Zeitung Heute : Zurückschauen

Lars von Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Kaum vorzustellen, dass es in Prenzlauer Berg mal eine Zeit gab, in der sich nicht mindestens 200 Kneipen mit dem Vorsatz „Szene-“ schmückten. Natürlich, dass die Straßen rund um Kollwitz- und Helmholtzplatz nicht schon immer so voller Bars und Cafés und Restaurants waren wie jetzt, ist auch mir als zugezogenem Westler klar. Aber eine richtige Vorstellung vom gastronomischen Vorwendeleben in dem Viertel habe ich erst vergangene Woche bekommen. Da wohnte ich einer Erinnerungsstunde bei, in der ein paar Alteingesessene Anekdoten von früher erzählten. Anlass war, dass der Bebra-Verlag ein Buch mit Geschichten rund um den Helmholtzplatz herausgebracht hat.

Reinhard Kraetzer, freier Autor und früherer Bürgermeister von Prenzlauer Berg, hat in dem Buch die faszinierende Geschichte einer Gaststätte in der Lychener Straße beschrieben, die in den 70er Jahren die einzige Szenekneipe von ganz Ost-Berlin war, wie er sagt. Keglerheim hieß der Laden damals, vor kurzem wurde er als „August Fengler“ wiedereröffnet. Im Keglerheim trafen sich in den 70ern Künstler, Studenten, Arbeiter – ein Ort, der klassenloser war, als es die DDR je gewesen ist, wie Kraetzer sagt. Sehr persönlich beschreibt er die Abende zwischen Bollerofen und Kegelkeller, erzählt von Tresen-Kontakten mit bekannten Musikern, Republikflüchtlingen oder der Stasi – und alle schicken Cocktailbars und exotischen Restaurants, die heute die Straße säumen, erscheinen plötzlich ganz langweilig.

Dass manche vermeintliche Idylle der Vorwendezeit natürlich in erster Linie der Not zu verdanken ist, davon erzählt die Schriftstellerin Annett Gröschner. Ihre Lieblingskneipe Torpedokäfer wurde ihr in den 80er Jahren zu ihrer zweiten Heimat, weil sie zur Untermiete in einer Einzimmerwohnung lebte, die von der Hauptmieterin oft als Liebesnest genutzt wurde. War es mal wieder so weit, ging Annett Gröschner eben in den Torpedokäfer, dessen Barmann sie im Buch einen Text gewidmet hat. Vielleicht ist es ja dieses gewisse Etwas, das den heutigen Möchtegern-Szenekneipen fehlt: Man kann hingehen, muss aber nicht.

Bernt Roder/Bettina Tacke (Hrsg.): Prenzlauer Berg im Wandel der Geschichte. Leben rund um den Helmholtzplatz. Bebra-Verlag, 290 Seiten und CD mit Interviews, 15,90 Euro.

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