Zeitung Heute : Zurückgeschossen aus der Hüfte

„Da wohnt der Kerl“ – was der Junge-Union-Chef Mißfelder seit seiner Alten-Schelte alles aushalten muss

Peter Siebenmorgen

Als Philipp Mißfelder am frühen Mittwochabend an die Tür jenes Hauses in Berlin-Moabit gelangt, in dem er seine Studentenbude hat, begrüßt ihn ein vertrautes Gesicht. Ein großer Zeitungsausschnitt, illustriert mit einem riesigen Porträtfoto, hängt als Blickfang an der Pforte. Wen das Bild darstellt, erkennt man schon von weitem: Er ist es selbst, und die Geschichte, um die es geht, ist die Sache mit den künstlichen Hüftgelenken. „Da wohnt der Kerl“, hat einer in großen Lettern über den Bericht geschrieben, auf dass der Volkshass weiß, an welcher Adresse er sich austoben kann.

Am Wochenende hatte Mißfelder, der Bundesvorsitzende der Jungen Union, im Tagesspiegel erklärt, dass in Zukunft nicht mehr alle Aufwendungen für die Gesundheitsvorsorge im gewohnten Umfang von den Krankenkassen bezahlt werden könnten. Die Menschen müssten sich darauf einstellen, mehr Eigenvorsorge zu leisten. Mißfelder sagte, er halte nichts davon, dass 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen. „Früher sind die Leute auch auf Krücken gelaufen.“

Seither ist die Aufregung groß: Dutzende Morddrohungen sind in der Bundesgeschäftsstelle des Jugendverbands von CDU und CSU eingegangen. Und im Wohnquartier der Eltern fährt die Polizei Sonderstreifen. Am schwersten lastet aber der politische Druck auf Mißfelder: Er soll sich entschuldigen, die Klappe halten, Angela Merkel nicht den Urlaub verhageln und Edmund Stoiber nicht die Wahl. Umgekehrt wollen alle Medien von ihm unbedingt noch einmal das Gleiche hören.

Mißfelder erhält zwar auch viel Zuspruch, gerade aus der jüngeren Generation, über Parteigrenzen hinweg und – besonders selten in der Politik – sogar von Gegnern aus den eigenen Reihen. Und doch wird der Druck aus der Union auf ihn allmählich unerträglich. Hier finden die meisten seinen anstößigen Anstoß, endlich Klartext zum Thema Generationengerechtigkeit zu reden, eigentlich richtig. Aber wir wollen dabei bitte keinem wehtun!

Und immer an die Wähler denken, vor allem die aus Bayern, die im September ihren Stoiber wieder wählen sollen. Nicht, dass der plötzlich seine Wiederwahl gefährdet sähe, vielleicht aber doch die Größe des X in seiner Formel „55 Prozent plus X“. Seit Tagen jedenfalls kriegt sich der CSU-Chef vor Aufregung gar nicht mehr ein. Keine Telefonat mit den Kollegen von der CDU vergeht, wo er nicht wegen Mißfelder wütet. Und am Donnerstag dann auch öffentlich: Mißfelder solle sich mit der katholischen Soziallehre vertraut machen, dann werde er nicht mehr solchen „Unsinn“ reden, donnert es aus München.

Am Ende dieser Woche merkt man dem zwei Meter großen Jungpolitiker schon an, dass er die ganzen Aufregungen nicht einfach cool wegstecken kann. Nach jedem Fernsehauftritt ist er heilfroh, wenn er es hinter sich hat. Er fühlt sich gejagt – am meisten von den eigenen Leuten.

Jetzt reuig den Rückzug einleiten, das würde fürs Erste einiges einfacher machen: Ein herausoperiertes Rückgrat kann nicht mehr schmerzen. Aber irgendwie würde dann doch etwas fehlen. Wie will er da durchkommen? „Es tut mir leid, dass ich Gefühle verletzt habe“, sagt er. „Aber an meinem Thema Generationengerechtigkeit halte ich fest.“ Auch wenn sie in München toben, seinen Schneid abkaufen lässt er sich nicht: „Ich äußere mich gern zu Sachfragen“, sagt er noch am Donnerstagabend, „aber als einen solchen Beitrag habe ich Stoibers Bemerkung nicht verstanden.“

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