichtigeres Projekt. Er wollte über sein Leben ein Buch schreiben. Eine deutsch-deutsche Geschichte, seine Form der Abrechnung, die sollte den Durchbruch bringen.

In Australien lebte er erst einmal das typische Leben eines Emigranten, der alles im neuen Leben gut finden will, aber doch der Ausländer bleibt. Fremd sei alles gewesen, sagt Preuß. Die Australier seien sehr unverbindlich gewesen. Wenn Preuß sich zum Surfen verabredet hat, konnte es sein, dass er den ganzen Tag warten musste. Auch fielen ihm die schlechten Zähne der Menschen auf, schuld daran war das andere Gesundheitssystem. Irgendwann sei ihm Australien wie der Osten vorgekommen, „Leute, die nichts zu tun haben und trinken“, sagt Preuß. „Die Zone war der langweiligste Ort der Welt. Australien war zwar das Paradies, aber eigentlich ist das Paradies auch nur langweilig.“

Und da war noch das Buch, das ihn mit schöner Regelmäßigkeit letztendlich immer dorthin zurückbrachte, von wo er eigentlich aufgebrochen war.

Nach dem 11. September 2001 dann mussten sie sich bekennen, erklären, auf welcher Seite sie stehen. Australien unterstützte den Krieg gegen den Terror der USA. „Da sind wir Amerikaner geworden, Bush-Fans. Wir haben schließlich in der freien Welt gelebt, und die freie Welt muss man verteidigen.“ Er sagt das auch jetzt noch voller Überzeugung, so als wolle er Distanz zu Deutschland zu wahren, dem Land, in dem er eigentlich gar nicht sein will.

Die Terroranschläge von New York beschleunigten auch, was sich schon länger abzeichnete: Die New Economy brach zusammen. Aktien, die Preuß für 90 Mark gekauft hatte, waren nur mehr 80 Pfennig wert. Die Kreditkarte funktionierte nicht, plötzlich waren Preuß und seine Freundin pleite. Sie mussten jetzt arbeiten. Unqualifiziert, für wenig Geld. Katrin Schröter, die eine Arbeitserlaubnis hatte, bewarb sich bei Woolworth. Nach zwei Stunden Videoschulung wurde sie zum Probearbeiten behalten und ihr inzwischen erwachsener Sohn gleich mit.

Sie mussten das Haus in Sydney aufgeben und zogen in einen kleinen Ort an der Küste. Katrin Schröter arbeitete weiter für Woolworth, in einer anderen Filiale, sie wurde sogar Chefin der Nachtschicht. „Ich hätte richtig Karriere machen können“, sagt sie. Sie fanden Freunde, lebten sich ein. Waren dabei, die Grenze vom Zugereisten zum Einwohner zu überqueren. Doch da wurde Torsten Preuß herzkrank. „Geld weg, Herz kaputt, Buch nicht fertig“ – so laute seine Bilanz. Und dann lief 2006 sein Visum für Australien ab. Überhaupt waren ihre Papierangelegenheiten nicht in Ordnung. Die australische Staatsbürgerschaft konnten sie deshalb nicht beantragen, weil sie all die Jahre über nur Journalistenvisa gehabt hatten. Hart sei das gewesen, sagt Preuß, und fügt doch schnell hinzu, dass die australischen Gesetze eben so seien und für alle gelten. Als müsse er sich für Australien rechtfertigen.

Ein halbes Jahr länger durften er und Katrin Schröter noch mit einem Touristenvisum bleiben, dann mussten sie in ein Flugzeug steigen und ihre Wahlheimat verlassen.

Draußen geht ein trüber Winternachmittag in die Dämmerung über. Preuß sagt, für ihn sei Deutschland das Land, „in dem die Leute nicht daran erinnert werden wollen, dass man aus seinem Leben etwas machen kann“. Er hat es versucht, wenigstens das. Sein Buch war das Erste, was er fertig gemacht hat. Er wiegt es in der Hand und blättert zufrieden durch die Seiten. „Das Schlimmste ist der Weg zurück“, heißt es an einer Stelle.

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