Zeitung Heute : Zurück in die Zukunft

Schon in den Anfangsjahren bot die Urania dem Bürger ein multimediales Spektakel – und erfindet sich seither immer wieder neu.

Bettina Mittelstrass

Die ersten Glühlampen, die ersten Telefone – als die Urania 1888 in Berlin gegründet wurde, änderte sich gerade für jedermann die Wahrnehmung der Welt. Wissenschaft und aufstrebende Industrie in Preußen hatten die Elektrifizierung der Stadt möglich gemacht. Der Staat investierte in öffentliche Straßenbeleuchtung oder Nahverkehr. Nach und nach wurde die Massenproduktion der neuen elektrotechnischen Produkte möglich, und sie fanden Eingang in die Haushalte. „Heute würde man das die breite Entfaltung einer Schlüsseltechnologie nennen“, sagt Ulrich Bleyer. Der Direktor der Urania zieht einige Parallelen zur Gründungsphase der Urania vor 125 Jahren.

Eine wichtige Rolle für die wirksame Entfaltung der neuen Technologien spielte damals die Vermittlung von Wissenschaft: Was nutzen technische Errungenschaften und neue mediale Möglichkeiten, wenn sie derjenige, der sie nutzen kann und soll, nicht versteht? „Die Bildung der Menschen hinkte den Entwicklungen hinterher“, sagt Bleyer und sieht in der Gründung einer neuen öffentlichen Bildungseinrichtung einen entscheidenden Schritt, wie er heute erneut Konjunktur hat. „Die Urania Berlin war das erste Science Center der Welt mit revolutionären Formaten.“

Eine öffentlich zugängliche Sternwarte für den Zugang zum Himmel und ein wissenschaftliches Theater zur Darstellung von Naturzusammenhängen auf Erden – so startete die Urania in der Invalidenstraße. Mit hohem medialem Aufwand entstanden dort beeindruckende Bühneninszenierungen, die auf enormes öffentliches Interesse stießen. Es war die Hochphase der Bühnentechnik. Unter den Erbauern der Bühnenprospekte für das Urania-Theater finden sich Namen bekannter Berliner Bühnentechniker, die auch Kulissen etwa für die Berliner Staatsoper konstruierten. Ein besonderes Highlight der Urania waren die wissenschaftlichen Ausstellungen, in denen insbesondere die neuen elektrotechnischen Effekte erklärt wurden. „Das war eine Innovationsschau, die damals schon mit sogenannten Hands-on-Experimenten arbeitete“, sagt Ulrich Bleyer. Um das Verständnis für die technischen Neuerungen zu erhöhen, durften Besucher über Knöpfe und Hebel steuernd eingreifen. Ein damals ganz neues Konzept, so der Urania-Direktor, das längst nicht ausgedient hat: „Wie heute setzte man bei der Wissensvermittlung mit dem ganzen Aufgebot der damals möglichen Präsentationstechnik auf ein multimediales Spektakel.“

Eine private Initiative aus Wissenschaftlern, Industriellen und Bankiers rief die Urania in Berlin ins Leben. Vorreiter war Alexander von Humboldt mit seinen Kosmosvorlesungen, die erstmals einer breiten Öffentlichkeit ein wissenschaftliches Weltbild von Kosmos, Erde und Leben vermittelten. Finanziert wurde die neue Einrichtung dann von den Berliner Bürgern. Der Verkauf von Aktien einer eigens dafür gegründeten Gesellschaft ermöglichte den Bau der Urania. In elf Monaten stand das Gebäude mit drei Sternwartenkuppeln, einem Theater auf dem neuesten Stand der Technik und dem Museumsteil für physikalische und technische Ausstellungen. „Auch diese Kombination aus Wissenschaft, ihrer Präsentation und einer privaten Finanzierung war innovativ“, sagt Bleyer.

Institutionalisiert wurde die Urania nie. Getragen vom größten Verein Berlins mit über 2000 Mitgliedern ist sie bis heute eine Bürgerinitiative und erhält keine öffentliche Grundfinanzierung. Die Bitte des Vereins an die Stadt Berlin um finanzielle Absicherung ist heute die gleiche wie schon im Jahr 1889. Denn die Urania bietet nach wie vor eine passende Antwort auf neugierige Fragen und Verunsicherung in einer von Wissenschaft und Technologie bestimmten Gesellschaft. Noch 1995 war sie die einzige Einrichtung in Berlin, in der Wissenschaft öffentlich wurde. Die wachsende Konkurrenz zeigt nicht zuletzt, dass es ein steigendes Interesse an Orientierung in einer auf Wissenschaft und Technologie basierenden Welt gibt. Rund 200 000 Besucher nehmen jedes Jahr an über 1300 Veranstaltungen der Urania teil. Inzwischen hat sie ihre Ausrichtung geändert: Aus der volkspädagogisch motivierten Vermittlung von Freude an der Naturerkenntnis ist längst eine Plattform für Diskussionen und Dialoge zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit geworden – das Markenzeichen der Urania.

Was kann Wissenschaft eigentlich erklären? „Das ist die viel gestellte Frage, um die sich unsere Veranstaltungen drehen“, sagt Bleyer und betont, dass Sinnfragen an Bedeutung gewinnen würden. Vorträge, Workshops oder Podien zu existentiellen Fragen des Menschseins in der Moderne ziehen die meisten Besucher an. Erkenntnisse der Neurowissenschaften oder zur Wirtschaftskrise, ethische Fragen, Psychologie, Gesundheit und allgemeine Lebenshilfethemen mit anschließender Diskussion sind die Renner an der Urania.

Aber auch Kinder und Jugendliche sind in der Schöneberger „Wissensfabrik“ häufig begrüßte Gäste. Die moderne Entwicklung hin zu Kinderuniversitäten und Schülerlaboren zeigt, dass die Schule den Bedarf an Bildung und Orientierung nach wie vor nicht allein abdecken kann. Kindermusicals und Kino, unterhaltsame Science Slams und Experimentalshows ziehen junges Publikum an. Regelmäßig präsentieren Mitglieder des DFG-Forschungszentrums „Matheon“ hier die spannenden Seiten der Mathematik für Schüler. Und mit der Siemens AG startet in der Urania in diesem Jahr der Teamwettbewerb für technikbegeisterte Mädchen und Jungen: der „RoboCup 2013“.

Trotz härter gewordener Konkurrenz durch neue Science Center allerorten sieht die Urania optimistisch in die Zukunft – „zurück in die Zukunft“, wie Ulrich Bleyer sagt. Denn zu den Zukunftsplänen gehört ein Konzept, das Industrieinnovationen aus Berlin stärker ins Blickfeld rücken will. Mit Vattenfall soll es zum Beispiel um Fragen der Engergiewende gehen. Welche Innovationen gibt es in der Stadt? Wie kommen sie zum Einsatz? „Meine Vision ist, die technischen Seiten der aktuellen Energiewende in Ausstellungen fassbar und erlebbar zu machen“, sagt Bleyer – und das ist bei genauer Betrachtung genau das Konzept, mit dem die Urania einst gegründet wurde.

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