Zeitung Heute : Zwei Aliens entdecken Amerika

REIMZEIT Hobbybiobauer Dieter Moor erzählt seine „Geschichten aus der arschlochfreien Zone“.

eNTe

Teddy, eigentlich Theo, wird nicht zum letzten Mal auf unserem Hof geholfen haben. Er ist ein Mann von Prinzipien. Eines dieser Prinzipien lautet: Wer Charakter haben tut, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und daran hält sich Teddy eisern. Spricht, wie von Muttern gelernt. Brandenburgisch. Und die hat eben nicht gesagt: „Wenn du zu viel Eis isst, wird dir schlecht werden“, sondern: „Dir wird schlecht, wenn de zu viel Eis essen tust.“ Alte Sprache, die Teddy noch lebt. Und wenn andere denken tun, er kann kein richtiges Deutsch nicht, tut ihm das piepegal sein.

Einmal, Teddy hatte ein Loch für eine Verzweigung der Hofwasserleitung gebuddelt, fragte er mich: „Wo willste denn die janzen Klamotten hinhaben?“

„Welche Klamotten?“

„Na, da sind 'n paar dolle Klamotten in die Erde drinne.“

Ich dachte mir: „Wer hat denn da Kleider vergraben auf dem Hof?“, und witterte schon einen sensationellen historischen Fund. Dann fiel mir ein, hier war ja Krieg, Amerika hatte gebrannt, Hitlers letztes Aufgebot von Kindersoldaten und Greisen hatte in der Gegend noch wenige Tage vor der Kapitulation fanatisch rumgeballert. Es wurde noch mal so richtig sinnlos drauflosgestorben. Waren die Klamotten, die Teddy da gefunden hatte, vielleicht Uniformen von damals eilig verbuddelten "Helden"? Gänsehaut kroch mir über den Rücken.

„Zeig mir mal diese Klamotten, Teddy.“

Wir gingen zum Erdloch. „Wo sind sie?“, fragte ich.

„Na da.“ Teddy zeigte neben die Grube.

„Ich seh sie nicht“, gab ich zu und fragte mich, welcher von uns beiden jetzt schleunigst eingeliefert werden sollte. „Ich sehe nur dein Loch und ein paar Feldsteine daneben.“

„Sach ich doch, und wo willste se jetzt hinhaben, die Klamotten, ’tschuldigung, die Feld-stei-nö?“

Steine heißen tatsächlich ursprünglich Klamotten. Wer wann warum auf die hirnrissige Idee kam, Kleider als „Steine“, also als „Klamotten“ zu bezeichnen, ich weiß es nicht.

Schlossparktheater,

25.2., 20 Uhr

Eigentlich sind die „Geschichten aus der arschlochfreien Zone“ wahr. Uneigentlich verfremdet Dieter Moor die Wahrheit zum Wohle des literarischen Vergnügens. Das beginnt schon damit, dass das brandenburgische Dorf, in dem der Schweizer Moderator und Schauspieler mit seiner österreichischen Frau ein neues Zuhause findet, „Amerika“ heißt. Viel Neues gibt es zu bestaunen, und all ihre kleinen Abenteuer sind eingebettet ins gemeinsame Glück, das sie auf dem eigenen Bio-Bauernhof fanden. Von diesem Suchen, Finden und Einleben „zweier Aliens aus dem Süden“ erzählt Moor mit sympathischer Leichtigkeit in den beiden Büchern „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“ und „Lieber einmal mehr als mehrmals weniger“ (beide Rowohlt). Und ob man sich irgendwo wohlfühlt, hängt zu einem großen Teil an den Menschen, die man dort trifft. Folgerichtig schildert Moor etliche Begegnungen mit brandenburgischen Ureinwohnern wie dem skurrilen Trio Krüpki, Müsebeck und – siehe nebenstehenden Textauszug – Teddy. Wenn Moor dies mit seiner nicht nur aus „Titel, Thesen, Temperamente“ bekannten Stimme vorträgt, vermittelt er den Eindruck, frei aus dem Gedächtnis zu erzählen. eNTe

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar