Zeitung Heute : Zurück im Glück

Warum Die Toten Hosen, Deutschlands erfolgreichste Band, nach Midlifecrisis und 10 Millionen verkauften Alben noch auf Tour gehen

Stefan Krücken

Aus dem vorderen Teil des Busses kommt leise Musik, Campino und Schlagzeuger Vom schlafen in ihren Kojen, hinten in der Fernsehecke verfolgt Bassist Andi auf DVD, wie Mel Gibson in Uniform 681 Vietnamesen erschießt. Vor den Scheiben polnische Winterdepression de luxe – matschige Äcker, Baumskelette, Fabrikschornsteine, ein überfahrener Hund. Noch ein paar Stunden bis Danzig. Alle paar hundert Kilometer hält der Reisebus an einer Tankstelle, wo große Teller mit Wurst und Kraut angeboten werden.

So kann ein Tag im Leben von Deutschlands erfolgreichster Rockband aussehen. Mit drei Konzerten in Polen spielen Die Toten Hosen sich ein für die Tournee „Friss oder stirb“, für die sie bis zum Jahreswechsel von Friedrichshafen bis Hamburg unterwegs sind. 200000 Karten sind schon verkauft. Jeder kennt sie, die Punkrocker, Entertainer, Bayern-München-Hasser. Als sie vor 22 Jahren starteten, übernahm gerade Helmut Kohl das Land. Heute besingen sie die Brioni-Anzüge von Kanzler Schröder und dokumentieren ihren Triumph in einer Sendung auf MTV.

Die Toten Hosen greifen auch nicht mehr wie früher in den Altkleidersack, wenn sie sich einkleiden wollen. Vermutlich konsumiert jede Berliner Realschulklasse mehr Drogen als die Band. Und natürlich steckt hinter dem Wirtschaftsunternehmen Die Toten Hosen nicht mehr der Punk der Gründertage. Und fast scheint es, als nähme ihnen mancher übel, nicht mehr ihr eigenes Klischee zu leben. So kann es Campino immer noch passieren, dass ihm beim frühmorgendlichen Interview im Sender jemand eine Bierflasche auf den Tisch stellt, mit den Worten: „Für dich. Ihr seid doch so ne Saufcombo.“

Auch der Vorabend in Warschau begann mit einer Unterstellung. In einem Interview vor dem Konzert grinste die Moderatorin von Viva Polen frech und sagte: „Ihr seid ja jetzt ziemlich alt. Ist es nicht schwierig, noch immer euer Geld zu teilen?“ Talkshowveteran Campino, 42 Jahre alt, lächelte zurück und sagte: „Am Anfang war es ganz einfach, da hatten wir keins“, und kam dann auf die fragwürdige Sockenwahl der Moderatorin zu sprechen.

Sie sind Stars in Polen, genau wie in Argentinien, wo sie Stadien füllen und eine Cover-Band namens Opelgang ihre Hits und Sauflieder nachspielt, natürlich auch auf Deutsch. Ihre Texte über Frustbewältigung, Fußball und Feiern versteht dort keiner. Dass sie dennoch so viel Anerkennung finden, liegt an der Kraft ihres Auftritts. Sie haben sich ihre Fangemeinde auf den Tourneen erkämpft. Vor allem in Polen haben sie eine Geschichte. Sie waren oft hier unterwegs, vor kurzem traten sie als Hauptband vor einem Meer aus 300000 Menschen beim „Woodstock-Festival“ in Przystanek auf. Vielleicht haben sie mehr für die Annäherung deutscher und polnischer Jugendlicher getan als jedes Programm des Goethe-Instituts.

Es war eine verschwitze Nacht im Stodola Klub in Warschau, „ein Heimspiel zum Saisonauftakt“, wie Campino es ausdrückte, der gerne Metaphern aus der Welt des Fußballs benutzt. Man konnte im so genannten Backstagebereich, einer neonhellen Kammer, in der der Sänger seine Glieder dehnte und sich mit Gitarrist Kuddel warm sang, die Besucher den Bandnamen skandieren hören – Chosän, Chosän. „Schön, wieder hier zu sein“, rief Campino in der Landessprache und erzählte, wie das vor 20 Jahren in Warschau war, als hinten Polizisten wachten und jeder verhaftet wurde, der tanzte. Und wie dann nach seinem Aufruf alle gleichzeitig aufgestanden waren und die Uniformierten in Unterzahl tatenlos zusehen mussten. Viele im Saal waren beim ersten Gastsspiel der Toten Hosen nicht geboren. Was auf den historischen Exkurs folgte, waren zum Punkrock zuckende Leiber. Campino sprang in die Menge, die jedes Lied akzentvoll mitsang. Als alles vorbei war, trank die Band mit ihren Fans Bier und Wodka aus hohen Gläsern.

