Zeitung Heute : Zurückbleiben

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Vor ein paar Tagen überfiel mich ein schreckliches Gefühl. Wir saßen zu viert im Restaurant und der eine am Tisch erzählte von Hongkong, dass er dort demnächst leben werde, in einem Apartment im 43. Stock, der zweite sprach von einem Forschungsprojekt in Niger und davon, dass er vielleicht nach Dänemark ziehen will, weil er als Wissenschaftler in Berlin, überhaupt in ganz Deutschland, keine Chance habe. Und die dritte hatte gerade ihr Ticket Berlin - Kopenhagen gekauft, um die Stadt mal zu testen, weil sie da vielleicht mal längere Zeit verbringen will. Und ich? Kein Ticket, kein Plan, kein nix. Immobil hockte ich zwischen den Fortstrebenden, sagte „toll“ und „echt?“ und „wow!“. Das war alles. Es war furchtbar.

Ein paar Abende später rief im Fernsehen ein Talkgast von Frau Christiansen, wir alle sollten flexibler werden, mehrere Jobs haben, umschulen, raus aus dem Üblichen. Ich schluckte. Schon wieder! Und ich? Hockte vor dem Fernseher und bediente das Gerät mit Fernbedienung, das Gegenteil von beweglich. Ganz offenbar habe ich den „Los, wir machen jetzt alle mal was anderes“-Startschuss verpasst. Mir wurde mulmig. Am nächsten Abend beschloss ich, nicht fernzusehen sondern ins Kino zu gehen und einen ganz neuen Film zu gucken. „Vier Minuten“. Das passte gut zu meiner Stimmung, aber als ich am Kino ankam, waren alle Karten ausverkauft. Da will ich nun mal beweglich sein, dachte ich, und dann hätte ich reservieren sollen. Oder früher aufstehen? Schweiß brach mir aus. Woher wussten all die anderen, dass sie früh kommen müssen? Welche Signale emfangen meine Freunde aus dem Restaurant, dass sie alle nahezu zeitgleich das Land verlassen wollen? Was verpasse ich hier gerade?

Auf dem Weg nach Hause stand ich an einer roten Ampel. Irgendwann fuhr der Wagen vor mir einfach los. Über die rote Ampel. Kurz zuckte es in meinem Fuß: Hinterher! Endlich ein Mobilitätsanfall, bei dem ich mithalten kann. Aber dann blieb ich doch stehen und brütete weiter.

„Vier Minuten“ im Yorck-Kino, 20 Uhr, Vorbestellung kann nicht schaden, Tel: 78 91 32 40

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