Zeitung Heute : Zwei am offenen Fenster

Der eine Romantiker, der andere Machtmensch – Gregor Gysi und Oskar Lafontaine sind „Die Linke“. Zu 80 Prozent stimmten sie überein, sagen sie. Wirklich? Kann Politik miteinander machen, wer so verschieden ist? Eine Paar-Analyse

Axel Vornbäumen

Man vergisst so viel. Man weiß so wenig.

Das dänische Fernsehen ist da. Hans Modrow war schon verdammt lange nicht mehr im dänischen Fernsehen. Er ist jetzt 77. Sein Haar ist weiß geworden.

Er war mal ein Hoffnungsträger. Für kurze Zeit. Da war die Welt noch eine andere.

„Man vergisst so viel. Man weiß so wenig“, sagt Hans Modrow.

Er würde jetzt gerne gehen. Aber er wurde aufgehalten. Und: Gibt es nicht auch noch so viel zu sagen? Den Dänen. Über das neue Deutschland. Mal nicht im „Neuen Deutschland“, ausnahmsweise. Vorhin hat er Brecht zitiert, das „Lied vom Klassenfeind“, erste Strophe, die letzten vier Zeilen: „Und ich lernte, wieso und weswegen / da ein Riss ist durch die Welt? / Und der bleibt zwischen uns, weil der Regen / von oben nach unten fällt.“ Oh ja, Bert Brecht hat die Welt, wie Hans Modrow sie sieht, sehr gut beschrieben. Bestimmt würde Modrow sich gerne von Bert Brecht umarmen lassen, wenn das noch ginge.

Nun aber hat Oskar Lafontaine ihn umarmt. Gerade eben hat er für einen kurzen Moment den Kopf auf Modrows linke Schulter gelegt. Er musste sich dafür nicht mal verbiegen, jedenfalls nicht körperlich. Sie sind in etwa gleich groß, Modrow, Lafontaine. Mitten im Gewühl sind sie da gestanden, Berlin Estrel, großer Saal, Mittelgang; eng umschlungen, in diesem Durcheinander aus Leibwächtern, Kamerateams und Mikrofonhaltern, das wie eine Lawine über Hans Modrow gekommen ist, als Lafontaine ihm nachgeeilt ist. Eine Geste war das. In der Partei sagen später die einen, Lafontaine habe „die Seele der Partei“ umklammert. Andere sagen, das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen. Sie sagen, Oskar Lafontaine habe sich angebiedert, und wahrscheinlich habe ihm der Gysi das eingeflüstert, der kleine Prinz.

Keine Atempause. Geschichte wird gemacht. Es muss vorangehen. Oder korrigiert werden. Wie man es nimmt. Und sei es als Farce.

Hans Modrow sagt hinterher dem dänischen Fernsehen, Oskar Lafontaine habe ihm versprochen, sich mit ihm zu treffen, um sich über die Vereinigung der Linken in Deutschland zu unterhalten. Schon bald. Er lächelt, als er das sagt.

Oskar Lafontaine sagt, der Begriff links sei ja nicht geschützt.

Dies ist eine Momentaufnahme. Zu sehen sind Gregor Gysi, 57, und Oskar Lafontaine, 61, auf ihrem Weg zurück in den Bundestag. Gregor Gysi hätte nicht gedacht, dass es so ein Bild noch mal geben würde in diesem Deutschland. Jedenfalls nicht so schnell. Wie im Zeitraffer geschieht gerade alles, Schröders Neuwahlcoup hat den Druck erhöht und somit viel erleichtert für die Linke, die nun Linkspartei heißt und nicht mehr PDS. So hoch sind die Erwartungen gestiegen, dass plötzlich alles möglich scheint: dritte Kraft, zweistelliges Wahlergebnis, die Verhinderung von Schwarz-Gelb, die Demontage der SPD, auf mittlere Sicht: rot-rot-grüne Koalitionen, und auf lange Sicht: die Korrektur von 1917, die Vereinigung der Linken unter Einschluss der Sozialdemokratie.

Wenn man mit Gysi spricht, in diesen Tagen, dann reichen seine Worte kaum aus, zu beschreiben, welches historische Fenster sich da im Augenblick womöglich gerade öffne. „Deutschland verändert sich“, sagt Gysi, „das ist ein bisschen ein Wunder!“ Die Veränderung hänge nicht damit zusammen, dass er und Oskar Lafontaine anträten – „wir sind nur in der Lage, dieses andere Bedürfnis zu artikulieren“. Er ist ja selbst erstaunt. Nun will er nachhelfen.

