Zeitung Heute : Zurück zu den Wurzeln

Die einen sehen in einem Garten nur Blumen, Büsche und Beete. Andere erkennen darin die Seelenlandschaft des Besitzers. Von Jahresringen und einem reisenden Birnbaum.

Susanne Kippenberger

Man kann in den Spiegel gucken und sehen, wie die Zeit vergeht. Oder in den Garten. Rosen wachsen, blühen und verwelken, Bäume zeigen ihre Altersringe, aus den Tulpenzwiebeln wird nie was, Birken vermehren sich, die Hortensie vertrocknet. Und nie, niemals werden die Wiesen der Gegenwart so bunt blühen wie die der Kindheit in der Erinnerung.

Fast ist es zu plump, um es auszusprechen. Aber es gibt kaum ein besseres Sinnbild fürs menschliche Leben, das schließlich im Garten Eden begann und am besten nach dem Tod im Paradies weitergeht.

Rund 40 Jahre, ihr ganzes erwachsenes Leben lang, hat Ulla Lachauer sich nach einem eigenen Garten gesehnt. Immerhin, einen Baum hatte sie schon, ein Monster von einem Baum, ein Ficus benjamini, der die ganze Mannheimer Küche samt Schränken und Fenstern zuwucherte, bis sie ihm mit dem Fuchsschwanz zu Leibe rückte und er zu bluten begann, sie aber tapfer weitermachte, um von der Pflanze nicht verschlungen zu werden. Acht große blaue Müllsäcke hat die Leiche schließlich gefüllt.

Mit diesem Massaker beginnt Ulla Lachauers Buch „Der Akazienkavalier“, das kürzlich bei Rowohlt erschienen ist (19,90 Euro), eine vergnügliche, berührende Sammlung „Von Menschen und Gärten“, wie es im Untertitel heißt. Es sind literarische Erzählungen von realen Menschen wie Veronika Zimmermann, der blinden Gärtnerin aus dem Markgräflerland, die nichts sehen, aber umso mehr riechen, hören und fühlen kann, von alt gewordenen Hitlerjungen, die als Kriegsgefangene auf französischen Bauernhöfen arbeiteten, von der eigenen Familie.

Was Ulla Lachauer, rothaarig und sommersprossig, am schönsten fand als Kind: „das Rausrennen zu jeder Jahreszeit“. Das Gefühl von Freiheit, selbst wenn im Haus dicke Luft war. Zwischen Dahlien und Rittersporn, Margeriten und Hortensien ist die Westfälin groß geworden, in der Hecke lag ihr Versteck; der Vater war Herr über Spargel und Rosen, die Mutter fürs profanere Gemüse zuständig, jedes der vier Kinder hatte ein Beet.

Nun endlich hat die 57-Jährige einen eigenen kleinen Garten: im dritten Stock. Vor ein paar Monaten ist sie mit ihrem Mann nach Stuttgart gezogen, und weil die Stadt an so steilen Bergen liegt, kann Lachauer nun hinten raus aus der Wohnung in den Garten am Hang spazieren. Sie wohnt am Bopser, was nichts anderes als Hügel heißt und ihr vorneraus einen großartigen Blick über die Stadt beschert.

Auf der Terrasse ist der Frühstückstisch gedeckt, zwischen der Bollhagen- Keramik liegt noch das Buch, in dem Ulla Lachauer gerade gelesen hat, Oliver Sacks über Farne, genauer: über „Die feine New Yorker Farngesellschaft“. Das ist es auch, was sie selber interessiert, das Menschliche, nicht das Botanische. Es geht ihr nicht darum, wie man Rosen beschneidet, sondern welche Erinnerungen Rosen auslösen, was sie einem Menschen bedeuten, wie er sie behandelt. Dass sie selber Gladiolen nicht leiden mag, dafür, das weiß sie genau, können ja die Blumen nichts, daran ist Großtante Minchen schuld. In ihrem Buch spaziert sie durchs Leben, das eigene und das ihrer Figuren, wie durch einen Garten, schweift ab, kehrt zurück, läuft hin und her zwischen Geschichte und Gegenwart, eine Schicht nach der anderen wird freigelegt.

Manche ihrer Figuren haben gar keinen Garten, sondern nur wie Colette einen Blick in den Park. Ulla Lachauer hat einen „Geschenkegarten“, wie sie ihn nennt, fast alles, was hier in Töpfen und Beeten steckt und nicht ohnehin schon da war, hat sie von anderen bekommen, Freunde haben ihr riesige Margeriten geschenkt, weiße Gartenstühle, Samentüten aus Norwegen mitgebracht. So richtig geplant ist da nichts, die Vorstellung, überrascht zu werden von dem, was kommt – oder auch nicht –, gefällt ihr.

So ähnlich ist auch ihr Leben gelaufen, nicht allzu ordentlich und durchgeplant, immer offen für Überraschungen. Geschichte und Politik hat Ulla Lachauer studiert, „also eigentlich nichts gelernt“, und als ihr Doktorvater Anfang der 80er vorschlug, mach doch was über Vertriebene, da hat sich ihr, die so tief im Westfälischen verwurzelt ist, plötzlich ein Tor zu einer völlig neuen Welt geöffnet. So hat sie das Memelland für sich entdeckt, „das klang schon so schön, so weich, nach Elchen und Schwänen“.

