Zeitung Heute : Zurückgeschossen

„Tal der Wölfe“, ein türkischer Film über den Irakkrieg, erhitzt Deutschland

Deike Diening Suzan Gülfirat

Die Männer sind auf der Hut. „Wie, ihr seid nur zu zweit hier?“, fragen sie entgeistert. Sie jedenfalls haben Bewacher mitgebracht. „Wir wollen nicht, dass unsere Ausrüstung wegkommt.“ Ganz klar, Sat1 ist auf Mission im Ausland, und es könnte gefährlich werden im Kino Alhambra, Seestraße, Wedding, Berlin, Dienstag, 20 Uhr 15. Zur Sicherheit sind sie mit einer Hand voll Hünen gekommen.

Während sich die cineastische Aufmerksamkeit auf die Berlinale konzentriert, hat das Alhambra im Wedding seine ganz eigene Sensation: Der türkische Film „Irak – Tal der Wölfe“ hat in der ersten Woche 5500 Besucher angezogen, in Neukölln 8000. Er läuft in zwei Sälen, Originalfassung mit Untertiteln, am Wochenende gibt es sechs Vorführungen täglich. So erfolgreich war noch kein türkischer Film, sagt der Theaterleiter Arndt Karcher, und dabei zeigen sie hier schon seit zweieinhalb Jahren Filme aus dem Land. Es ist der teuerste Film, der in der Türkei je gedreht wurde, und war dort wochenlang ausverkauft.

In Berlin soll es heiß hergehen, so stand es auch in dieser Zeitung. Die Zuschauer würden am Ende aufstehen und „Allah ist groß“ skandieren. Der Film schüre „den Kampf der Kulturen“ und enthalte einen „Aufruf zum Kampf“. Alarmiert senden die Medien ihre Kundschafter in die Kinos, auf der Suche nach dem Bild, das diese Artikel gezeichnet haben.

Ganze Familien, Väter mit ihren Söhnen und Tanten und Onkeln ziehen in den Kinosaal eins, ausgerüstet mit Süßem und Saurem. Der Film läuft seit Donnerstag letzter Woche, aber der gebürtige Hesse Orkum Ülger, 20, sieht ihn schon zum zweiten Mal. Er ist mit seinem Vater gekommen, der, als der Film in der Türkei anlief, eine geschlagene Woche keine Karte bekam. „Der Film zeigt die Wahrheit“, sagt er, „die Geschichten gab es ja alle in den Nachrichten!“ Er hat einen Liter Cola und die größte Größe Popcorn im Arm. „Die Szene mit dem Organhandel – erinnern Sie sich an die Meldung? – Und Abu Ghraib!“ Wahr ist auch, dass die Amerikaner am 4. Juli 2003 den Stützpunkt der Türken im Nordirak stürmten und die Männer mit Kapuzen über dem Kopf zum Verhör führten. Die Türken, Nato-Partner, sind tief verletzt.

Dies ist der wahre Ausgangspunkt für den Film. Der türkische Agent Polat soll die Schmach rächen – und tut das mit James-Bond-artiger Coolness. „Rambo ist der Held der Amerikaner“, hat der Hauptdarsteller bei der deutschen Premiere gesagt. „Ich bin der Polat der Türken.“ Er spielt nun in einem Film, der tatsächliche Kriegsnachrichten zu einem fiktiven Werk verrührt. Orkum Ülger findet, dass einer mal die andere Seite erzählen muss. Wenn ihm die Beine nicht weh tun, geht er in die Moschee, sonst macht er sein Fachabi in Charlottenburg. „Ich bin sicher, dass mir in diesem Film nichts vorgegaukelt wird.“ Auch hätten die Amerikaner eine Hochzeitsfeier hochgehen lassen und die Feiernden als Terroristen abgeführt. „Aber ich erzähle ja schon den ganzen Film…“

Die Türken kaufen nicht etwa nur deshalb so begeistert Karten, weil einmal Amerika der Unhold ist. „Tal der Wölfe“ ist auch eine beliebte Fernsehserie, die in der Türkei seit drei Jahren unter dem gleichen Namen läuft. Den schnittigen Helden Polat kennt das ganze Land. Für zwei Folgen haben sie als Gaststar sogar Sharon Stone verpflichtet, die Millionen bekommen haben soll, ihn nach Drehbuch zu küssen.