Er allein hätte das nicht hingekriegt. Das Fenster zu öffnen. Das weiß er. Nicht ohne den Oskar, den manche einen „Luxuslinken“ nennen, und den er „den lieben Oskar“ nennt, seit sie ihr Genossen-Du privatisiert haben. Wenn er bei den Lafontaines daheim im Saarland anruft, und er ruft mittlerweile täglich an, dann sagt er: „Hier ist der liebe Gregor, kann ich mal den lieben Oskar sprechen?“ Manchmal ist nämlich die Mutter am Apparat. Oder die Schwiegermutter. „Wussten Sie, dass Oskar mit Mutter und Schwiegermutter unter einem Dach lebt?“ fragt Gysi. „Das macht doch keiner.“

Gysi sagt, Lafontaine sagt, früher, als er noch bei den Sozialdemokraten war, habe es niemanden gegeben, der täglich anrief. Es entsteht nun eine kleine Pause. Eigentlich entstehen bei Gesprächen mit Gysi nie Pausen, aber diese, soviel ist klar, könnte das Gegenüber ja mal nutzen, um nachzudenken, ob das mit der sprichwörtlichen Wärme bei den Sozialdemokraten alles so stimmt, mmh?

Man merkt: Ihre Geschichte kommt ohne historische Zusammenhänge nicht aus, und ohne den menschlichen Faktor auch nicht. Manchmal liegt beides aber auch sehr nah beieinander. In der SPD beispielsweise finden sie seit langem, dass gerade hinsichtlich Oskar Lafontaine der historische und der menschliche Faktor sehr eng zusammen liegen. Es gibt nicht wenige, die sagen, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, er sei ein „Arschloch“. Sie drücken sich nur dann gewählter aus, wenn die Mikrofone angehen. Oskar Lafontaine ist dann ein „Verräter“. Die Sorge in der Sozialdemokratie ist sehr groß, dass da, ausgerechnet, ein egomaner „Enkel“ Willy Brandts der Partei den vielleicht schwersten Schaden in ihrer Nachkriegsgeschichte zufügen wird; wenn er es nicht schon längst getan hat. „Willy Brandt“, sagen sie, „würde sich im Grabe umdrehen.“

So viel Hass, wie gegenwärtig Oskar Lafontaine entgegengebracht wird, sagt Gregor Gysi, habe er schon lange nicht mehr erlebt. Hass in den Medien und von den Parteien. Gysi ist Spezialist in Sachen Hass, er hat ihn ja am eigenen Leib erfahren. Keiner, sagt er, habe in Nachwendezeiten mehr aushalten müssen als er selbst. Er war es, der die SED als PDS ins neue Deutschland überführt hat. Seine Widerstandskraft hat er damals übrigens zu einem Gutteil daraus bezogen, dass er es als historische Mission empfand, den diskreditierten Teil der Ostdeutschen einigermaßen erhobenen Hauptes im neuen Deutschland ankommen zu lassen. Sie haben ihn gehasst dafür, tief im Westen, in Bonn. Irgendwann, sagt er, habe das dann nachgelassen. Es muss so um die Zeit gewesen sein, als Helmut Kohl altersmilde zu werden begann. Oskar Lafontaine jedenfalls war da längst SPD-Chef. Damals, ’95, nach dem Putsch von Mannheim gegen Rudolf Scharping, hat Lafontaine übrigens mal gesagt, die SPD sei eine Linkspartei. Damals haben sie sich auch kennen gelernt, bei ersten klandestinen Treffen. „Er war einer von ihnen“, sagt Gysi, der damit die SPD meint und ein bisschen auch den Westen, „jetzt geht er hierher – deshalb reagieren sie so aggressiv.“

Wenn jetzt die neue Zeit noch einmal beginnt, weil die alte sich irgendwo in den Mühen der Ebene verloren hat, dann sind solche Erfahrungen nicht ohne Bedeutung. Gregor Gysi hat da durchaus sein Déjà vu. Es ist sein alter Traum von einer gesamtdeutsch entstehenden Linken, sein Traum von „europäischer Normalität“, davon, dass da noch was kommen möge, links von der Sozialdemokratie, ein „Korrektiv“.

Und dennoch: Er hätte seinen Traum Traum sein lassen. Ja, er wäre nicht mehr angetreten, selbst wenn Parteichef Lothar Bisky noch so sehr gebittelt und gebettelt hätte und selbst wenn die neue soziale Ungerechtigkeit, wenn Hartz IV und ALG II noch so sehr einluden zur Kritik. Er hätte es sich nicht mehr angetan. Nicht mit dieser Ungewissheit im Gepäck, womöglich wieder haarscharf an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern, milieustabil im Osten, aber fremd geblieben im Westen. Gregor Gysi, der Romantiker, weiß, dass Oskar Lafontaine, der Machtpolitiker, das historische Fenster aufgetan hat.

