Zeitung Heute : Zusammen bauen

Bis zu 40 000 neue Jobs soll das lange umstrittene Riesenprojekt bringen. Die Baubranche ist skeptisch. Regionale Unternehmen können im Vergabeverfahren nur erfolgreich sein, wenn sie in Bietergemeinschaften antreten

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Von Flora Wisdorff Als das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig im März endlich grünes Licht für den Bau des neuen Großflughafens Berlin Brandenburg International (BBI) gab, war die Erleichterung groß. Das Zwei-Milliardenprojekt soll bis zu 40 000 Arbeitsplätze in der Region Berlin-Brandenburg schaffen. In der Startphase wird vor allem die Baubranche profitieren – sagen zumindest die Politiker. Jetzt, wo die Projekte nach und nach ausgeschrieben werden, steht die Frage im Raum, wie sich die Firmen aus der Region am Bau beteiligen können. Auf der einen Seite fürchtet die Baubranche, aufgrund der Vergabeverfahren schlechte Karten zu haben. Auf der anderen Seite bemängeln Experten, die Regionalunternehmer täten selbst zu wenig dafür, um im freien Wettbewerb die Aufträge zu ergattern.

Der Präsident der Berliner Fachgemeinschaft Bau, Burkhard Wenkel, ist davon überzeugt, dass die Unternehmen aus der Region Berlin-Brandenburg unterproportional vom Bau des BBI profitieren werden. Seine Befürchtung: Die Großunternehmen, die als Generalunternehmer den Zuschlag für die großen Lose wie etwa den Bau der Startbahn erhalten, werden als ihre Subunternehmer kaum Mittelständler von hier beschäftigen.

Denn die seien mit ihren Mindestlöhnen zu teuer. „Mit ausländischen Subunternehmen und Schwarzarbeitern können wir nicht konkurrieren“, sagt Wenkel. Sein Ausblick ist pessimistisch: „Der Bau des BBI wird bei der jetzigen Auftragsvergabepraxis keinen Effekt auf die Beschäftigungszahlen in der regionalen Baubranche haben“, sagt Wenkel.

Die Generalunternehmer, die den Zuschlag für die großen Lose ziehen, suchen sich selbst wiederum Subunternehmen aus, die für sie bauen. Während es sich bei der Vergabe der Lose an die Generalunternehmer um eine öffentliche, europaweite Ausschreibung handelt, können sich die Generalunternehmer dann selbst Auftragnehmer aussuchen.

In den Verträgen mit der Berliner Flughafengesellschaft wird ihnen empfohlen, sich Firmen aus einem regionalen Pool auszusuchen. In einem „Bieterverzeichnis“ sollen alle Unternehmen aus der Region aufgelistet werden, die sich um Aufträge bewerben. Wenkel fordert, dass den Generalunternehmern, die dieser Empfehlung nicht folgen, Vertragsstrafen angedroht werden sollten.

Das lehnt die Flughafengesellschaft jedoch ab. „Wir leben in einer freien Marktwirtschaft und wir brauchen einen gesunden Wettbewerb“, sagt Ralf Kunkel, Sprecher der Berliner Flughäfen. Wenkel zufolge lehnt die Flughafengesellschaft die Verpflichtung ab, weil die Generalunternehmer dann günstiger arbeiten können. „Die öffentliche Hand muss so billig wie möglich bauen, die nehmen das billigend in Kauf, dass am Rande der Legalität gebaut wird“, sagt Wenkel. Bei der Industrie- und Handelskammer in Potsdam sieht man das Ganze weniger kritisch. „Wir rufen jetzt dazu auf, Bietergemeinschaften zu bilden. So haben die kleineren Unternehmen eine bessere Chance, Aufträge zu bekommen“, sagt Detlef Gottschling, Sprecher der IHK Potsdam.

Die Kammer glaube an das Ziel, dass mit dem Bau des BBI 40 000 Arbeitsplätze in der Region entstehen können. „Man darf nicht von vornherein schwarz sehen“, sagt Gottschling.

Die Flughafengesellschaft beteuert, sie sei bereits auf die Wünsche der regionalen Unternehmen eingegangen. Die Lose seien so geschnitten, dass auch regionale, kleinere Anbieter bereits eine Chance bei der öffentlichen Ausschreibung hätten, sagte Ralf Kunkel.

Es werde circa 15 große Lose und etliche Dutzend kleinere Lose geben. Zu den großen Losen gehört etwa das Terminal, die Startbahn, „sonstige Gebäude“ wie der Hangar oder das Feuerwehrgebäude, die Straßenanbindungen, die Baustellenlogistik oder der Airport-Bahnhof.

Zu den kleineren Losen zählen Vermessungsleistungen oder der Bau eines Besucherturms. Diese Aufträge werden europaweit ausgeschrieben, das Gros werde in diesem Jahr und 2007 vergeben werden, sagte Kunkel. Die Antikorruptionsorganisation Transparency International kontrolliert die Vergabe der Aufträge. Preis, Termintreue und Leistungsfähigkeit seien die ausschlaggebenden Kriterien für die Vergabe.

Bisher wurde nur die Planung der Projekte vergeben – insgesamt im Wert von 100 Millionen Euro. Davon sind laut Kunkel 85 Prozent in der Region geblieben. Allerdings handele es sich dabei auch um mittelständische Planungs- und Architektenbüros, die ohnehin meist aus der Region stammten.

Im Bieterverzeichnis, das die Auftragsberatungsstelle Brandenburg für regionale Unternehmen erstellt, sind bisher 272 Firmen verzeichnet. Allerdings sind das alles einzelne Firmen – Bietergemeinschaften kann das System noch nicht aufnehmen. „Daran müssen wir jetzt arbeiten“, sagt Geschäftsführerin Christine Loeben. Die Software müsse nun verändert werden.

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) appelliert ebenfalls an die kleineren regionalen Unternehmen, Bietergemeinschaften zu bilden, um günstigere Angebote vorlegen zu können. Dann hätten sie auch eine Chance, sagt der Experte. Schwarzarbeit und Scheinselbstständigkeit seien in den vergangenen Jahren stark eingedämmt worden. Es gebe keine Diskriminierung gegen die Unternehmen aus Berlin und Brandenburg, betont Brenke. Sie müssten sich jedoch wie alle anderen dem Wettbewerb stellen. Die Prognose von 40 000 neuen Jobs hält er jedoch ebenfalls für zu optimistisch.

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