Aber jetzt geht das Licht aus und mit der traurigen Bitterkeit eines enttäuschten Liebhabers erzählt der Film, wie die Türken von den Amerikanern abgeführt werden. Das Publikum schweigt. Der Agent Polat setzt daraufhin den Oberbefehlshaber und Oberbösewicht der USA, Sam, unter Druck. Sie sitzen in einem evakuierten Hotel, der Sprengstoff an den Säulen und unter dem Sitz ist mit einem Knopfdruck zu zünden. Polat bestellt erst mal beim Kellner einen amerikanischen Apple Pie. Die Zuschauer lachen. Betende werden gefoltert, Gefängnisszenen. Ein Selbstmordattentäter richtet auf einem Marktplatz ein Blutbad an. Ein Amerikaner durchlöchert von außen einen Lastwagencontainer, der voller Menschen ist. Der Saal schweigt entsetzt. Die Männer ziehen ihre Frauen fester an sich. Sie sind still und gespannt, mal raschelt eine Chipstüte. „Nicht schießen, das macht doch Krach“, sagt ein ängstlicher Verschwörer im Film. Da lachen sie über den Trottel aus den eigenen Reihen.

Die Amerikaner auf der Leinwand stiften Unfrieden zu ihrem eigenen Vorteil und „evakuieren“ sicherheitshalber die Ortschaften um die Ölquellen. Hier ist das Christentum fanatisch und der Islam zeigt seine gütige Seite. Dessen Held ist der weise Scheich Kirkuki, der beweist, warum Selbstmordattentäter zweifach gegen den Koran verstoßen. Und wenn sie brutal zu ihren Geiseln sind, fragt er: Von wem habt ihr das denn gelernt?

Dem Film wurde vorgeworfen, er sei einseitig aus der Perspektive der Türken geschrieben. Aber sicher, so denkt man im Dunkeln, muss er das sein: Die Türken haben vom Hollywoodkino gelernt, dass ein Film nicht funktioniert, wenn er den Bösewicht so lange ausdifferenziert, bis man ihn leiden kann.

„Wenn in den Nachrichten bei einem Selbstmordattentat elf Leute sterben, schalten sie um, aber hier im Kino kommt jetzt das Fernsehen,“ wundert sich einer. Als die Saaltüren aufgehen, steht draußen schon das deutsche Privatfernsehen mit leuchtender Lampe. „Sie als Frau,“ ruft der Fernsehmensch, „es soll ja ein sehr grausamer Film sein. Wie fanden Sie den Film?“ Eine junge Frau mit Kopftuch dreht sich auf der Treppe um: „Jetzt interessiert mich mal: Wie fanden Sie denn den Film?“, fragt sie. Er zögert nur kurz: „Also ich habe ihn nicht gesehen …“

Das ist so ein Moment spontaner Klarheit. Darüber, was eigentlich die Wahrheit sein könnte, an diesem Film und der Aufregung über die Aufregung. Dass kaum einer sich die Mühe macht, die andere Seite genau zu betrachten. Dass es vielleicht gar nicht um Rache geht, sondern darum, die andere Perspektive zu erzählen. Wie Bilder sich verselbständigen.

„Ich rate ihnen“, ruft die Frau im Kopftuch, „gucken Sie sich den Film an und bilden Sie sich ein eigenes Urteil.“ Von diesem Moment an sieht der Moderator aschfahl aus, als hätte ihm jemand einen Magenschwinger versetzt. Seine Fragen stellt er nur noch mechanisch.

Die Leute, die sich jetzt im Foyer zerstreuen, wirken gar nicht aufgewiegelt, sondern auf eine Art wie erlöst. Sat1 glaubt immer noch an die Gewaltorgie. Und wer, muss man fragen, hat jetzt eigentlich was geschürt?

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