Zeitung Heute : Zurück zum Feind

Der Schiitenführer al Sadr schien seine Interessen mittlerweile gemäßigt zu vertreten. Jetzt wird er wieder zur Gefahr für den Irak

Andrea Nüsse

Die USA hatten den Schiitenführer Muktada al Sadr nicht mehr auf der Fahndungsliste. Jetzt umstellten sie sein Haus und lieferten sich wieder Gefechte mit seinen Anhängern. Was steckt dahinter?

Täglich gibt es Anschläge auf US-Soldaten im Irak. Angriffe auf irakische Polizisten und Sicherheitskräfte nehmen massiv zu. Und nun liefern sich in der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf US-Truppen auch noch wieder Kämpfe mit der Miliz des radikalen Schiitenführers Muktada al Sadr und umstellen dessen Haus. Der Irak scheint in eine Situation zurückzufallen, die als überwunden galt.

Und die Frage ist: Warum suchen die US-Truppen jetzt wieder die Auseinandersetzung mit al Sadr? Hat der Schiiten-Prediger mit neuerlichen Provokationen den Zorn der USA auf sich gezogen? Ist er an sich eine Gefahr für Ruhe und Ordnung im Lande? Oder hat ein Sprecher al Sadrs nach seiner Festnahme am vergangenen Sonnabend womöglich etwas ausgeplaudert, das ein sofortiges Einschreiten nötig machte?

Anfang April begannen zum ersten Mal die Kämpfe zwischen der „Mahdi“-Miliz des Schiitenführers und den US-Truppen. Kämpfe, die monatelang andauerten, nachdem, wie jetzt wieder, ein Vertrauter al Sadrs festgenommen und sein Sprachrohr, die Zeitung „Hawza“ geschlossen wurde. Kämpfe, die aber vor wenigen Wochen mit einem Waffenstillstand beigelegt wurden. Damit schien die größte Gefahr eines massiven und von wichtigen Bevölkerungsschichten getragenen Aufstands gegen die ausländischen Truppen gebannt worden zu sein. Wenn dieser Konflikt nun wieder aufzuflammen droht, ist dies umso erstaunlicher, als die Zeichen nach der Einsetzung der irakischen Interimsregierung zunächst auf Versöhnung im Lande standen – und der Irak alles braucht, nur keine Märtyrer vom Kaliber eines Sadrs.

Nun ist al Sadr ein ausgesprochen wankelmütiger Mensch, dessen Unzuverlässigkeit als Verhandlungspartner eine Quelle dauernden Ärgernisses ist. In dem Waffenstillstandsabkommen vom Juni war Sadr von irakischer Seite Straffreiheit zugesagt worden, obwohl ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt. Sadr hatte daraufhin verkündet, seine Bewegung werde eine politische Partei gründen und die Waffen ruhen lassen. Der neue Präsident, Ghasi al Jawar, hatte dies als „kluge Entscheidung“ begrüßt und Sadr zugesichert, dass er eine politische Rolle spielen könne, wenn er seine Miliz auflöse.

In einer weiteren Kehrtwende hatte Sadr sogar die von den USA eingesetzte Regierung anerkannt. Und er verurteilte die von ausländischen Islamisten begangenen Gewalttaten im Irak. Damit schien er sich der Position von Regierungschef Allawi anzunähern, der einen Keil zwischen den nationalen irakischen Widerstand gegen die Besetzung und den Terror islamistischer Gruppen treiben wollte. Doch der etwa 30-jährige Schiitienführer, der keinen nennenswerten religiösen Rang innehat, aber eine Art Lumpenproletariat in Bagdad zu mobilisieren versteht, änderte seine Position wenig später erneut: Anfang Juli kritisierte er eben jene Regierung als „illegitim“ und rief zum Widerstand gegen die andauernde Besetzung auf.

Dass Sadr derart widersprüchliche Erklärungen abgibt und seine Linie immer wieder ändert, mag daran liegen, dass der politisch Unerfahrene sich mit ebenso jungen und hitzköpfigen Beratern umgibt. Möglich ist auch, dass er wie andere Gruppen des „nationalen Widerstands“ enttäuscht über den neuen Regierungschef Allawi ist. Der spricht zwar von nationalem Dialog, erließ aber zuerst einmal eine Reihe drakonischer Sicherheitsgesetze.

Die Beweggründe der US-Truppen für das Vorgehen gegen Sadr bleiben letztlich ebenso undeutlich wie das bisherige Verhalten der irakischen Übergangsregierung unklar: Wird Allawi, wie in der Vergangenheit angedroht, tatsächlich gegen Sadr und seine Miliz vorgehen, wenn der sich nicht einordnen will? Eine für Juli geplante nationale Versammlung fand zwar nicht statt – doch warum war für Sadrs Bewegung unter den 1000 Delegierten nur ein einziger Platz vorgesehen?

Sollte Allawi sich jetzt da der nationale Dialog noch nicht einmal richtig in Gang gebracht wurde, für eine Konfrontation mit Sadr stark genug fühlen, so dürfte das eine Fehleinschätzung sein. Zumal er nur auf die ausländischen Truppen zurückgreifen kann, was ihn als „Kollaborateur“ der USA erscheinen ließe und Sadr weitere Sympathien bescheren würde. Sollten andererseits die US-Truppen eigenmächtig einen Strategiewechsel im Umgang mit Sadr beschlossen haben, ohne das mit Allawi abzustimmen, hätte die Interimsregierung auch jede Gaubwürdigkeit verloren.

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