Wäre es schlimm, wenn dessen Motive andere wären als seine, Gysis?

Das sind so diese Gretchenfragen. Die Fragen, bei denen der Politiker Gysi, im Brotberuf Anwalt, in seine liebste Rolle schlüpft: in die des Verteidigers. Eigentlich hat er ja sein ganzes politisches Leben lang nichts anderes gemacht, als zu verteidigen: die DDR, die PDS, den Osten, die Benachteiligten, sich selbst. Jetzt verteidigt er halt Lafontaine. Man kann, ohne ihm zu nahe zu treten, sagen, dass Gregor Gysi durchaus Spaß daran hat, Oskar Lafontaine zu verteidigen. Es erleichtert vieles.

Denn im Grunde war seine, Gysis, Position noch nie so komfortabel wie heute. Er ist nun nicht mehr das Hass-Objekt Nummer eins, selbst jetzt nicht, da allenthalben wieder die altbekannten Abwehrreflexe einsetzen, jetzt, da der Streit um die Herausgabe seiner Stasi-Akten wieder hochkocht, rechtzeitig vor der Bundestagswahl. Er kann sich einrichten im Schatten Lafontaines. Sogar den notorisch letzten Platz im Beliebtheitsranking des „Spiegel“ hat er an seinen Mitstreiter abgeben können, seitdem der wieder auf der politischen Bühne zurück ist. Es ist also durchaus so, dass Gregor Gysi Kraft spart durch Oskar Lafontaine.

Zur kraftspendenden Normalität im neuen Leben des Gregor Gysi gehört übrigens auch der bemerkenswerte Umstand, dass noch keiner darauf verfallen ist, Oskar Lafontaine vorzuwerfen, sich mit Gregor Gysi einzulassen. Umgekehrt schon.

Zurück also zur Gretchenfrage. Was, wenn was dran ist, dass sich ein Luxuslinker, bald 62-jährig, auf seine alten Tage, nochmal in einem letzten eitlen Kraftakt an seiner alten Partei abarbeiten will – und mehr nicht? Dann hätte, wenn alles gut geht, der Romantiker den Machtpolitiker benutzt. Wenn nicht? Dann war’s den Versuch allemal wert.

Ein Bubenstück, wenn alles klappt. Geschichte würde gemacht, und wenn sie nicht mit einem Pyrrhussieg beginnen soll, dann muss, was nicht passt, auf die Schnelle passend gemacht werden. Seiner Partei hat er neulich, unter Inkaufnahme eines bedenklich ansteigenden Blutdrucks, verklickert, dass sie da nun jemanden an ihrer Seite habe, für den das „in seinem Leben kein ganz einfacher Schritt“ gewesen sei. Gysi musste dafür zu seiner stabilsten Brechstange greifen: zur Dialektik. Lafontaine sei sich treu geblieben, nur die SPD habe aufgehört, sozialdemokratisch zu sein. Er ist richtig laut geworden. Und Lafontaine hat ganz stillgehalten an dieser Stelle von Gysis Linksparteitagsrede, Berlin, Estrel. Später sagt Gregor Gysi noch, die Partei solle sich wegen des aufzuteilenden Fraktionsvorsitzes keine Sorgen machen, ein bisschen „cheffig“ werde er schon bleiben. Lafontaine hält auch da ganz still.

Auf der Frankfurter Allee, Berlin-Friedrichshain, hat Gysi dieser Tage zum ersten Mal das offizielle Wahlplakat gesehen. Er, gemeinsam mit Lafontaine, wie er ihn von der Seite anguckt. Da fliegen die Assoziationen über das Verhältnis der beiden zueinander nur so heran. Man kann Gysis Blick für schelmisch halten, für flirtend, für unterwürfig. Das Plakat gefällt ihm nicht. Die Agentur hat ihm das Foto vorher nicht gezeigt, „aus gutem Grund“. Aber nun ist es da, und weil es bleiben muss, muss auch Frieden gemacht werden mit dem unglücklichen Motiv. Es dauert ein bisschen, dann sagt Gregor Gysi: „Es ist so: Ich erkläre Oskar die Welt. Und er lächelt zufrieden.“ Drollig. Gysi ist nun auch zufrieden. Nun hat er auch noch das Plakat verteidigt. Ein bisschen Wahrheit ist sogar mit dabei.