Ihre linken Freunde erklärten ihr „Du bist ja plemplem“, die Rechten bedrohten sie, weil da jemand von außen einen frischen, ideologiefreien Blick auf ihre Welt, die Welt der Vertriebenen warf. Dass sie damals gar nicht nach Ostpreußen fahren konnte, gerade das hat sie gereizt. Durch Lektüre und Gespräche kannte sie jeden Kirchturm, ohne je dort gewesen zu sein, sie hat es genossen, das Reisen in Gedanken, so wie sie es dann genossen hat, als die Tore sich real öffneten. Mit eigenen Augen sah sie nun diese vom 20. Jahrhundert so gebeutelte Landschaft, „das war von einer solch grandiosen Traurigkeit, da war man einfach fassungslos“.

Mit der Wende wurde die Expertin mit dem abseitigen Thema plötzlich journalistisch heiß begehrt. „Das ist, als wenn man beim Pferderennen auf die lahmste Mähre setzt, und die läuft als Erste ein.“ Es war die Zeit von der sie, das Wohlstandskind, sagt: „Da bin ich richtig erwachsen geworden.“ Dankbar ist sie für die vielen Begegnungen mit starken Menschen, bei Dreharbeiten für den WDR traf sie Lena Grigoleit. Auf der Suche nach jemandem, der noch aus deutschen Zeiten stammte, war sie, mitten in der Pampa, zu dem Haus mit den vielen Dahlien geschickt worden. Die ostpreußische Bäuerin wurde die Heldin ihres ersten Buches „Paradiesstraße“.

Viele ihrer Interviews, stellte Ulla Lachauer irgendwann fest, fanden im Garten statt. Ihre Gesprächspartner im Osten hatten alle einen, aus der Not heraus, um sich selbst zu versorgen, aber auch, weil er etwas Schönes war, etwas sehr Persönliches. Das ist etwas, was Lachauer besonders gefällt: dass der Garten etwas so Eigenes, Freies ist. Eine Seelenlandschaft, ein Zwischenreich zwischen drinnen und draußen: unter freiem Himmel, aber geschützt vor der Öffentlichkeit. Offenbar redet es sich dort besonders leicht, auch über schwere Dinge.

Das Memelland, Lenas Familie ist ihr, die durch ihre Arbeit so nomadisch lebt, zum Zuhause geworden. Die Wärme, die Direktheit, mit der sie empfangen wird, die Puschen, die sie zur Begrüßung kriegt, „Hast du Hunger, hast du Durst, möchtest du schlafen – in diesen Grundbedürfnissen wahrgenommen zu werden und nicht gefragt zu werden, was für einen Beruf hast du, welche Stellung in der Gesellschaft, kannst du uns nützlich sein“: Das liebt sie, ohne zu verklären. Der Schrecken des 20. Jahrhunderts, Hitler, Stalin, all ihre Nachfolger, nirgends sind sie so präsent wie in den Gegenden und Familien, von denen sie erzählt, mit großer Bodenständigkeit und trockenem Humor.

Auch der Garten ist bei Ulla Lachauer nie eine unschuldige Idylle – eher so störrisch und lebendig wie die blinde Gärtnerin. In vielen Erzählungen spielt der Krieg eine tragende Rolle. Zum Romantisieren neigt die überzeugte Städterin sowieso nicht; sie ist ein Landkind. Eine sterile Umgebung macht ihr mehr aus als die Horden fetter Kakerlaken, die bei einem wochenlangen Aufenthalt in Odessa durchs Hotelzimmer laufen, die kannte sie schon aus New York „und wusste daher, dass das Einzige, was wirklich hilft, ist, die Augen zu schließen“. Die Mäuseplage wäre ihr auch lieber gewesen als der Katzenurin, der das ganze Hotel durchdringt. Umso mehr weiß sie den frischen Duft der Akazien am frühen Sonntagmorgen in den Straßen Odessas zu schätzen.

Im Grunde, so Lachauers These, sind wir ja alle Bauern, im Stammbaum hat jeder einen – wenn es nicht wie bei ihr der Großvater ist, dann bestimmt der Urururgroßvater. Ihr Vater war Landarzt, aber erst wenn er mit Gummistiefeln durch den Garten stampfte, war er das, was er am liebsten geworden wäre: Bauer. Dass er es nicht werden konnte, ist seine Tragödie, der Garten sein Refugium.

Das Leben, sagt Lachauer mit ihrer fast mädchenhaften Stimme, sei für sie ein ständiger Wechsel von Abenteuerlust und Schutzbedürfnis. Der eigene Garten sei für sie ein Zeichen von Innehalten. Von ihrer Mutter hat sie erst mal „ein Gartenbuch für Doofe“ geschenkt bekommen, aber zum Gärtnern hatte sie bisher dann doch kaum Zeit. Es gab so viel anderes zu tun, Kisten auspacken, Texte schreiben, Dokumentarfilm drehen, auf Lesereisen gehen. Von unterwegs bringt sie dann neue Geschenke mit. „Klapps Liebling“ zum Beispiel, den noch schmächtigen Birnbaum, der – wie ein Lagerfeuer umringt von ein paar Stühlen – auf der Wiese steht. Den hat ihr der Oberbürgermeister von Ahlen persönlich nach der Buchpremiere überreicht, damit hat sie dann ihre Lesereise fortgesetzt. Wer glaubt, in Begleitung von Kindern schnell ins Gespräch zu kommen, der ist noch nicht mit einem Birnbaum Bahn gefahren. „Das war unglaublich kommunikativ.“

Unterm Birnbaum sitzen im Buch auch Hanna und ihre Schwestern, trinken Bier und erzählen, am liebsten alle gleichzeitig. Hanna, das ist Lachauers offenbar äußerst muntere westfälische Schwiegermutter. Mit diesem Baum, den ihr Vater nach dem Ersten Weltkrieg pflanzte, fing alles an. Er steht heute noch, und auch wenn er knorrig ist, haben die alten Schwestern ihn gern. „Er muss ja nicht schön sein. Er muss nur da sein.“

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