Zeitung Heute : Zurück in die Zukunft

Durch gezielte Förderung kehren renommierte Experten aus dem Ausland nach Deutschland zurück.

Mareike Knoke
Hervorragender Ort für Historiker: Eine Professur für Geschichte am renommierten Europäischen Hochschulinstitut in Florenz führte Sebastian Conrad 2007 für drei Jahre nach Italien. Hier ein Blick auf den Dom und die historische Altstadt. Foto: Morgan Fouqueau/Fotolia.com
Hervorragender Ort für Historiker: Eine Professur für Geschichte am renommierten Europäischen Hochschulinstitut in Florenz führte...

Dem „Brain Drain“ – dem vielbeklagten Weggang exzellenter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland an ausländische Universitäten – kann durchaus etwas entgegengesetzt werden: Mit gezielter Förderung etwa durch die German Scholars Organization lassen sich kluge Köpfe wie der Historiker Sebastian Conrad zurückholen.

In Florenz ist das Wetter eindeutig besser als in Berlin. Sebastian Conrad denkt gerne an das milde Klima am Arno zurück. Trotzdem ist der 45-jährige Historiker und Professor am Friedrich-Meinecke-Institut (FMI) der Freien Universität Berlin nach drei Jahren in Italien an die Spree zurückgekehrt – und hat es bislang nicht bereut. Nach Florenz hatte Conrad 2007 eine Professur für Geschichte am dortigen renommierten Europäischen Hochschulinstitut gezogen. Ein internationales Team, hochmotivierte Doktoranden, ein besonderes Forschungsumfeld – die Arbeitsbedingungen waren verlockend. Doch die Freie Universität Berlin hatte schließlich mehr zu bieten: Sie berief den renommierten Experten für Globalgeschichte und Träger des Philip-Morris-Forschungspreises auf eine W3-Professur für Neue Geschichte. Conrads thematischer Schwerpunkt: Er untersucht die Wurzeln und Prozesse der Globalisierung und deren Folgen vom 18. Jahrhundert bis heute. Eine große Rolle spielt dabei der ostasiatische Raum.

„Natürlich hat Berlin als Stadt eine große Anziehungskraft für mich. Für Wissenschaftler gibt es hier großartige Möglichkeiten. Außerdem bietet die Stadt viel Lebensqualität“, schwärmt der ursprünglich aus Heidelberg stammende Conrad. Berlin und die Freie Universität sind ihm bereits vertraut, denn hier erklomm er als Juniorprofessor die ersten Stufen der wissenschaftlichen Karriereleiter. Den Ausschlag jedoch für die Entscheidung, mit seiner Frau und den drei Kindern nach Deutschland zurückzukehren, gab letztlich das attraktive Angebot der Freien Universität Berlin: Die Hochschule warb 2010 bei dem Wissenschaftlernetzwerk German Scholars Organization (GSO) und der Alfried-Krupp-von- Bohlen-und-Halbach-Stiftung eine mit insgesamt 100 000 Euro dotierte „Krupp-Professur“ ein. Diese Summe erhält der geförderte Wissenschaftler, verteilt über fünf Jahre, zusätzlich zu seinem regulären Professorengehalt, und kann sie beispielsweise für zusätzliche Mitarbeiterstellen oder auch Forschungsaufenthalte verwenden. Seit 2006 trägt die GSO gemeinsam mit der Krupp-Stiftung als Geldgeberin dazu bei, exzellente Wissenschaftler aus dem Ausland zurück an den Wissenschaftsstandort Deutschland zu holen. Dieser sogenannte Brain Gain bringt nicht nur international geprägte Forschungsexpertise an die deutschen Hochschulen. Die Forscher haben auch ihr meist umfangreiches internationales Netzwerk im Reisegepäck, von dem die jeweilige Hochschule profitiert.

Welch große Rolle die gezielte Förderung für die meisten der Rückkehrer gespielt hat, belegt eine Umfrage unter allen bislang 52 „Krupp-Professoren“, die die GSO kürzlich auf einem Symposium vorgelegt hat. Daraus geht zum Beispiel hervor, dass 86 Prozent der Rückkehrer parallel attraktive Angebote im Ausland hatten. Und 65 Prozent erklärten, dass sie vor allem die guten finanziellen Bedingungen der Krupp-Professur zur Rückkehr bewogen haben.

Sebastian Conrad hat viel vor am Friedrich-Meinecke-Institut – und er hat in den vergangenen zwei Jahren bereits einiges bewegt. „Durch die GSO-Förderung war es möglich, hier von Anfang an Dinge wie die Vernetzung mit Historikern außerhalb Europas, insbesondere in Korea und Japan, in Angriff zu nehmen", sagt er. „So konnte ich mit den zusätzlichen Mitteln einen Mitarbeiter einstellen, der all diese Vernetzungsaktivitäten koordiniert.“ Zudem erwies sich die Förderung auch als Katalysator und Türöffner, um Drittmittel bei einer koreanischen Stiftung zu akquirieren.

Ein weiteres Vorhaben liegt Sebastian Conrad sehr am Herzen: Im kommenden Wintersemester startet an der Freien Universität der internationale interdisziplinäre Masterstudiengang Global History. Zehn verschiedene Institute sind daran beteiligt – neben dem Friedrich-Meinecke-Institut unter anderem auch das John-F.-Kennedy-Institut, das Lateinamerika-Institut und die Institute für Korea-Studien, für Japanologie, für Sinologie und für Islamwissenschaft. Es gebe kaum eine andere Universität in Deutschland, an der man ein solches Vorhaben so gut umsetzen könne, davon ist Conrad überzeugt: „Global History lebt vom regen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Regionalwissenschaften, die einem helfen, historische Zusammenhänge jenseits der Nationalgeschichte in den Blick zu nehmen. Und diesen Austausch habe ich hier, denn an der Freien Universität und in Berlin insgesamt haben wir eine hohe Dichte an historisch ausgerichteten Area Studies.“

Begeistert ist Conrad auch von den Studierenden: „Die Absolventen des deutschen Unibetriebs können, was Motivation und Selbständigkeit anbelangt, durchaus mit den Doktoranden mithalten, die ich in Florenz unterrichtet habe – vor allem die Studierenden in den Masterkursen.“ Eines beeindruckt Conrad besonders: „Die meisten haben einen großen Drang, über den Tellerrand ihrer Disziplin zu schauen!“

Im Internet:

www.fu-berlin.de/fmi

www.gsonet.org

www.eui.eu

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