Zeitung Heute : Zusammen sind sie stark

Die deutschen Rollstuhlbasketballerinnen holten dank ihrer Geschlossenheit und einer herausragenden Teamleistung Gold.

ENYA WOLF[18 JAHRE]
Der Wurf sitzt. Im Finale schlugen die deutschen Frauen Australien.
Der Wurf sitzt. Im Finale schlugen die deutschen Frauen Australien.

Anspannung, Anstrengung und schließlich Ausgelassenheit. All das sah man in den geröteten Gesichtern der deutschen Rollstuhlbasketballerinnen. „Wir werden unser Bestes geben, um eine Medaille mit nach Hause zu nehmen“, hatte Johanna Welin vor den Paralympics gesagt. Und die Sportlerin hat ihr Versprechen gehalten: Im Finale besiegten die Deutschen Australien und erspielten sich paralympisches Gold.

Schon 2008 in Peking hatte es die Frauenmannschaft bei den Paralympics ins Finale geschafft, unterlag jedoch dem US-amerikanischen Team und brachte Silber nach Hause. Der jetzige Erfolg war wie eine Erlösung. „Wir haben uns angesehen und alle haben dasselbe gefühlt. Als wir uns umarmt haben, konnten wir die Tränen nicht mehr zurückhalten. Es war ein unglaubliches Gefühl“, sagte Nationalspielerin Edina Müller.

Wie eng das Verhältnis unter den deutschen Rollstuhlbasketballerinnen ist, konnte man während der Paralympics auch auf dem Spielfeld erkennen. Fiel eine Mitspielerin hin, half eine andere ihr auf. Traf sie den Ball nicht in den Korb, klatschte jemand ihre Hand ab. Saßen die Spielerinnen mal auf der Bank, feuerten sie ihre Teamkolleginnen aus Leibeskräften an. „Wir wussten, dass wir zusammen alles erreichen können. Jeder hat seinen Teil für das Team geleistet. Wir haben sowohl in der Defensive als auch in der Offensive stark gespielt. Nur so konnten wir Gold gewinnen“, sagte Johanna Welin.

Für die deutsche Männermannschaft dagegen war schon im Viertelfinale Schluss. Das Team unterlag den USA. „Wir haben uns letztendlich selbst besiegt“, sagte Trainer Nicolai Zeltinger. Dabei hatte es für das Team zu Beginn der Paralympics noch so vielversprechend ausgesehen: Vier von fünf Gruppenspielen entschieden die Deutschen für sich.

Doch auch ohne Medaille leisteten sie etwas. Sie begeisterten die Fans und verdienten sich große Anerkennung im sportlichen Bereich. Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), sagte: „Es ist unglaublich, welche Leistungen unsere Jungs bei den Paralympics erbracht haben.“ Dazu gehören die vielen Körbe von Dirk Passiwan. Der 35 Jahre alte Spieler bescherte seiner Mannschaft immer wieder entscheidende Punkte. Voraussetzung für jede starke Mannschaft ist jedoch ein starkes Mannschaftsgefühl – und das war bei den Deutschen in London spürbar. Nationalspieler Sercan Ismail erklärte: „Die Stimmung in der Nationalmannschaft war bombastisch. Jeder hat jeden unterstützt, wo er nur konnte. Wir sind wie eine große Familie.“

Für Trainer Nicolai Zeltinger ist der „Charakter des Teams“ die größte Stärke. „Bei uns arbeiten alle zusammen, da gibt es keinen Egoismus“, sagte er. Außerdem sieht er noch jede Menge Potenzial: „Wir hatten bei den Paralympics das jüngste Team. Darauf wollen wir bauen und es auch in Zukunft weiterentwickeln. Dann sind wir für Rio gut gewappnet.“

Wie sieht es also bei den deutschen Frauen aus, die mit Gold doch scheinbar alles erreicht haben? Trainer Holger Glinicki hatte sich in erster Linie auf die Paralympics 2012 konzentriert und wollte sich noch nicht genauer über die Zukunft äußern. Johanna Welin dagegen meinte mit einem Augenzwinkern: „Es gibt noch viele Goldmedaillen zu gewinnen.“ Eines scheint sicher: So schnell kann die deutschen Frauen nichts bremsen.

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