Zeitung Heute : Zustände wie in China: Tibetanischer Lama verhaftet

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Charlottenburg-Wilmersdorf. In Tibet begann gerade das Jahr des Pferdes, 2129. Mit einem Neujahrsfest feierten am Sonntag in der Wilmersdorfer Hohenzollernkirche Nina Hagen und Hunderte Berliner Buddhisten mit Buttertee-Zeremonien, Gebetsmühlen und mongolischen Kehlkopfgesängen. Für Gelek, Berlins einzigen tibetischen Lama , endete das alte Jahr mit einer Polizeiattacke.

Seit sechs Jahren sitzt der mit der Akkordeonistin Sandra Herbener verheiratete Lama Tschaglung Tulku Ngawang Gelek als „Bettelmönch“ in der Fußgängerzone auf der Wilmersdorfer Straße und betet. Sein Gebetsritual untermalt er musikalisch mit Singsang, Getrommel und Geklingel, er ist stets freundlich und versprüht mit seiner liebenswerten Art einen Hauch vom Straßenleben in Kathmandu und Lhasa in jene Wilmersdorfer Einkaufsstraße. Für viele ist er schon eine Berliner Institution. Nina Hagen hält ihre schützende Hand über den Freund, Stadtfü hrer interessieren sich für den Mann, Touristen kommen ihn besuchen und spätestens seit einer Arte-Fernsehdokumentation ist der Lama stadtbekannt.

Seit längerem fühlt sich ein Anwohner der Ecke Pestalozzistraße von dem Friedensapostel gestört und ruft regelmäßig die Polizei herbei. Ungeachtet dessen gewährt das Umweltamt dem Lama bis vor kurzem dessen freie Religionsausübung und auch Karstadt lässt den Mann in Ruhe. Neulich verbot das Rathaus dem Tibeter die Glöckchen, kurz darauf das Klingeln. Jetzt meldet die Frau des Tibeters folgenden Vorfall: Am 31. Januar kommen zwei Polizisten, bauen sich nach Zeugenaussagen „provozierend breitbeinig vor dem Beter auf und treten dem auf dem Pflaster hockenden Mann kräftig gegen das Schienbein, nachdem Gelek nicht blitzartig pariert und verschwindet“.

Aus nächster Nähe beobachten Wurstverkäufer Thomas Noffke, 41, und dessen Freund Siegfried Zö llner, 61, das Geschehen: „Die Beamten schreien den Mann an, obwohl der nichts getan hat. Passanten bleiben verwundert stehen. Bald bildet sich eine Menschenmenge. Empörte Buhrufe. Verunsicherte Polizisten, die aus Verzweiflung aggressiver reagieren und den Lama heftig behandeln. Als der Asiate immer noch nicht, wie gefordert, augenblicklich aufspringt, stoßen sie dem Mann, der keinerlei Widerstand leistet, ein Holzbein seines Hockers in die Rippen“. Unter dem Protest der etwa 50-köpfigen Passantenversammlung bugsieren die beiden Polizisten den Buddhisten, der mit dem Dalai Lama befreundet ist, in ihren Polizeibus. Gelek sagt dem Beamten: „Sie benehmen sich wie chinesische Polisten.“

Nach seiner Freilassung aus der Zelle am Kaiserdamm, Abschnitt 28, geht Gelek zum Röntgen ins Krankenhaus, lässt sich eine Prellung attestieren und erstattet gegen die Beamten Strafanzeige wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung. Die Polizei antwortet mit einer Gegenanzeige. Beschuldigung: Verleumdung zum Nachteil eines Polizeibeamten. Guido Schirmeyer

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