Zeitung Heute : Zutritt verboten

Urban Media GmbH

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Cipayung

An der Decke klebt Schimmel. Die Betten stehen eng nebeneinander, damit auf dem Boden noch Platz für Matratzen ist. „Besser als in Afghanistan“, sagt Mohammad. Seit acht Monaten ist er in Indonesien, in einem kleinen Zimmer des Hotels „Sulanjaya“ in Cipayung. Der Ort liegt eine gute Autostunde entfernt von Jakarta an der Straße zum Puncak-Pass, wo dicke Wolken an den Hügeln kleben. Normalerweise fahren hier Touristen herauf zu den Teeplantagen, zum Safari-Park und zum Botanischen Garten. Aber seit dem 11.September kommen nicht mehr viele, in den Restaurants langweilen sich Kellner, die Hotels stehen leer. Nur das „Sulanjaya“ ist ausgebucht. Schlappen und Sandalen liegen in den Fluren vor den Türen, im Speisesaal trocknet Wäsche auf Leinen.

Die 150 Gäste kommen aus Afghanistan, Iran und Irak. Sie wollten eigentlich nicht nach Indonesien, wo es kaum Arbeit gibt, sondern nach Australien. Schlepperbanden hatten versprochen, sie dorthin zu schmuggeln. 5000 bis 7000 Dollar hat sie das gekostet, geklappt hat es nicht. Aus.tralien fängt seit einem halben Jahr fast alle Flüchtlingsboote ab, Indonesien ist Endstation.

„Als ich losgefahren bin, war Australien noch leicht zu erreichen“, erzählt Mohammad. Er redet wie einErwachsener, nicht wie ein 16-Jähriger. Mohammad ist allein, seine Familie ist in Afghanistan gebliebe. Vater und Onkel haben Land verkauft, damit das Geld für den Schlepper zusammenkam, der den Jüngsten ins Wohlstandsland Australien bringen sollte. So hatten es die Nachbarn vor Jahren gemacht, jetzt bekommen sie vom Sohn jeden Monat Geld aus Australien geschickt. „Ich dagegen habe es nicht geschafft, ich habe versagt“, sagt Mohammad, „nach Australien bringt mich nur noch ein Wunder.“ Die anderen Männer im Raum nicken. Beim Flüchtlingshilfswerk der UN in Jakarta haben sie beantragt, als Flüchtlinge anerkannt und in ein Land geschickt zu werden, das Asylsuchende aufnimmt. „Daraus wird nichts. Seit die Taliban gestürzt sind, erkennt das UNHCR Afghanen nicht mehr als Flüchtlinge an“, sagt Mohammad. Er hat Recht.

Ein Mann bringt Brot und Bohnen. Mohammad und die anderen greifen zu, beim Essen erzählen sie: von Afghanistan, von gefälschten Pässen, mit denen sie nach Malaysia flogen, wo Bürger aus islamischen Nationen kein Visum brauchen. Von der 17 Stunden langen Bootsfahrt von der malaysischen Küste nach Jakarta. Und von den Versuchen, von Indonesien nach Australien zu kommen. „Zwei Mal haben wir es probiert. Einmal sank das Boot, wir retteten uns auf eine Insel. Leider gehörte sie noch zu Indonesien. Beim zweiten Versuch kehrte der Kapitän um, als ein australisches Kriegsschiff auftauchte.“ Über die Katastrophe vom vergangenen Oktober reden sie nicht, vielleicht weil sie wissen, dass es auch sie hätte treffen können. Damals ertranken 354 Flüchtlinge.

Draußen klatscht jemand in die Hände. „Alle zusammenkommen“, ruft eine Frau, „alle müssen noch mal registriert werden!“ Maha von der „Internationalen Organisation für Migration“ ist gekommen. Die IOM betreut die Asylsuchenden, die in Indonesien gestrandeten sind. Rund 1200 haben sich gemeldet, noch einmal so viele schlagen sich alleine durch. Die IOM bezahlt Unterkunft und Verpflegung.

Indonesien ist nicht verpflichtet zu helfen, weil der Staat die UN-Flüchtlingskonvention nicht ratifiziert hat. Die Behörden müssen sich schon um 1,2 Millionen Indonesier kümmern, die im eigenen Land auf der Flucht vor Gewalt sind. Maha von der IOM ruft noch einmal in den Flur: „Alle zusammenkommen!" Aus den Zimmern tauchen Männer in weiten Gewändern, Frauen mit Kopftüchern und Kinder in bunten T-Shirts auf. Maha winkt mit einem Stapel Papier: „Wer zurück nach Afghanistan will, füllt bitte dieses Formular aus“, sagte sie.

Dann ist es still. Eine Frau schaut fragend ihren Mann an. „Ist es denn in Afghanistan friedlich?“, fragt der älteste Mann in der Runde schließlich. Maha schluckt. Man sieht ihr an, wie sie mit der Verantwortung kämpft. „Na ja“, weicht sie aus, „die Situation ist nicht überall im Land gleich.“ Eine halbe Stunde lang diskutieren die Männer. Dann ist klar, dass im Moment niemand zurück nach Afghanistan will. „Wir trauen dem Frieden in Afghanistan nicht“, sagt der Älteste.“ Mohammad nickt ernst. Dann verabschiedet er sich, er mü sse beten. Ungefragt verrät er, wofür: „Australien".

Dass zum göttlichen Beistand auch ein irdischer kommen möge, ist eine Hoffnung, die ab morgen viele nach Bali blicken lässt:Dort beginnt eine internationale Konferenz zum Thema Menschenschmuggel.

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