Ein paar Tage später hängt dieses Plakat übrigens schon nicht mehr, an seiner Stelle: Gysi allein.

Auf dem Opernplatz in Frankfurt steht Oskar Lafontaine. Er hat in der Nachmittagshitze dieses Spätsommertags die Welt erklärt; es ist das Standardprogramm, in dem er es mittlerweile bis in die einzelne Formulierung hinein zu erstaunlicher Deckungsgleichheit mit Gysi gebracht hat. 80 Prozent Übereinstimmung, sagt der, gebe es sowieso. Über die 15 der restlichen 20 Prozent werde man schon einig werden, nur der Rest werde problematisch. Vorerst sind das Stilfragen. Die kraftmeiernden Ausflüge Lafontaines in den Populismus.

Oskar Lafontaines hellblaues Halbarmhemd ist nun durchgeschwitzt. Er hat sich ins Zeug gelegt, doch. Es ist der erste gemeinsame Auftritt im Westen der Republik. Eigentlich soll zwei Tage später der Osten, Dresden, genommen werden, da ist Lafontaine allerdings zu heiser. Aber viel Zeit gibt er sich nicht zum Erholen. In Köpenick, gestern, am Samstag, war er wieder da, ist wieder in die Vollen gegangen mehr als eine halbe Stunde lang mit dem Standardprogramm, und geschwitzt hat er auch. Ein bisschen hatten sie ja gezweifelt, in der Partei, wie weit es wohl her sein würde mit seinem Engagement, weil er noch bis tief in den August seinen viel beachteten Mallorca-Urlaub nicht hatte verschieben wollen, das Bad im Zwölf-Meter-Pool inklusive.

„Wussten Sie, dass er eine marokkanische Familie dabei hatte, die mit im Haus gewohnt hat?“, fragt Gregor Gysi. „Das weiß doch niemand.“

In Frankfurt zitiert Lafontaine Rousseau. Mit Betonung tut er das, wie immer zwei Mal, des komplizierten Satzbaus wegen: „Zwischen dem Starken und dem Schwachen befreit das Gesetz, während die Freiheit unterdrückt.“

Ein Hauch von Grundüberzeugung schimmert aus solchen Sätzen durch, ein bisschen Sozio-Romantik. Gysi gefällt das, es macht die Sache mit seinem Kompagnon ein wenig einfacher. Auch wenn das Volk andere Sätze hören will, Sätze wie: „Die Mehrwertsteuererhöhung der Angie Merkel ist in Wahrheit eine Rentenkürzung.“ Oder: „Die Linke will, dass die Ölkriege der Vergangenheit angehören.“ Auf dem Opernplatz klatschen sie eher an solchen Stellen und auf der Domplatte in Köln auch. So, wie sie seinerzeit bei Lafontaines Testlauf im Osten, in Chemnitz, bei der „Fremdarbeiter“-Passage geklatscht haben – jener Formulierung, die phasenweise den ganzen Advokaten in Gysi gefordert hat, und die nun der Linkspartei den Vorwurf einbringt, im Trüben zu fischen. Nach Chemnitz hat man die Wortwahl feinjustiert. Gysi hat die „Fremdarbeiter“ in deutschen Steuerformularen aufgestöbert, Behördensprache, Lafontaine ist ein wenig gedämpfter geworden.

Es ist also ein durchaus schmaler Grat, auf dem in diesen Tagen alles vereinigt werden muss, Grundüberzeugung und Machtwillen und Ost und West und Eitelkeit. Alles lässt sich ja nun auch wieder nicht absprechen. Nach seinem Opernplatzauftritt gibt Oskar Lafontaine noch drei, vier Stegreif-Interviews. Eines davon dem venezolanischen TV-Sender „Telesur“. Die Frau von „Telesur“ will wissen, was Lafontaine vom US-Fernsehprediger Pat Robertson hält, der jüngst dazu aufgerufen hatte, dass die USA Venezuelas Staatschef Hugo Chavez umbringen sollten, immerhin einen Mann, der sich als Sozialist bezeichnet. Es ist wahrscheinlich das einzige Mal, dass sich Lafontaine in diesem Wahlkampf mit Lateinamerika auseinander setzen muss.

Gregor Gysi denkt dagegen sehr viel über Lateinamerika nach. Über Arm und Reich und darüber, dass die Reichen ihren Reichtum abschotten müssen, als ob sie im Gefängnis lebten. Mit dem Sozialismus in Europa, sagt er, werde das auf lange Zeit noch sehr, sehr schwer. „Die spannendsten Ideen werden aus Lateinamerika kommen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!