Zeitung Heute : Zurück zu den Anfängen

Die niederländische Literatur hat sich in Deutschland durchgesetzt, wie bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Rolf Brockschmidt

Adriaan van Dis, P. F. Thomése, Thomas Rosenboom sind einige Namen niederländischer Autoren, die in diesem Frühjahr mit ihren Büchern auf dem deutschen Markt erscheinen. Inzwischen kein ungewöhnlicher Vorgang mehr, alle drei gehören zwar nicht zu den inzwischen auch hier längst bekannten großen Autoren wie Harry Mulisch, Cees Nooteboom oder Hugo Claus, „den großen Drei“, – aber auch sie sind bereits mit mehreren ihrer Romane und Erzählungen auf Deutsch erschienen. Jetzt ist Kontinuität angesagt, Autorenpflege. Ja, das geht sogar so weit, dass mit der im vergangenen Herbst begonnenen Veröffentlichung der Gesammelten Werke Cees Nootebooms bei Suhrkamp erstmals ein niederländischer Autor mit einer vollständigen Werksausgabe auf Deutsch geadelt wurde – und was den Vorgang noch spektakulärer macht – bevor man sich in den Niederlanden dazu aufraffen konnte.

Konfrontiert man Niederländer mit dieser Erfolgsgeschichte, verweisen sie gerne auf das Jahr 1993, als die Literatur der Niederlande und Flanderns Schwerpunkt bei der Frankfurter Buchmesse war. Dass die Flamen darin ihre Chance erkannten, liegt auf der Hand. Flamen waren kulturell im Ausland immer in der Offensive, das liegt in ihrer Geschichte der sprachlichen Emanzipation begründet. Aber in den Niederlanden hatte man sich in einem unrühmlichen Streit um die Finanzierung, die deutlich unter dem Wert einer „Frau-Antje-Kampagne“ für Käse lag, mit Hängen und Würgen dazu durchgerungen, die 2,5 Millionen Gulden zähneknirschend zu zahlen. Der Buchmessenschwerpunkt bestätigte einer breiten Öffentlichkeit das Potenzial niederländischer Literatur, aber er wäre ohne die Vorarbeit seit Mitte der 80er Jahre auch kein Erfolg geworden. 1984 erschien bei Wunderlich „Nie mehr schlafen“ des inzwischen verstorbenen niederländischen Romanciers W. F. Hermans und im Jahr darauf von Harry Mulisch „Das Attentat“, von Hugo Claus „Der Kummer von Flandern“ und von Cees Nooteboom „Rituale“. Die Verlage Klett-Cotta und Hanser hatten in dem niederländischen Germanisten Carel ter Haar aus München einen engagierten Berater gefunden, der die gemeinsame PR-Aktion mit einer kleinen hektografierten niederländischen Literaturgeschichte auf Deutsch begleitete, die eine wertvolle Orientierung bot. Dieses Jahr 1986 war der Beginn der Blüte der niederländischen Literatur in Deutschland. Andere Verlage wurden auf niederländische Autoren aufmerksam und mit Hilfe der Übersetzerstiftung in Amsterdam und der Beratertätigkeit von Carel ter Haar wurde die Sprachbarriere überwunden.

Seit den Neunziger Jahren wurden aber nicht mehr nur die großen Nachkriegsautoren übersetzt, sondern auch jüngere Erfolgsautoren wie etwa Leon de Winter oder A. F. Th. van der Heijden, aber auch gefeierte Debüts wurden in Deutschland sofort registriert.

Dieser Trend hält bis heute an und schließt damit an eine Tradition wieder an, die spätestens durch den deutschen Überfall 1940 abrupt unterbrochen wurden. An einer niederländischen Nachkriegsliteratur, die den Krieg zum Thema hatte, war man nach 1945 in Deutschland zunächst nicht interessiert. Zwar hatte es damals Adriaan Morrien geschafft, in die Gruppe 47 aufgenommen zu werden und bereits 1959 wurde „Das steinerne Brautbett“ von Harry Mulisch übersetzt, doch blieben das Einzelfälle, die höchstens den Kennern der Szene aufgefallen waren. Von einer systematischen Übersetzungsstrategie konnte keine Rede sein.

Was wir in den vergangenen zehn Jahren beobachtet haben, ist mehr als eine Normalisierung. Es ist eine Rückkehr zu den Anfängen, als die niederländische Literatur, die sich mit den „Tachtigers“ in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts emanzipiert und erneuert hatte, auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganz selbstverständlich bei den großen deutschen Verlagen wie Ullstein, Fischer, Rowohlt und vielen anderen Verlagshäusern verlegt wurde. Multatuli mit seinem berühmten „Max Havelaar“, wie manche meinen, der einzige Beitrag der Niederlande zur Weltliteratur, Frederik van Eeden („Der kleine Johannes“), Herman Heijermans, Lodewyck van Deyssel und Louis Couperus sind zum Teil wieder verlegt worden, andere Autoren harren noch der Entdeckung..

Vor allem Couperus und Multatuli waren viel gelesene Autoren, Else Otten hatte damals als bedeutende Übersetzerin eine ebenso wichtige Vermittlerrolle wie heute etwa Helga van Beuningen. Mit gutem Grund wurde auch der Else-Otten-Übersetzerpreis gestiftet. Die Zahl der Übersetzer hat zugenommen, ohne sie hätte der jüngste Boom der niederländischen Literatur gar nicht stattfinden können. Dazu zählen Waltraut Hüsmert, Marlene Müller-Haas, Gregor Seferens, Maria Cszollany , Hanni Ehlers und viele andere.

Vergegenwärtigt man sich dann noch, dass Berlin für viele niederländische Schriftsteller nach dem Ersten Weltkrieg ein attraktives Pflaster war, das etwa den Flamen Paul van Ostaijen, den niederländischen Botschaftssekretär Jacob van Oudtshoorn oder Menno ter Braak (Checken) anzog, dann ist es ein gutes Zeichen, dass in der jüngeren Vergangenheit Autoren wie Armando, Cees Nooteboom oder jetzt gerade Oscar van den Boogaard sich für eine längere oder dauernde Niederlassung in Berlin entscheiden. Berlin ist in. Das Programm „Writers in residence“ der Niederlandistik der Freien Universität sowie das große Literaturfestival „Kennen Sie ihren Nachbarn“ im Mai (siehe Kasten) tun vielleicht ihr übriges. Bei aller Freude über die Normalisierung darf man auch nicht vergessen, dass für die niederländischen Verlage der deutsche Markt inzwischen sehr bedeutend geworden ist. Wer hier reüssiert, dem sind auch Übersetzungen in andere Sprachen sicher.

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