„Wodka gab es immer, andere Nahrungsmittel waren auf unserer ersten Polenreise ein echtes Problem“, erzählt Andi, der Bassist, im Bus. 1985 gab es in den Restaurants selbst gegen D-Mark nur Milchreis, und besonders schwierig war es, Diesel aufzutreiben, den der Fahrer „Faust“ dann mit einem provisorischen Trichter aus Zeitungspapier in den Tank des Kleinbusses füllte.

Faust ist auch heute wieder mit dabei, offiziell als Garderobier, tatsächlich weil die Gruppe einen loyalen Freund, der sie begleitet, seit sie in den Jugendzentren von Kaarst und Mettmann auftrat, nicht fallen lässt. Faust ist fast 50, hat ein wirkliches Gewichtsproblem und Wasser im Bein. Er ist der Einzige im Bus, dem man ansieht, dass er Rock ’n’ Roll gelebt hat. Die Musiker laufen, trainieren, kickboxen und achten auf ihre Ernährung.

Faust erzählt von damals, als ihre Diät noch aus Kokain, Speed und Dosenbier bestand. „Dat war kein Punk mehr!“ Im Bus wird nicht gelacht, aber gegrinst, jeder kennt die Geschichte. Faust ist glücklich.

Man geht sehr höflich miteinander um auf einer Klassenfahrt mit den Toten Hosen, jeder, vom Busfahrer bis zum Kistenschlepper, bekommt ein „Danke“, jeder ein Lächeln, jeder den Respekt, den er verdient. So hält man es nach 22 Jahren miteinander aus. „Wenn einer die Bodenhaftung verliert, stutzen ihn die anderen zurecht“, erklärt Andi, „wir haben nicht vergessen, wo wir herkommen.“ Wo sie herkommen? Ein Vorort von Düsseldorf, wo Andi mit Campino einst Plakate von Peter Maffay oder „Holiday on Ice“ klebte, und der brutalste Feind im Sportstudio Ellermann lauerte – der Bodybuilder, der seine Muskelbude eigenhändig bewarb. Diese Zeit ist für immer vorbei, aber manchmal leisten sie sich nach über zehn Millionen verkauften Alben kleine Abschweifungen. Vor kurzem sind sie im Wohnzimmer eines Fans in Pirmasens aufgetreten, „Magical Mystery Tour“ nennen sie Konzerte an ungewöhnlichen Orten. Einmal haben sie ihre Anlage zu einer Berghütte hochgetragen, um vor fünf irritierten Bergwanderern zu musizieren.

Endlose, weite Felder und viele verlassene Häuser später ist Danzig erreicht, ein Fünf-Sterne-Hotel, die Tür wird von einem Livreeträger aufgehalten, das Abendessen im Kerzenschein serviert. Als die Band zum Konzert aufbricht, warten vor dem Hotel einige Fans, darunter Studentin Ivonne und Maler Carsten. In ihrem Opel Kadett Kombi mit dem Totenkopf-Emblem der Band auf der Motorhaube sind sie aus Cottbus gekommen.

„Wo schlaft ihr heute Nacht?“, fragt Campino. „Im Wagen“, antwortet Ivonne. „Im Ernst?“ „Geht doch“, sagt Carsten und winkt ab. Die Außentemperatur liegt unter dem Gefrierpunkt. Auch in der Konzerthalle, einer ehemaligen Werft, in der das „Dritte Reich“ U-Boote bauen ließ, ist es so kalt, dass man dem eigenen Atem hinterhersehen kann. Campino verliest auf Polnisch das Versprechen, „hundert Prozent zu geben“, man kämpft, man schwitzt, Campino springt ins Publikum, klettert an einem Stahlseil auf einen Boxenturm, und man fragt sich, ob in ihm, dem höflichen Menschen aus dem Tourbus, ein Bühnenwesen wohnt, das sich befreit, sobald die Musik spielt.

Ein Lied widmet Campino den abgehärteten Fans aus Cottbus. Die ehemalige U-Boot-Werft feiert und ganz am Ende, nach mehr als zwei Stunden und „You’ll never walk alone“, der Fußballhymne von Campinos geliebtem FC Liverpool, dem Höhepunkt jedes Konzerts, sind alle beseelt, außer ihm. „Ein Arbeitssieg, das war heute das zwei zu eins von Fortuna, reingestolpert kurz vor Abpfiff auf nassem Boden“, meint er, als ihm Faust im Backstageraum ein Handtuch reicht.

