Zeitung Heute : Zurück in die Schützengräben

Der Tagesspiegel

Obwohl keine Polizei in grüner Uniform zu sehen ist, ist sie oft trotzdem da. „Genau so wird es auch am 1. Mai sein, tagsüber wirst du kaum einen Polizisten in Grün sehen“, bemerkte ein 50-jähriger Kreuzberger bei einer zweistündigen Podiumsdiskussion in der Emmaus-Kirche am Lausitzer Platz am Mittwochabend. Trotz des Themas „Was wird aus dem Kreuzberger 1. Mai 2002“ und der Teilnahme von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) auf dem Podium flog nicht mal ein Ei, und so standen die etwa 30 Zivilpolizisten, betont unauffällig in sportliches Kreuzberger Outfit gekleidet, am Schluss der Debatte gut gelaunt zusammen.

Trotz der vielen Zivilpolizisten drohte die von knapp fünfhundert Menschen besuchte Veranstaltung wiederholt in Sprechchören und verbalen Attacken unterzugehen. „Kriegstreiber“ wurde in Richtung des Innensenators gebrüllt, „unpolitische Steinewerfer“ blaffte die ehemalige Kultursenatorin Adrienne Goehler zurück. Michael Kronewetter von der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) hatte einen Schirm mitgebracht, „falls jetzt die Eier kommen“. Aber, da die AAB ja für offensive Politik bekannt sei, habe er auch Eier zum Zurückwerfen mitgebracht – und stellte einen vollen Eierkarton vor sich auf das Podium. Dies war einer der wenigen Momente, in denen die Lacher überwogen.

Ansonsten hatten fast alle auf dem Podium und im Publikum ihre altbekannten Schützengräben bezogen. Jeder meinte, „die Kreuzberger an und für sich“ zu vertreten und unterstellte dem jeweiligen Gegner, wahlweise ein „Befriedungsstratege“ zu sein oder einer „unpolitischen kleinen Minderheit“ anzugehören. Selbst dem als Moderator eingesetzten ehemaligen Kreuzberger Baustadtrat Werner Orlowsky platzte einmal der Kragen. „Als du noch nicht geboren warst, habe ich hier schon gearbeitet“, brüllte er einen Punk an. Doch der entgegnete bloß: „Selber schuld – Arbeit ist doch Scheiße“.

Auch der Vertreter des Personenbündnisses „Denk Mai neu“, Peter Grottian, musste feststellen, dass sein Projekt, die seit fünfzehn Jahren existierenden Schützengräben aufzubrechen, auf der Kippe steht. Nicht nur, weil der Innensenator sich weigert, polizeifreie Räume in Kreuzberg zuzugestehen, sondern auch, weil sein Projekt von vielen der Anwesenden als von außen kommend erlebt wird. „Du kannst Zehlendorf politisieren, aber wir brauchen hier keine Entwicklungshilfe“, schallte es ihm aus dem Publikum entgegen. Einzig die AAB, Organisator der 1.-Mai-Demo um 18 Uhr, versucht das Angebot des Personenbündnisses zu nutzen. „Man darf sich als Linksradikaler auch mal in die Niederungen der Realpolitik begeben“, sagte Kronewetter (AAB) dazu. Was denn nun mit der im Koalitionsvertrag vereinbarten Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte sei, fragte er Körting.

Nach zwei Stunden waren viele der Zuhörer so erschöpft, dass sie in die umliegenden Kneipen zogen. Dorthin zogen auch einige der Podiumsteilnehmer, angeführt von Körting, „auf ein Bier“. Die meisten Zuhörer waren sich einig, es wird wie jedes Jahr: „Tagsüber ein tolles und friedliches Fest, bis es eben dunkel wird“. Christoph Villinger

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