Zeitung Heute : Zurück bleibt nur der Gummibaum Georg Gafrons Abschiedsworte

Der Tagesspiegel

Von Joachim Huber

und Ulrike Simon

Leo Kirch hat’s geschrieben, da hat es Georg Gafron auch geschrieben: Mit „Gottes Segen“ endet der Abschiedsbrief. Gafrons Schreiben erreichte die Mitarbeiter des Berliner Radiosenders Hundert,6 am späten Montagabend. Da hatte Gafron, wie berichtet, sein Büro schon geräumt. Er musste es räumen, bis Montag, 17 Uhr. Eine seiner letzten Amtshandlungen bestand darin, das gesamte Interieur seines Büros im Trigon-Gebäude am Katharina- Heinrich-Ufer zum Buchwert zu kaufen. Nur den Gummibaum überließ er seinem Nachfolger, dem neuen Geschäftsführer Thomas Thimme. Die Mitarbeiter bat Gafron in dem Brief, seinen Nachfolgern „mit der gleichen Loyalität wie mir zu dienen“. Die gesamte Einrichtung wurde von den Umzugsleuten nur zwei Stockwerke höher getragen. Dort residiert Georg Gafron nun mit seiner neuen Firma, die, wie man hört, nichts mit Medien zu tun hat. „Kein Kommentar“ – mehr wollte Gafron nicht sagen.

Beim Radiosender einsteigen soll nach Tagesspiegel-Informationen eine börsennotierte Firma, die Clear Channel Communications Inc. mit Sitz in San Antonio/Texas. Dem Unternehmen gehören in den USA 37 Fernsehstationen und über 1200 Radiosender. Zudem betreibt es noch über 240 Radiostationen in weiteren Ländern. Hundert,6 wäre für Clear Channel der erste Radiosender in Deutschland. In Berlin ist das Unternehmen bereits beim Dienstleister Wall AG mit über 20 Prozent engagiert. Der US-Konzern verfolgt eine ähnlich zweigleisige Firmenstrategie wie die Wall AG: Während Wall Wartehäuschen und City-Toiletten betreibt und diese für die Vermarktung der Werbeflächen nutzt, produziert Clear Channel Radio- und TV-Programme und vermarktet Werbeflächen, aber auch Entertainment- Veranstaltungen.

Die Übernahme soll Thimme eingefädelt haben, der im West-Berlin der 80er Jahre beim linksalternativen Radio 100 arbeitete. Der Sender teilte sich die Frequenz mit Hundert,6. Chefredakteur war damals Georg Gafron. Ihn und Thimme verband eine herzliche Feindschaft. Später baute Thimme Radio Energy in Berlin mit auf. Zuletzt arbeitete er als Medienberater. Der neue Hundert,6-Geschäftsführer sagte, Thomas Kirch würde 60 Prozent behalten, er selbst würde sich mit 40 Prozent beteiligen. Insider fragen sich, wo Thimme das Kapital dafür hernehmen wolle. Thimme stellte sich den Mitarbeitern am Dienstag vor. Demnach wird bei Hundert,6 das alte „Froschfunk“-Image reaktiviert. Der Anteil von Wort und Musik soll 50:50 betragen, die Nachrichten zur vollen Stunde werden auf fünf Minuten gestutzt, es soll mehr Entertainment und Sport geben. Von den Auslandskorrespondenten soll sich der Sender bereits getrennt haben, mindestens die Hälfte der festangestellten Mitarbeiter soll entlassen werden.

Ein Gesellschafter- und Format-Wechsel des Senders muss bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg angezeigt und vom Medienrat genehmigt werden. Voraussichtlich wird die Hundert,6-Lizenz neu ausgeschrieben. Am Freitag wird der Medienrat tagen.

2001 soll Hundert,6 einen Verlust von über zehn Millionen Euro eingefahren haben. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Kirch und Gafron anderes im Sinn hatten als Geldverdienen. Ihr Hundert,6 war ein Informationsradio mit politischem Auftrag, ein publizistisches Instrument, das konservative Politik unterstützen sollte. Bei Thimme wird sich das ändern. Der neue Geschäftsführer kündigte bereits an, dass die Berliner Koalition von SPD und PDS künftig „rot-rot“ statt „rot-dunkelrot“ genannt werde.

Gafron hat am Montag tabula rasa gemacht. Auch bei der privaten Fernsehstation TV.Berlin, auf der kumulierte Verluste in dreistelliger Millionenhöhe lasten, ist er als Geschäftsführer ausgeschieden. Dieser Sender gehört wie die Ballungsraumsender TV.München und Hamburg-1, ebenfalls zum untergehenden Kirch-Reich. Ein Käufer ist nicht in Sicht, die Insolvenz wahrscheinlich. Eine Mitarbeiterin sagt: „Wir erfahren sehr viel aus der Zeitung und sehr wenig von unseren Chefs. Das ist nicht stimmungsfördernd.“

Eines bleibt Gafron: die Chefredaktion der „B.Z.“. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner hat ihm Rückendeckung zugesichert. Als Gafron am Dienstag beim Springer-Hochhaus vorfuhr, hatte er nur den Wagen gewechselt: statt in der S-Klasse ließ er sich im Sportcoupé chauffieren. Der Marke ist Gafron treu geblieben: Mercedes.

Mit dem heutigen Tag geht für uns alle eine Epoche im Leben zu Ende. Es ist jetzt über 15 Jahre her, dass in Berlin Visionäre sich zur Gründung eines Rundfunksenders entschlossen (…). Unser gemeinsames Ziel war es, die Dominanz des überwiegend links-orientierten Rundfunks zu brechen, und gleichzeitig für die Wiedervereinigung unserer Stadt und unseres Landes in Freiheit mit publizistischen Mitteln zu kämpfen. (…) Nach zehn Jahren hatte sich die Vision der Gründer erfüllt. Das duale System war auch in Berlin nicht zuletzt aufgrund der Pionierrolle von „Hundert,6“ zum Durchbruch gelangt. Der Traum von der Einheit unserer Stadt und unseres Vaterlandes hatte sich erfüllt, wobei mir insbesondere die wochenlangen Störungen unseres Programms durch die Stasi im Herbst 1989 unvergessen bleiben werden. (…) Sie alle haben (…) das Geschehen um die Kirch-Gruppe in den Medien verfolgen können. Die Geschichte wird eines Tages ihr Urteil darüber fällen. (…) Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und Gottes Segen.

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