Es folgt eine nüchterne Manöverkritik, dann kommt die Frage auf, ob es wirklich in Ordnung ist, wenn das Paar aus Cottbus im Opel schläft. Schlagzeuger Vom überlegt, das freie Zustellbett in seinem Hotelzimmer zur Verfügung zu stellen. Dann kommt irgendjemandem die Idee, den Tourbus anzubieten. Als der sich wieder Richtung Hotel in Bewegung setzt, sind Ivonne und Carsten für den Rest der Nacht an Bord.

Heute geht es nach Rzeszow, einer Industriestadt im Süden Polens, die zu Recht in keinem Reiseführer erwähnt ist. Gitarrist Kuddel hat die Spielkonsole im Fernsehsitzeck entdeckt und obwohl er als einziges Bandmitglied diesen Sport nicht mag: das dazugehörige Fußballspiel. Kuddel agiert mit Bayern München, eigentlich der traditionelle Feind, er raucht, lacht und gewinnt, weil Oliver Kahn im Computerspiel jeden Ball pariert. Es handelt sich wohl um eine ältere Ausgabe. Vielleicht muss Kuddel jetzt nicht länger nach einem Weihnachtsgeschenk für seinen zwölfjährigen Timm suchen, er hat zwei Kinder, wohnt mit Frau, Hunden und Katzen in einem Dorf in der Eifel. Drei Bandmitglieder haben Kinder, Campinos Sohn Lenn Julian ist zehn Monate alt. Verglichen mit früher ist es ein „Leben auf einem anderen Planeten“, wie Kuddel sagt. Er freut sich jedes Mal, wenn er in den Arbeitspausen zwischen einer Tournee und den Aufnahmen für ein neues Album Hausmann und für seine Kinder da sein kann.

Sie sind alle in einem Alter jenseits der Midlifecrisis, sie müssten aus finanziellen Gründen nicht mehr auf die Bühne treten, aber sie sind noch unterwegs, weil Landstraßen wie die nach Rzeszow für sie eine eigene Romantik entfalten. Weil sie ihre Rituale lieben, wie den Kreis vor jedem Auftritt, wenn sie hintereinander hergehen und dem Vordermann auf die Schulter schlagen, um die Nervosität wegzuklopfen. Weil sie Vertraute sind, die mehr als die Hälfte ihres Lebens miteinander geteilt haben.

Das Hotel in Rzeszow erinnert an die russische Geheimdienstzentrale in einer James-Bond-Persiflage, im Foyer hat man Staubsaugermodelle und Saftpressen aufgebaut. Auch der Konzertort verbreitet einen eigenwilligen Charme, wer in den Akademia Klub gelangen will, muss eine Treppe vier Stockwerke hinauflaufen. Es gibt Sitzecken im Leopardenmuster, griechische Götterfiguren mit gewaltigen Muskeln stützen die Decke. Absperrgitter vor der Bühne sucht man vergeblich.

Die Vorgruppe postiert während ihres Auftritts zwei Wachleute des Veranstalters auf den Boxen. Hosen-Sicherheitschef Manfred Meyer, ein langmähniger Frankfurter mit Oberlippenbart, auch schon dabei, als in Buenos Aires die Bühne einstürzte oder in Kroatien Leuchtspurmunition durch die Halle schoss, grinst verächtlich. Seine Arme sind lückenlos tätowiert, ganz früher traf er zu Straßenkampfzeiten Joschka Fischer. Wenn Meyer einen böse anguckt, möchte man nicht auf seinen Schatten treten.

Nach dem zweiten Lied scheint es, als habe das Publikum vor, den Klub samt Götterfiguren in seine Bestandteile zu zerlegen, und Campino läuft vor Begeisterung zur Höchstform auf. Es wird eine Nacht, in der nie weniger als fünf Fans gleichzeitig über die Bühne torkeln, bis sie Meyer gütig lächelnd zurück ins Publikum schubst, in der jeder, der Campino nahe kommt, ein paar Zeilen ins Mikro grölen darf, in der besonders Mutige mit einem Salto zurück in die Menge stürzen.

Nach mehreren Zugaben hockt die Band, von Schweiß und Bier verklebt, in der Umkleide, und Gitarrist Breit, der Leiseste von allen, sagt in den Raum. „Das ist so eine Nacht, in der du dich fühlst, als ob du fliegen kannst. Dafür tut man das!“

„Weißt du noch, damals in Weil am Rhein?“, fragt Andi, und dann erzählen sie, wie sie Skinheads mit ihrem Schlagzeug konfrontierten und wie es genau aussah, als Kuddel den Hooligan in der Fußgängerzone von Kaiserlautern mit einem Obelix-Schlag umhaute. Dosenbierverschlüsse zischen, und sie erzählen noch die alten Stories, als sie schon wieder im Bus sitzen.

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